Herr Meier, Sie sind der erste und einzige Geschäftsleiter des 1994 gegründeten Sozialdiensts Limmattal. Übergeben Sie Ihrer Nachfolgerin Madeleine Nigg einen laufenden Laden – mit Zukunft?

Ueli Meier : Im Sozialbereich ist nie etwas in Stein gemeisselt. Wir waren immer schon eine lernende Organisation und so wird es auch weitergehen. Deshalb kann ich jetzt auch gehen: Die Organisation ist so strukturiert, dass sie flexibel auf Veränderungen reagieren kann.

Wie haben Sie das hinbekommen?

Ganz wichtig ist das Personal. Wir haben kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Neben den Festangestellten beschäftigen wir zudem Aushilfen, auch das gibt uns Flexibilität. Zudem muss ein gegenseitiges Vertrauen vorhanden sein, sowohl innerhalb der Organisation als auch bei der Zusammenarbeit mit den Gemeindevertretern.

Die jüngste Vergangenheit ist durch Austritte geprägt: Geroldswil will ab 2018 keine Leistungen der Jugendberatung Blinker mehr beziehen und Dietikon, Geroldswil und Birmensdorf sind bereits aus den Tagesfamilien ausgestiegen. Ein Zeichen, dass die Solidarität unter den Gemeinden zu bröckeln beginnt?

Nein, denn genau diese beiden Fachstellen sind jene, bei denen der Solidaritätsgedanke nicht fundamental ist. Bei beiden war die Teilnahme von Beginn an freiwillig. Bei den anderen Fachstellen kann man hingegen nicht Rosinen picken.

Sind die bis auf weiteres unbestritten?

So, wie es heute aussieht, ja. Doch das kann sich ändern. Deshalb haben wir die Angebote immer flexibel betrieben. Nehmen wir zum Beispiel das Taglohnprojekt Jobbus: Dort ist die Nachfrage vor ein paar Jahren so stark gestiegen, dass wir jeweils per Los entscheiden mussten, wer teilnehmen kann. Also haben wir das Angebot verdoppelt. Solche Entwicklungen sind aber immer Schwankungen unterworfen: Als später die Nachfrage sank, wurde das Angebot wieder reduziert.

Wer entscheidet, welcher Nachfrage ein Angebot gegenübergestellt wird?

Wir haben eine vorgegebene Bandbreite, innerhalb der wir flexibel handeln können. Doch darüber hinaus müssen die Gemeinden involviert werden. Wir weisen generell nur auf solche Entwicklungen hin, wir definieren den Bedarf nicht selbst. Beim Jobbus hiesse das: Nicht die Anzahl Leute, die sich täglich an einem Besammlungsort einfinden, um ein Los zu ziehen, bestimmen, wie hoch der Bedarf ist, sondern die Gemeinden. Doch es ist natürlich auch in deren Interesse, dass eine Nachfrage abgedeckt wird.

Der Spardruck ist gross.

Ja. Doch die Gemeinden können auch rechnen: Sie fahren günstiger, wenn sie ihre Angebote bei uns beziehen. Können sie dieselben Leistungen selbst günstiger erbringen, gibt es für sie auch keinen Grund für die Mitgliedschaft im Zweckverband. Doch das können sie eben unter dem Strich nicht.

Was haben die Gemeinden konkret vom Sozialdienst Limmattal?

Der Nutzen ist häufig indirekt. Das ist schwer aufzuzeigen, doch er hat meist auch eine menschlich-emotionale und damit nachvollziehbare Dimension: Wer zum Beispiel im eigenen Umfeld einen Süchtigen kennt, weiss, dass es sinnvoll ist, wenn solchen Leuten eine Fachstelle helfen kann. Es hat sich auch ein Bewusstsein dafür durchgesetzt, dass Präventionsarbeit etwas bringt. Denn es verfährt ja alles in Wellenbewegungen: Taucht ein Problem auf, folgt darauf eine Lösung, wodurch es weniger sichtbar wird. Es wäre aber schlecht, dann die Lösungsstrukturen aufzulösen, bis das Problem wieder hervortritt, sodass man die Strukturen wieder von vorne aufbauen muss. Das verschwendet mehr Ressourcen, als eingespart werden können. Das wissen die Gemeinden, was mich zuversichtlich stimmt. So muss nicht erst wieder ein Letten passieren, um den Gemeinden die Bedeutung der Suchtprävention vor Augen zu führen.

Die offene Drogenszene am Letten war damals ausschlaggebend für den Sozialdienst. Warum haben die Gemeinden letztlich gehandelt – wo das Drogenproblem doch so bequem ausgelagert war?

Die Stadt Zürich hatte irgendwann mal genug. Doch die Drogenabhängigen einfach in ihre Wohngemeinden zurückzuschicken, brachte wenig: Sie waren sofort wieder zurück in der Stadt. So wurde schnell klar, dass die Zerschlagung der offenen Drogenszene nur über Angebote in den Gemeinden funktionieren kann. Dass diese ihre Verantwortung dann auch wahrnahmen, hatte nicht zuletzt mit der Presse zu tun, die das Ausmass der menschlichen Katastrophe aufzeigte. So musste sich eine breite Öffentlichkeit fragen: Was, wenn das mein Kind wäre? Als dieses Mitgefühl einmal geweckt war, musste die Politik handeln.

Und im Bezirk Dietikon war das Resultat die Gründung des heutigen Sozialdiensts.

Ja, und das war gar nicht so einfach. Zu einer allgemeinen Skepsis gegenüber dem Sozialbereich kam, dass der Bezirk damals ja erst fünf Jahre alt war. Der Sozialdienst Limmattal war das erste grosse Projekt auf Bezirksebene. Der Widerstand gegen die Schaffung des Bezirks war damals gross, was wir zu spüren bekamen, auch von den ersten Gemeindedelegierten. Letztlich hat der Sozialdienst mitgeholfen, die Gemeinden im Limmattal zusammenzubringen, die zuvor wenig Willen zeigten, etwas gemeinsam zu bewirken. Heute ist das ganz anders.

Verändert haben sich sicher auch die gesellschaftlichen Probleme und damit die Bereiche, in denen der Sozialdienst aktiv ist. Wo liegen die grössten Baustellen?

Ein Riesenproblem ist sicher die Armut – wobei die Politik bestimmt, ab wann man überhaupt von Armut spricht. Sie kann die Wurzel eines Teufelskreises sein, zu dem auch eine Suchtproblematik gehören kann. Die Armut diktiert einem vieles. Wenn man von ihr betroffen ist, hat man wenig Freiheiten. Das macht verletzlich. Nehmen wir zum Beispiel die sogenannten working poor: Da arbeitet man die ganze Zeit und es führt zu nichts. Dann beginnt man zu saufen und verliert früher oder später deswegen vielleicht den Job – und trinkt umso mehr, was es wiederum umso schwieriger macht, eine neue Stelle zu finden. Das ist ein Teufelskreis, bei dem schwierig ist zu sagen, ob das zentrale Problem nun die Sucht, die Absenz von Tagesstrukturen oder die Armut ist.

Und dann sind vor der Sucht ja auch Reiche nicht gefeit.

Die Suchtproblematik ist etwas, das dem Menschen einfach anhaftet. Sie kann aus einem Leiden wie einer Depression heraus entstehen, kann aber auch lustvolle Anfänge haben. Weil sie von Mensch zu Mensch so verschiedene Ursprünge und Ausprägungen aufweist, gibt es gegen sie auch keine Patentrezepte. Deshalb bleibt sie bestehen – auch wenn sie heute weniger sichtbar ist als etwa zu Zeiten der offenen Drogenszene.

Gibt es heute besondere Formen der Sucht, zum Beispiel aufgrund des steigenden Leistungsdrucks oder der höheren Lebenserwartung?

Ja, und diese bedürften eigentlich eines neuen Fokus bei der Prävention. Deren Grundsätze sind ja so alt wie der Sozialdienst selbst.

Wie sähe dieser neue Fokus aus?

Die Prävention sollte sich weniger auf bestimmte Zielgruppen und mehr auf den einzelnen Menschen ausrichten. Im Lauf eines Menschenlebens gibt es verschiedene vulnerable Phasen, in denen man gefährdet ist. Ich zum Beispiel werde pensioniert – das ist eine klassische solche Phase, in der ich Unterstützung brauche. Andere Beispiele wären eine Scheidung, ein Stellenverlust, der Eintritt ins Berufsleben. Eine Zielgruppe, die sich zum Beispiel rein nach dem Alter richtet, erreicht nicht alle Menschen genau in diesen vulnerablen Phasen.

Aber wie erreicht man sie dann?

Zugegeben, meine Vorstellung ist ein bisschen utopisch: Wie man zum rechten Zeitpunkt zu diesen Menschen findet, ist eine Schwierigkeit. Es bräuchte aber sicher ein grösseres Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Menschen, die wie ich vor einer Pensionierung stehen, müssen zum Beispiel wissen, dass ihnen nun eine Phase bevorsteht, in der sie besonders suchtgefährdet sind. Sie müssen wissen, welche Werkzeuge eine Sucht verhindern können – und wann man Hilfe suchen muss. Zudem bräuchten die Fachstellen mehr Freiheiten, um herauszufinden, wie solche neuen Ansätze funktionieren könnten. Dabei stösst man aber an Grenzen: Es heisst dann schnell, dass dafür kein Geld vorhanden sei.

Was werden Sie nun tun in dieser bevorstehenden vulnerablen Phase?

Nun habe ich erst einmal Zeit, ohne finanziellen Zwang all das zu tun, womit ich mich bisher schon gerne befasst habe. Darüber hinaus bin ich gespannt, was Neues auf mich zukommt. Ich denke nicht, dass ich nun einfach untätig sein werde. Ich habe in meinem Leben immer das Beste aus meinen Umständen gemacht und das wird sicher weiterhin so bleiben. So lange ein Brunnen klares Wasser führt, wäre es schliesslich schade, es einfach liegen zu lassen.