Die zweitausend einzelnen Pailletten lassen das Siegerkleid aus schwarzem Tüll glitzern. Es ist ein voluminöses, kostümartiges Kleid, das aus mehreren Schichten des leichten Stoffs besteht und die natürliche Taille betont. Der zweistufige Rock aus acht Lagen Tüll reicht bis zum Boden. Das Oberteil bedeckt die linke Schulter und ist am oberen Ende mit weissen Perlkugeln bestückt. Der Aufwand, der in diesem Kleid steckt, ist augenfällig.

«200 bis 300 Stunden habe ich daran gearbeitet», sagt Eva Bünter, die das Abendkleid selbst entworfen hat. Klar sei das Annähen hunderter von Pailletten an sich eine langweilige Tätigkeit, doch das lasse Raum für Gedanken. Mit dem Abendkleid gewann die Hobbyschneiderin aus Dietikon kürzlich einen Preis in der Kategorie Schneidern. Er wird jedes Jahr vom deutschen Etikettenhersteller Dortex vergeben und ehrt kreative Personen, die mit ihrer Arbeit keine kommerziellen Interessen verfolgen.

Die urbane Wohnung, in der Bünter seit zwei Jahren lebt, ist zugleich ihr Atelier. Auf einem weissen Tisch im Wohn- und Kochbereich steht eine handelsübliche Nähmaschine, daneben die Schneiderpuppe. «Die Maschine ist etwas laut, deshalb kann ich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit an meinen Kleidern nähen», sagt die 29-Jährige. Ihr Freund hat andere Erfahrungen gemacht und korrigiert neckisch: «Für den Wettbewerb hast Du zeitweise Tag und Nacht gearbeitet.» Dieser Zusatzeffort sei aber nötig gewesen, rechtfertigt sich Bünter. Sie habe sich ziemlich spontan angemeldet.

Ein Gegenpol zu Alltagskleidern

Wenn die Dietikerin Kleider näht, sind es fast ausschliesslich Abendkleider für Frauen. «Ich mag, wenn es glitzert und extravagant aussieht», sagt sie. Für die Herstellung von Alltagskleidern lohne sich der Aufwand nicht. Stattdessen investiert sie in kostümartige Kleider, wie sie in historischen Filmen getragen werden. «Diese bilden einen Gegenpol zu den nicht auffälligen Alltagskleidern», sagt Bünter, die mit einer hellblauen Bluse und dunkelblauen Jeans aufrecht neben dem pompösen Abendkleid sitzt. Obwohl sie ihrem Freund versprochen hat, sich einmal an einer Trainerhose zu versuchen, näht sie vor allem Frauenkleider. Die Möglichkeiten dabei seien vielfältiger und interessanter.

Gefallen ihr die selbst entworfenen Kleider nicht mehr, trennt Bünter diese wieder auf, um neue Roben anzufertigen. Auch Kleider, die sie nur aufgrund der Verzierung gekauft hat, werden weiterverwertet. Dieses Schicksal erlitt auch das Siegerkleid. Sowohl der Rock als auch das Oberteil hat die Dietikerin im Verlaufe der Zeit ausgetauscht. Die Idee für ein Kleid habe sie selten von Beginn weg. «Erst im Nähprozess sehe ich, was passt», sagt die 29-Jährige. Deshalb fertigt sie nur teilweise Skizzen von ihren Ideen an. Stattdessen mag sie die Kreativität im Moment. Der Nachteil davon sei, dass Änderungen in der Konstruktion eines Kleides oft Schwierigkeiten bereiten. Diesen nimmt sie sich aber gerne an: «Ich bin ehrgeizig und habe den Anspruch, möglichst professionell zu nähen.»

Videoanleitungen waren hilfreich

Stellen sich Herausforderungen, versucht Bünter mit Videoanleitungen auf Youtube Abhilfe zu schaffen, so zum Beispiel, wenn sie verdeckte Reissverschlüsse einnähen will. Überhaupt hat sie sich alles im Selbststudium beigebracht. «Mir haben die handwerklichen Grundlagen gefehlt, weil ich nie eine Ausbildung gemacht oder Kurse besucht habe», sagt sie. Zwar habe sie in Betracht gezogen, ein Studium als Designerin in Angriff zu nehmen. Dann entschied sie sich aber für ein Kommunikationsstudium. Heute arbeitet sie als Redakteurin bei einer Schweizer Versicherung.

Entdeckt hat die gebürtige Luzernerin ihr Flair mit neun Jahren, als sie mit einer alten Maschine Barbiekleider büetzte. Eine Rolle dabei hat möglicherweise auch die Familiengeschichte gespielt, denn die Grossmutter, die Bünter nicht mehr gekannt hatte, war eine gelernte Schneiderin und überliess ihr einen grossen Vorrat an verschiedenen Stoffen. Mit Zeit und Geduld kam dann die Übung dazu. Sie nähte etwa Guggenmusik-Kostüme für ihre Schwester oder als Maturaarbeit zehn Abendkleider. «Je häufiger ich nähe und je mehr ich lerne, desto lieber mache ich es», sagt die Dietikerin.

Nur selten trägt sie ihre Kleider

Derzeit hat Bünter sechs Kleider in Produktion. Ob sie diese jemals anziehen wird, ist offen, denn nur zu besonderen Anlässen wie einem Ball oder einer Hochzeit trägt sie eine der üppigen Roben. Einen Teil der Kleider verschenkt sie auch an die Familie oder Freundinnen. Trotzdem steht Bünter für alle selbst Modell. Das hat einen praktischen Grund: «Ich kann das Kleid direkt anprobieren und sehen, ob es passt.» Auch die drei Dirndl, die sie im vergangenen Jahr in je vier Stunden angefertigt hatte, kamen bisher noch nicht zum Einsatz. «Mithilfe von Schnittmustern Dirndl anzufertigen, ist übrigens etwas, was auch ungeübte Näherinnen wagen können», sagt Bünter.

Das Preisgeld, das sie für ihr schwarzes Abendkleid erhalten hat, möchte sie in ihre Infrastruktur investieren. Sie hat bereits eine neue Schneiderpuppe bestellt, weil das alte Exemplar bald auseinanderfällt. Ebenso überlegt sie sich, eine professionellere Nähmaschine anzuschaffen, damit sie noch mehr Möglichkeiten für ihre Nebenbeschäftigung hat.