«Über 5000 Meter war ich in der High School der beste Läufer in ganz Kenia. Aber dann verlor ich im Alter von 21 Jahren über Nacht mein Augenlicht. Ich ging ins Bett, erlitt im Schlaf einen Schlaganfall und wachte auf, ohne dass ich je wieder sehen konnte.»

Das aufstrebende Leichtathletik-Talent Henry Wanyoike steht nach diesem Schicksalsschlag vor dem Nichts. Er ist verzweifelt, deprimiert. Denkt, dass sein Leben vorbei sei, er seine Träume vergessen könne. «Ich stellte mir vor, dass ich von nun an ein elendes Leben führen würde», erinnert er sich. In Kenia hätten es Behinderte oft sehr schwierig, schildert er, weil sie von ihren Familien verstossen würden oder sie sich ein behindertengerechtes Leben nicht leisten könnten.

Wanyoike erzählt seine Geschichte ruhig und routiniert, als wir uns auf einem Bänkli am Ufer des Zürichsees unterhalten. Oft hat er sie schon erzählt, denn die schwierigen Anfangszeiten liegen einige Jahre zurück. Seit dem Verlust der Sehkraft im Mai 1995 hat er nicht nur eine eindrückliche Sportkarriere hingelegt. Er hat vor allem auch den Weg zurück ins Leben geschafft.

Der Traum von der kenianischen Tellerwäscher-Karriere

Heute betont Henry Wanyoike: «Ich habe zwar mein Augenlicht verloren, aber nie meine Vision.» Er hatte die Unterstützung seiner Familie, die sich sehr um ihn gekümmert habe. Und Wanyoike lernte im Spital Vertreter der Hilfsorganisation «Licht für die Welt» kennen, welche der Mutter finanziell unter die Arme griffen, als es um die Bezahlung der Rehabilitation ging. «Diese Leute waren so nett zu mir und gaben mir Mut, so dass ich mein Schicksal akzeptieren lernte», sagt Wanyoike.

Das Laufen gehört seit Kindsbeinen zum Leben des vierfachen Familienvaters, der mit seiner Frau einen Bauernhof besitzt, auf dem er Kühe hält, Mais und Früchte anbaut. «In Kenia sind der Sport und die besten Athleten sehr populär und ich wollte auch so berühmt wie sie werden», erzählt Henry Wanyoike von früher. Seit Jahrzehnten dominiert das ostafrikanische Land auf den Mittel- und Langstrecken, das Laufen ist auch ein Weg zum Wohlstand.

Sein Schulweg ist etwa fünf Kilometer lang, fast immer rennt er hin und zurück – auch, weil er sonst zu spät kommen würde. «Wir hatten kein fliessendes Wasser zuhause, wir mussten es aus einem Fluss holen. Auch diese Strecke legte ich zu Fuss zurück und weil ich dann spät dran war für die Schule, musste ich auf dem Schulweg umso schneller rennen.»

«Die ersten zwei, drei Jahre waren sehr, sehr hart für mich»

Dieses tägliche Training zahlt sich aus. Wanyoike beginnt an Wettkämpfen teilzunehmen und es gelingt ihm regelmässig, diese zu gewinnen. Er ist auf dem Weg, die Karriere zu machen, von der er als Bube geträumt hat.

Dann schlägt das Schicksal zu. «Die ersten zwei, drei Jahre waren sehr, sehr hart für mich. Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder Hoffnung schöpfte.» Der heute 44-Jährige erwähnt immer wieder die wichtige Rolle, welche «Licht für die Welt» dabei einnahm.

Gold, obwohl der Guide nicht Schritt halten kann

Fünf Jahre nach der Nacht, die sein Leben für immer verändert hat, steht Henry Wanyoike an den Paralympics in Sydney am Start über 5000 Meter. Was folgt, ist legendär und macht Wanyoike international bekannt. «Mein Guide sagte mir, dass das Stadion sehr gut gefüllt sei. Da wollte ich der Welt zeigen, was ich drauf habe», erinnert sich der Kenianer.

Was er drauf hat, ist zu viel für seinen Begleiter. Denn er kann nicht mehr, der blinde Wanyoike zieht seinen sehenden Guide über die Ziellinie und gewinnt Gold. «Diese Medaille bedeutet mir sehr viel, denn sie war der Startschuss zu den vielen Erfolgen, die danach folgten», blickt Wanyoike auf das Jahr 2000 zurück.

Marathon ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft

In der Folge läuft Wanyoike Weltrekorde über 5000 Meter, über 10'000 Meter, im Halbmarathon und über die Marathondistanz. Wobei er – und das ist tröstlich für jeden Hobbyläufer – beim Debüt in Boston über die 42,195 Kilometer leiden muss. «Ich wusste nicht, wie man sich richtig auf diese Distanz vorbereitet. Ich hatte die falschen Schuhe, viele Blasen an den Füssen und war wirklich sehr erschöpft.»

2013 warb Wanyoike bei der UNO in New York für seine Anliegen.

2013 warb Wanyoike bei der UNO in New York für seine Anliegen.

Trotzdem gewinnt Wanyoike das Rennen. Und obwohl er sich sagt, dass er nie mehr einen Marathon bestreiten werde, geht er doch wieder an den Start. 2005 verbessert er seinen Weltrekord zuerst in London und nur eine Woche später in Hamburg erneut. Seither steht seine Bestzeit bei 2:31:31 Stunden, das ist bis heute Weltrekord in der Startklasse der Vollblinden. An den Paralympics 2004 gewinnt er zweimal Gold, 2008 kommt eine Bronzemedaille hinzu.

In seiner Heimat ist Wanyoike ein bekannter Mann und in viele Hilfsprojekte involviert. Seine Stiftung ermöglichte schon rund 12'000 Kindern mit Augenproblemen eine Operation, sie verteilt Rollstühle, Hörgeräte und Blindenstöcke. In Wanyoikes «Haus der Hoffnung» erhalten 80 Kinder aus ärmeren Gegenden eine Schulbildung. Selber besuchte er nach eigenen Angaben schon über 700 Schulen in ganz Kenia, um auf seine Sache aufmerksam zu machen.

Der Begleiter ersetzt die Augen

Nun in Zürich steht Wanyoike nach einem schweren Autounfall erstmals seit vier Jahren wieder am Start eines Marathons. Er freut sich darauf, nicht zuletzt wegen des Untergrunds. «In Kenia sind die Strassen nicht so schön wie in der Schweiz. Es läuft sich sehr angenehm auf diesem feinen Belag. Das erleichtert mir das Laufen etwas, ich muss weniger aufpassen, wo ich hintrete.»

Dafür, dass er den Weg findet, ist sein Begleiter besorgt. Paul Kihumba ist mit einer kurzen Schnur mit Henry Wanyoike verbunden, mit seinen Augen sieht er für zwei. «Manchmal reden wir miteinander, aber manchmal ist das gar nicht notwendig», beschreibt Kihumba die Kommunikation zwischen den beiden. «Ich renne immer rechts von Henry. Mit der Kordel kann ich ihn auf meine Seite herüberziehen, mit der Hand oder Schulter kann ich ihn nach links dirigieren.»

Die Kordel, die das Läuferduo zur Einheit verbindet.

Die Kordel, die das Läuferduo zur Einheit verbindet.

«Wenn wir laufen, dann ist das Teamwork», betont Wanyoike, alleine könne er das Ziel nicht erreichen. «Paul baut mich auch auf, wenn er spürt, dass ich eine kleine Krise habe. Er sagt mir dann Dinge wie: ‹Wir sind bald da, Henry› oder ‹Wir sind gut in der Zeit›. So motiviert er mich, aber ich kann umgekehrt auch ihn motivieren, wenn es nötig ist.»

Mit Startnummer 1 auf dem Weg nach Japan

Die Limite für die Paralympics 2020 in Tokio ist das Ziel der beiden Kenianer. Dafür müssen sie unter 2:50 Stunden bleiben. «Wir haben nun ein halbes Jahr hart dafür trainiert, sind Woche für Woche mehr als 100 Kilometer gerannt», sagt Wanyoike, der selbstverständlich daran glaubt, die geforderte Zeit unterbieten zu können.

Sein Begleiter Paul Kihumba spricht gar davon, dass eine Zeit von 2:35 Stunden möglich sei – und zwar völlig unabhängig von der Witterung. «Man muss auf jedes mögliche Wetter vorbereitet sein, ob es heiss ist oder nass. Wir sind bereit für den Sonntag, ganz egal, wie das Wetter sein wird.» Stimmen die Prognosen, wird es nass und kühl sein.

Wanyoike ist aber nicht nur aus sportlichen Gründen in Zürich. «Wir sind auch deshalb hier, um Leuten Hoffnung zu geben. Etwa jenen, die erstmals zu einem Marathon antreten und zweifeln, ob sie es schaffen. Aber auch all jenen, die im Leben aufgegeben haben.»

Am Zürich Marathon wird Henry Wanyoike am Sonntag leicht auszumachen sein: Die Organisatoren haben ihm die Startnummer 1 gegeben.