Es regnet gelbe und orange Blätter von den Bäumen. Die Sonne strahlt durch die Wipfel bis auf den Waldboden, der über und über mit Laub und Eicheln bedeckt ist. Walter Sommerhalder zeigt mit seinem roten Spazierstock auf einen Weg im Gubrist-Wald zwischen Regensdorf und Höngg. «Das wäre die erste Abzweigung», sagt er und blickt auf ein Blatt Papier. Darauf eingezeichnet ist der Weg zu einer Höhle: der «Russenhöhle». Sie trägt wohl nicht zufällig denselben Namen wie jene oberhalb von Oberengstringen unweit des Guts Sonnenberg.

Als der 86-jährige Schlieremer Ende September die Limmattaler Zeitung aufschlug und den Artikel über die Gedenkfeier für die während des napoleonischen Feldzugs 1799 in Unterengstringen gefallenen Russen las, fasste er sich ein Herz und meldete sich bei der Redaktion. «Der Bericht hat mich dazu bewogen, das Geheimnis der ‹Russenhöhle› zu lüften, für das ich vor 75 Jahren als Pfadfinder eigentlich mit Blut geschworen habe, es nie zu verraten», schrieb Sommerhalder. Doch weil er nicht wolle, dass das Wissen um den Ort verloren gehe, wenn er nicht mehr lebe, breche er sein Versprechen.

Und so finden sich an einem herrlichen Herbstnachmittag der Senior, seine Tochter Andrea und die Redaktorin im Gubrist-Wald wieder auf der Suche nach der sagenumwobenen Höhle. Die Geissbergstrasse oberhalb des Restaurants Grünwald in Höngg, die in den Wald führt, ist gut besucht. Auf ihrer rechten Seite befinden sich Parkplätze. Fahrzeuge fahren ein und aus. Hundehalter und Spaziergänger sind vornehmlich anzutreffen. Doch auch Jogger und Velofahrer hat es. Von ihnen wird man regelrecht an die Strassenseite gedrängt. Dass sich wenige Kilometer entfernt eine sagenumwobene Höhle befinden soll, kann ich mir angesichts dieser Betriebsamkeit kaum vorstellen.

Auf Knien kriechen

Geteerte Strassen und eine solche Hektik traf Sommerhalder am 18. August 1943 an diesem Ort nicht an. Als 11-Jähriger war er mit der Zürcher Pfadi Flamberg im Wald beim Gubrist unterwegs. Das Ziel war auch damals die «Russenhöhle». «Unser Rottenführer war in Höngg aufgewachsen und kannte sich in diesem Gebiet bestens aus», erzählt Sommerhalder. Als junger Bursche sei für ihn die Begehung der knapp 1,7 Meter hohen Höhle etwas ganz Besonderes gewesen. «Man musste durch den sehr schmalen Eingang kriechen, konnte dann aber sofort aufrecht stehen. Der Boden war teilweise feucht. Die Höhle war schlauchartig und führte etwa 30 bis 50 Meter in den Berg hinein», erinnert sich Sommerhalder.

Unheimlich sei es schon etwas gewesen. «Wir wussten nicht, was uns im Schein der Taschenlaterne begegnen würde.» Besondere Beachtung schenkte er den Wänden. «Am Gestein konnte man genau die Spuren von Spitzhacken erkennen, mit denen die Höhle geschaffen wurde.» Die Urheber seien wohl russische Soldaten gewesen. «Sie sollen sich so 1799 vor den napoleonischen Truppen des Generals Masséna, die ja bekanntlich bei Dietikon die Limmat überschritten haben, versteckt haben.»

Als hätte er gewusst, dass er auch noch Jahre später wieder zur «Russenhöhle« pilgern würde, fertigte Sommerhalder eine kleine Karte an, auf der er die Route festhielt. Laut dieser soll man den dritten Weg rechts der Strasse wählen und dann die Abzweigung rechts einschlagen. Auf einer arena-artigen Wölbung des Bodens soll der Höhleneingang dann auf der linken Seite des Weges zu finden sein.

Wie Schatzsucher begeben wir uns durch den Wald. Es dauert nicht lange, bis wir den ersten rechts abzweigenden Weg finden. Wir spazieren an ihm vorbei. Die zweite Abzweigung folgt ein paar hundert Meter später. Auf Sommerhalders Plan scheint Verlass zu sein. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Höhle finden. Noch.

Schön angezogen

Der dritte Weg, den wir laut Karte nehmen müssen, lässt auf sich warten. Eine Buche, die eine auffällige Verletzung in der Rinde hat, soll exakt gegenüber der Abzweigung stehen. «Die haben schwer gearbeitet hier. Ich hoffe, die Buche liegt nicht auf einem dieser Stapel», sagt Andrea Sommerhalder, als sie die vielen Holzstösse entlang des Wegs erblickt. Sie ist nicht das erste Mal mit ihrem Vater auf der Suche nach der «Russenhöhle». Walter Sommerhalder war seit dem ersten Besuch auch als Pfadileiter 1946 und 1948 sowie in den 1970er-Jahren einmal mit seinen Kindern vor Ort. «Er hat mir und meinem Bruder davon erzählt und wir wollten die Höhle unbedingt sehen», erinnert sich Andrea Sommerhalder. Es sei unheimlich gewesen. Reingekonnt hätten sie damals nicht. «Die Höhle war recht zugewachsen und nur noch ein Spalt offen», sagt Andrea Sommerhalder. «Mein Bruder wäre gerne hineingekrochen, doch es war nicht möglich.» Sie hätten nichts dabei gehabt, um den Eingang freizuschaufeln. «Zudem war es Sonntag. Wir waren alle schön angezogen und meine Frau hätte keine Freude gehabt, wenn wir drei schmutzig nach Hause gekommen wären», sagt Walter Sommerhalder und lacht. Dieses Mal sei er besser ausgerüstet. Sommerhalder zeigt auf seinen Rucksack. Darin befinden sich eine Taschenlampe und eine Hacke.

Lehrer-Gen geerbt

Es sei schön, dass sie den Ausflug mit ihrem Vater nun fast 50 Jahre später nochmals machen könne, sagt Andrea Sommerhalder. «Ich bin froh, dass er noch so zwäg ist. Er geht regelmässig ins Fitness und ist auch sonst sehr aktiv.» Die beiden pflegen ein enges Verhältnis. «Wir sehen uns mindestens einmal pro Woche im Stadtorchester Schlieren», sagt sie. Beide spielen Geige. Doch nicht nur die Leidenschaft für die Musik teilen sie. «Ich bin Englisch- und Deutschlehrerin, mein Vater war lange Sekundar- und Gymnasiallehrer in Schlieren und Zürich.» Das Lehrer-Gen habe sie von ihm geerbt.

Als wir uns langsam fragen, wo die dritte Abzweigung bleibt, stehen wir plötzlich davor. «Nun ist es nicht mehr weit. Bei der nächsten Gabelung müssen wir rechts halten», sagt Sommerhalder und beschleunigt seinen Gang. Die Vorfreude ist ihm anzumerken. Als Kind habe ihn Geschichte überhaupt nicht interessiert. «Ich fand es eines der schlimmsten Schulfächer. Nicht mal mit Spicken schaffte ich eine gute Note», erinnert er sich. Doch die Geschichte von den Russen im Limmattal, die vermochte ihn zu begeistern — damals und heute.

Und dann erspähen wir eine arena-artige Wölbung. «Hier oben muss es sein», sagt Sommerhalder und zeigt mit dem Spazierstock ins Unterholz. Andrea Sommerhalder und ich preschen uns mit der Hacke vor. Einen Höhleneingang können wir auf Anhieb nicht erkennen. Zahlreiche vermooste Baumstämme liegen am Boden. Darüber wuchern Pilze und Brombeerstauden. Letztere werden uns den ganzen Nachmittag plagen. Wir schieben Stämme und Äste zur Seite, in der Hoffnung die Höhle darunter anzutreffen. Immer wieder pieksen uns die Dornen der Brombeersträucher. Und auch Brennnesseln haben es auf uns abgesehen. Walter Sommerhalder beobachtet das Treiben aus der Ferne. Tochter Andrea will nicht, dass er den unebenen und rutschigen Waldboden betritt. Und so erforscht er die Umgebung und leitet uns von Weitem an. Immer wieder meinen wir, ein Loch im Boden zu erkennen. Doch jedes Mal werden wir enttäuscht. Die Suche im Unterholz ist anstrengend. Ich schwitze. Doch das hält mich nicht vom Buddeln ab. Das Fieber, diese Höhle zu finden, hat mich nun auch gepackt.

Zugewachsen oder zugeschüttet

Nach einer Stunde bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Doch unsere Mühe wird nicht belohnt. «Die Höhle ist wohl zugewachsen. Es muss wirklich hier sein», sagt Walter Sommerhalder. «Oder der Förster hat sie aus Sicherheitsgründen zugeschüttet.» Die Mutmassungen bringen uns nicht weiter. Nach drei Stunden im Dickicht des Gubrist-Walds geben wir auf. Walter Sommerhalder wirkt sichtlich enttäuscht, als wir den Weg Richtung Parkplatz einschlagen. Und auch ich finde es schade, dass wir nicht fündig geworden sind. Die sagenumwobene Höhle bleibt für mich ein Mysterium. Für Sommerhalder ist die Suche mit diesem Ausflug aber nicht abgeschlossen. «Ich werde weitersuchen. Vielleicht kann mir der Förster oder ein Historiker helfen. Ich möchte die Höhle unbedingt wieder finden.»