Vor dem Bezirksgericht Dietikon stand gestern Nachmittag niemand. Zum zweiten Mal blieb der Platz, an dem sonst die Beschuldigten sitzen, leer. Auch beim ersten Verhandlungstermin erschien der angeklagte 29-jährige Franzose nicht. Unauffindbar sei er, heisst es. Der Mann aus Oberengstringen sollte sich unter anderem wegen mehreren Vergehen im Strassenverkehr verantworten. Die Verhandlung wurde nun in Abwesenheit des Beschuldigen durchgeführt.

Die Anklageschrift liest sich in etwa so wie das Drehbuch zu Filmen wie «The Fast and the Furious». In einer Nacht im April letzten Jahres nimmt sich der Beschuldigte die Autoschlüssel eines Kollegen, ohne dessen Wissen. Mit dem Mercedes macht er sich auf den Weg von Dietikon nach Oberengstringen und wieder zurück. Auf dem Rückweg drückt er aufs Gaspedal. Auf der Zürcherstrasse sind 50 km/h erlaubt, er fuhr glatte 91 km/h und mitten in eine Kontrolle der Polizei. Die Beamten wollten in stoppen, doch der Beschuldigte umfuhr die Sperre. Die Polizisten nahmen sofort die Verfolgung auf – mit drei Polizeiwagen und angeschalteten Sirenen und Blaulicht.

Er war betrunken und bekifft

In Schlieren schafft es ein Polizist, den 29-Jährigen zu überholen und auszubremsen. Doch der Rasende weicht über die Sicherheitsline auf die Gegenfahrbahn aus und überholt die Polizei erneut. Die Verfolgungsjagd nähert sich Dietikon, als der Beschuldigte nochmals richtig auf die Tube drückt. Auf Höhe der Chlosterstrasse erreicht er statt der erlaubten 60 km/h ganze 130 km/h. Die Fahrt endet in Dietikon bei der Verzweigung von Altberg- und Schächlistrasse. Dort schafft es die Polizei, den Wagen einzukesseln. Der Beschuldigte probiert noch, zu Fuss zu flüchten, kommt aber nicht weit. Laut Anklage missachtete der Beschuldigte nicht nur die Geschwindigkeitsregeln. Auch überholte er bei Gegenverkehr oder missachtete Vortrittsregeln, lieferte sich ein Rennen mit der Polizei und behinderte diese bei der Amtshandlung. Bei der Untersuchung stellte sich dann noch heraus, dass der Mann keinen Führerschein besitzt sowie betrunken und bekifft am Steuer sass. Bei seinen Vergehen habe der Mann nicht nur sich und die Polizisten, sondern auch Fussgänger und Velofahrer in Gefahr gebracht.

Der anwesende Staatsanwalt forderte deswegen eine unbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten, eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 80 Franken und eine Busse von 400 Franken. Als sich der Beschuldigte die Verfolgungsjagd lieferte, befand er sich noch in der Probezeit einer neunmonatigen, bedingten Strafe, die 2014 ausgesprochen wurde. «Das war die letzte Chance für ihn, sich für ein deliktfreies Leben zu entscheiden», so der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. In der Schweiz sei der Beschuldigte bereits fünf Mal vorbestraft, in Frankreich vier Mal. Unter anderem wegen Raubes, Hausfriedensbruchs oder Betrugs. «Man kann von einer beträchtlichen kriminellen Energie ausgehen», so der Staatsanwalt. Deswegen sei der Franzose im Interesse der Öffentlichkeit für zehn Jahre der Schweiz zu verweisen.

Die Anwältin des Beschuldigten forderte eine bedingte Haftstrafe von 22 Monaten, eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 30 Franken und eine Busse von 1000 Franken. Auf einen Landesverweis soll verzichtet werden. In ihrem Plädoyer führte sie aus, dass sich zur Tatzeit spätabends kaum Menschen auf der Strasse befanden, die in Gefahr hätten sein können. Ihr Mandant sei in Panik geraten, als er die Polizisten sah und von Angst getrieben weitergefahren. Von einem Rennen könne keine Rede sein. Ausserdem habe der Beschuldigte erkannt, dass sich etwas in seinem Leben ändern muss. Er habe sich freiwillig in Therapie begeben, um seine Cannabis-Sucht in den Griff zu bekommen und traumatische Erlebnisse aus seiner Jugend verarbeiten zu können. Die Therapie sei erfolgreich gewesen. Dass der Beschuldigte momentan unauffindbar ist, bedeute ausserdem nicht, dass er weiterhin Straftaten begeht.

Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher sagte bei der Urteilsverkündung, dass der Mann gefährlich gehandelt habe. Entgegen der Anklage habe sich der Beschuldigte aber kein Rennen, sondern eine Verfolgungsjagd geliefert. Aeschbacher verurteilte den Mann zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 34 Monaten und einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 30 Franken. Ausserdem muss der er eine Busse von 500 Franken zahlen und darf fünf Jahre nicht in die Schweiz reisen. Aeschbacher stellte dem Beschuldigten, auch wegen den zahlreichen Vorstrafen und der erneuten Delinquenz, keine gute Prognose: «Ein positiver Ansatz war erkennbar, aber nicht nachhaltig. Inzwischen befindet sich der Mann nicht mehr in Therapie, liefert keine Abstinenzproben mehr ab und erscheint nicht vor Gericht, um sich zu verantworten», sagte er.