Die grösste Berufsmesse der Schweiz ist eröffnet: Tausende Jugendliche, die demnächst ins Arbeitsleben einsteigen, strömten gestern zur Berufsmesse Zürich in die Oerliker Messehallen. Eine Sonderschau widmet sich dort dem Thema «Berufswelten der Zukunft». Es geht um den Megatrend der Gegenwart: Digitalisierung. Ein Thema, das oft von Ängsten begleitet ist, wie Messeleiterin Encarnacion Maria Dellai sagte. Der Grund: «30 Prozent der heutigen Stellen werden in den nächsten Jahren verschwinden.» Roboter und andere digital gesteuerte Geräte übernähmen einen Grossteil der Arbeit.

Doch Grund zur Panik besteht eigentlich nicht, wie der Zukunftsforscher Georges Roos in seinem Eröffnungsreferat sagte. Denn die Erfahrung mit den bisherigen drei industriellen Revolutionen zeige: «Nach einer gewissen Zeit gab es jedes Mal mehr und qualifiziertere Arbeitsplätze.» Dies habe sich nach der Erfindung des mechanischen Webstuhls im 18. Jahrhundert ebenso erwiesen wie nach dem Beginn der Fliessbandarbeit und zuletzt bei der Automatisierung im 20. Jahrhundert. Für ein Technologieland wie die Schweiz sei die Digitalisierung daher eine Chance.

So begrüsst der Industrieroboter die Besucher

So begrüsst der Industrieroboter die Besucher

Roos nannte einige Beispiele, wie künstliche Intelligenz von Computern und das Internet der Dinge die Arbeitswelt verändern: Da wäre die Kreissäge, die so programmiert ist, dass sie merkt, wenn statt Holz ein Finger näher kommt und dann sofort abstellt. Oder der Wandel in der Medizin: «In wenigen Jahren können Maschinen 80 Prozent der Arzt-Tätigkeiten übernehmen», so Roos. Gefüttert mit riesigen Datenmengen über Krankheitsverläufe würden Maschinen bald bessere Diagnosen als ein Arzt stellen.

Menschliche Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung

Gleichzeitig gewännen typisch menschliche Fähigkeiten an Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt. Zum Beispiel die Fähigkeit, durch Fantasie zu neuen Lösungen zu kommen. Oder auf menschliche Bedürfnisse einzugehen. «Maschinen werden Gefühle simulieren, aber niemals Gefühle haben», so Roos. Und: «Künstliche Intelligenz kann die beste Strategie vorschlagen, aber keine Verantwortung für Entscheidungen übernehmen.»

Neben der Digitalisierung verändere ein zweiter Megatrend die Berufswelt hierzulande: der steigende Anteil älterer Menschen an der Gesellschaft. «Pflege- und Gesundheitsberufe werden wichtiger», sagte Roos. Auch Dienstleistungen für noch rüstige ältere Leute seien ein Zukunftsmarkt.

Zudem brauche es vermehrt Weiterbildung, denn in einer alternden Gesellschaft werde es normal sein, im Laufe eines Arbeitslebens einen Zweit- oder Drittberuf zu erlernen. Handkehrum sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Gebot der Stunde, um den Trend zur Überalterung der Gesellschaft zu bremsen. «Diese Herausforderungen können wir immer noch besser bewältigen als Roboter», so der Zukunftsforscher.

Der Lichtschalter macht Kaffee

In der Sonderschau «Berufswelten der Zukunft» zeigen Berufsleute, wie die Digitalisierung ihre Arbeit verändert. Da ist der Geomatiker, der mit einer Drohne Luftaufnahmen macht, die dann zu Landkarten oder über 3-D-Drucker zu Siedlungsmodellen werden, mit denen dann Architekten arbeiten. Oder der Automatiker im ersten Lehrjahr, der den Industrieroboter vorführt, den er mit einem Kollegen programmiert hat. Die Maschine reagiert, anders als die meisten Roboter, auf menschliche Berührungen und hält bei solchen jeweils inne. «So können Mensch und Maschine ohne Verletzungsgefahr zusammen arbeiten», erklärt der Automatiker. Eingesetzt werde der Roboter für Fliessbandarbeit sowie in der medizinischen Industrie.

An einem anderen Stand können Messebesucher sich am SBB-Fahrsimulator als Lokführer oder Zugbegleiter versuchen. Oder in einem Container die Vorzüge eines smarten Hauses kennenlernen, in dem der Lichtschalter bei zweimaligem Drücken die Kaffeemaschine einschaltet, die mit Solarstrom vom Dach läuft. «Es geht in diese Richtung», erklärt der Smart-Hausherr aus der Elektronikbranche. Heute seien bereits über zehn Prozent der Häuser so ausgerüstet. In einigen Jahren werde es schweizweit eine Million smarte Häuser geben.