Bei einer Vorführung im Feuerwehrdepot Schlieren verletzte sich ein Bub so schwer am Kopf, dass er operiert werden musste. Kürzlich wurde bekannt, dass sich die Stadt Schlieren und die Familie des Kindes wegen dieses Schadenfalls vor zwei Jahren in den Haaren liegen (die Limmattaler Zeitung berichtete). Es herrscht Uneinigkeit darüber, wer die dadurch entstandenen Kosten übernehmen muss.

Die Stadt teilte Ende März auf Anfrage mit, dass die Familie mit der Entschädigung der Haftpflichtversicherung der Stadt nicht einverstanden sei. Jetzt meldet sich der Vater des Kindes zu Wort. «Es hört sich so an, als würden wir mehr Geld fordern, als uns zusteht. Doch das stimmt nicht», stellt er klar. Sie hätten der Versicherung der Stadt lediglich den Aufwand der letzten zwei Jahre in Rechnung gestellt. Dazu gehören Selbstbehalte, Pflege- und Verbandsmaterial, ein Ultraschalltherapiegerät für die Behandlung der Narbe, verlorene Arbeitstage sowie die täglich erbrachten Pflegeleistungen. Insgesamt handelt es sich dabei um rund 17 000 Franken.

Die Versicherung der Stadt hat der Schlieremer Familie kurz nach dem Unfall 5000 Franken überwiesen. Nun will sie nur noch weitere rund 3400 Franken zahlen, so der Vater (der Briefverkehr zwischen dem Anwalt der Familie und der Versicherung liegt der Limmattaler Zeitung vor). Für die Eltern ist das enttäuschend. «Unser Sohn wurde ohne sein Verschulden schwer verletzt. Er trägt sein Leben lang eine Narbe davon, ganz abgesehen vom seelischen Schaden. Es wäre das Mindeste, dass die Stadt für sämtliche damit verbundenen Kosten aufkommt.»

Der 12. Mai 2017 hat das Leben der Familie verändert. Der Bub besichtigte an diesem Tag mit seinen Klassenkameraden und der Lehrerin das Feuerwehrdepot Schlieren, während sich die Eltern mit anderen Lehrpersonen zum Austausch trafen. Organisiert wurde der Anlass vom Elternforum Schlieren. «Ich habe mir nichts Böses gedacht und bin davon ausgegangen, dass die Kinder Feuerwehrautos, Schläuche und Uniformen zu sehen bekommen», sagt der Vater. Doch der Besuch stellte sich als viel anschaulicher heraus.

«Wann kommt der Krankenwagen?»

Den Kindern wurde gezeigt, wie man eingeklemmte Personen aus Autos befreit. Dazu schnitt ein Feuerwehrmann mit einer Presszange ein Metallrohr durch. Die Erstklässler schauten aus vier Metern Entfernung zu. Und dann passierte es: «Ein Teil des Rohrs spickte beim Sägen in die Menge und erwischte meinen Sohn am Kopf», sagt der Vater.

Der Anblick, der sich ihm nach seinem Eintreffen am Unfallort bot, sei schrecklich gewesen. «Die Kinder schrien und weinten, die Lehrerin wusste nicht mehr, wen sie als erstes trösten sollte, und mein Sohn war trotz Druckverband blutüberströmt.» Die Wunde auf der Stirn sei so tief gewesen, dass man den Knochen habe sehen können. «Meine erste Frage war: Wann kommt der Krankenwagen?» erinnert sich der Vater. Doch die Ambulanz sei nicht einmal gerufen worden. «Man hat die Situation falsch eingeschätzt und die Verletzung als Schramme runtergespielt. Das war fahrlässig.» Doch nicht nur dies wirft der Vater den Feuerwehrmännern vor. «Wenn solche Demonstrationen durchgeführt werden, müssen die Zuschauer doch entsprechend mit Schutzbekleidung wie Helmen ausgerüstet sein.»

Im Spital Limmattal wurde dann klar: Die Wunde auf der Stirn ist mehr als eine Schramme. Um die rostigen Metallsplitter zu entfernen, wurde sogar eine Operation nötig. Der Bub musste dafür ins Kinderspital nach Zürich. Seit diesem Tag trägt der heute Neunjährige eine sechs Zentimeter lange und zwei Millimeter breite rosarote Narbe auf der Stirn.

«Wenn wir als Eltern nicht alles Mögliche unternommen hätten, würde man die Narbe vermutlich noch besser sehen», sagt der Vater. Genau dies ist nun der Streitpunkt. «Die Versicherung der Stadt gab uns zu verstehen, dass wir die Pflege übertrieben haben.» So findet die Versicherung etwa, dass für das tägliche Eincremen und Massieren der Narbe nicht so viel Zeit aufgewendet werden müsse. Zudem ist sie der Ansicht, dass der Primarschüler sich teilweise selbst darum hätte kümmern können, wie in einem Schreiben der Versicherung zu lesen ist. Woran sich die Eltern ebenso stossen, ist das Argument der Versicherung, dass die Mutter die Arzttermine auf ihre arbeitsfreien Tage hätte legen können. «Man wirft uns indirekt vor, dass wir uns an der ganzen Sache bereichern wollen», sagt der Vater. Dabei habe man die Kosten bewusst niedrig gehalten. «Wir hätten auch die Kinderspitex für die tägliche Wundversorgung engagieren können. Das wäre jedoch viel teurer gewesen.»

Die Eltern sahen nach dem Unfall von einer Strafanzeige ab. Dies, weil ihnen die Stadt versicherte, die Haftung zu übernehmen. Nun bereuen sie diesen Entscheid. «Wir sind von der Stadt und der Versicherung über den Tisch gezogen worden», sagt der Vater. Ihnen bleibe nichts anderes übrig, als die rund 3400 Franken anzunehmen. «Den Gang vors Gericht können wir uns nicht leisten.» Es sei zu hoffen, dass die Stadt künftig in einem ähnlichen Fall anders handle. Die Familie will nach diesen zwei schwierigen Jahren nach vorne blicken. «Auch wenn wir den Unfall und die Narbe nicht rückgängig machen können, so sind wir vor allem sehr froh, dass unser Sohn am Leben ist.»

Stadt nur indirekt involviert

Dass die Familie sich über den Tisch gezogen fühlt, bedauert die Stadt gemäss Sicherheits- und Gesundheitsvorstand Pascal Leuchtmann (SP). «Trotzdem müssen wir festhalten, dass die Stadt im konkreten Verfahren nur indirekt involviert ist und keinen Einfluss darauf hat», sagt er auf Anfrage. Es handle sich um eine laufende Auseinandersetzung zwischen der Familie und der Versicherung.

«Weil die Stadt weder die genauen Forderungen der Familie noch die detaillierte Stellungnahme der Versicherung kennt, können wir nicht beurteilen, ob der ausbezahlte Betrag gerechtfertigt ist», sagt Leuchtmann. Sicher ist man jedoch, dass der Unfall hätte verhindert werden können. Die Konsequenzen daraus hat die Stadt gezogen. Sie überprüfte die internen Abläufe und Sicherheitsvorkehrungen insbesondere bei Besucherführungen im Feuerwehrdepot. Es würden wieder Führungen angeboten, jedoch nur für Schulklassen der Stadt Schlieren, ohne Demonstrationen von Geräten.