Franziska von Grünigen, haben Sie eine Sichtschutzfolie auf Ihrem Handy?

Franziska von Grünigen: Nein.

Das empfehlen Sie aber in Ihrem «Pendler-Knigge».

Ich bin kurzsichtig, sodass ich das Handy so nahe ans Gesicht halte, dass niemand anderes draufschauen kann.

Sie schreiben seit 10 Jahren Kolumnen übers Pendeln. Ist dieses Thema wirklich so ergiebig?

Ich glaube, jeder, der schon in einem Zug sass, weiss, was da alles passiert. Im Zug sitzen ganz viele Menschen auf engstem Raum, die sonst nie so nahe zusammenkommen würden. Und manche nehmen den SBB-Werbespruch «Unterwegs zuhause» sehr wörtlich. Im Zugabteil fühlen sie sich so wohl, dass sie Dinge tun, die sie anderswo nie täten, wenn jemand zuschaut.

Zum Beispiel?

Ich staune immer wieder, wie indiskret die Leute am Telefon sind. Für mich als Kolumnistin ist es das Beste, was passieren kann, aber menschlich gleichzeitig das Unverständlichste.

Die Leute plaudern über ihre Bettgeschichten?

Ja, oder über Krankheiten, von Zahnbehandlungen bis zur Analfissur. Manches ist aber auch einfach leichtsinnig, etwa über den Arbeitsplatz zu lästern. Der Chef oder jemand, der den Chef kennt, sitzt sicher in Hörweite.

Jean-Paul Sartre sagte: «Die Hölle, das sind die anderen.» Würden Sie das aus Pendlersicht bestätigen?

Man macht es sich zu einfach, wenn man die Fehler nur bei den anderen sucht. Als Pendler sind Sie selbst Teil dieser «Hölle», und man muss bei sich selbst anfangen. Übrigens geht es mir, seitdem ich die Kolumne schreibe, viel besser: Alles Skurrile, was ich erlebe, ist ein Geschenk. Ich jubiliere innerlich, wenn sich jemand nicht an die Anstandsregeln hält.

Trotzdem braucht es Regeln fürs Zusammenleben im Zug. Sie haben einen Knigge für Pendler verfasst. Darum ein paar drängende Fragen. Wem gehört eigentlich die Mittellehne?

Beiden. Meist ist es ein geschmeidiges Miteinander, aber wenn einer Anspruch darauf erhebt, sollte man nicht um sie kämpfen. Der Klügere gibt nach.

Gibt es eine akzeptable Form, die Füsse aufs Polster zu legen?

Das hängt vom Ausmass des Fussschweisses ab. Ich appelliere an die Eigenverantwortung. Ich finde, es geht, sofern man alleine im Abteil ist und die Schuhe auszieht.

Darf man gut gelaunt den Song aus dem Kopfhörer mitsingen?

Das darf man. Wenn man damit leben kann, dass andere einem sagen, man singe falsch oder das Singen störe.

Sie schreiben, zum Rülpsen, Furzen oder Popeln solle man aufs WC. Meinen Sie das ernst?

In der Nase bohren finde ich wirklich gruusig – besonders, wenn man die Popel isst.

Aber Schlafen im Zug ist okay?

Ja, das ist gut genutzte Zeit am Morgen. Man sollte sich halt so positionieren, dass man nicht mit dem Kopf auf der Schulter des Nachbars landet.

Gibt es auch Dinge, die Pendler gut machen und noch mehr machen dürften?

Es gibt Dinge, die das Zusammenleben angenehmer machen. Zum Beispiel, dass man aufsteht, wenn jemand, der am Fenster sitzt, aussteigen will.

Sie schreiben die Kolumne seit 2008. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Der Handykonsum ist viel grösser. Bücher sind fast verschwunden, die Gespräche sind weniger geworden. Seit etwa einem Jahr fällt mir auf, dass die Menschen ohne Kopfhörer Medien konsumieren: Sie telefonieren über Lautsprecher, hören Musik oder schauen Videos. Das zieht sich durch fast alle Altersgruppen.

Denken Sie, die Pendler unterscheiden sich vom Homo automobilensis?

Ja, ich glaube, sie sind sozial kompetenter und haben weniger Berührungsängste, auf Menschen zuzugehen. Einen Schaden erleiden sie jedenfalls nicht, im Gegenteil. Für mich selbst ist Zug fahren, wie frei haben, eine geschenkte Zeit zwischen Job und Familienalltag.

Im Auto können Sie das nicht geniessen?

Ich kann gar nicht Auto fahren.

In den zehn Jahren als «Katja Walder» im «Blick am Abend» waren Sie für viele Pendler wie eine gute Bekannte. Bekamen Sie viele Zuschriften?

Ja, denn viele Leute erkennen sich in Katja wieder. Und wollen auftrumpfen mit noch wilderen Geschichten, die ihnen passiert sind. Was ich in letzter Zeit öfters bekomme und etwas problematisch finde, sind Fotos aus dem Zug. Ungefragt fotografieren überschreitet für mich eine Grenze, das möchte ich nicht fördern.

Der «Blick am Abend», in dem Ihre Pendler-Kolumnen erschienen sind, wurde in diesen Tagen eingestellt. Bedauern Sie das?

Ja, extrem. Ohne «Blick am Abend» gäbe es «Katja Walder» nicht. Ich habe den «Blick am Abend» immer geschätzt als Amüsement im Zug. Gelesen habe ich nicht immer, aber es war eine Bereicherung für den Feierabend.

Die Journalistin Michèle Binswanger beschrieb ihn als «harmlos und unbedarft, wie ein bekiffter kleiner Slacker».

Ich empfand ihn immer als unbeschwert, manchmal etwas draufgängerisch und gelegentlich vielleicht auch etwas zu flapsig. Er war ein Farbtupfer in der Feierabendöde und ging neue Wege. Allein das Experiment, aus dem meine Kolumne entstanden war, war Rock ’n’ Roll.

Die Winterthurer Haupt-Pendelstrecke ist die S12 und ihr neuer Zwilling, die S11. Haben Sie auf dieser Linie auch Pendlererfahrung?

Meine Stammlinie ist die S8. Aber ich habe Respekt vor den hartgesottenen S12-Pendlern, die sich täglich in dieses Gedränge stürzen. Ich selbst pendle meist ausserhalb der Stosszeiten. Dann fühlen sich die Leute etwas unbeobachteter und reden mehr.

Dann hören Sie natürlich umso genauer hin.

Stimmt. Ich mache mir ein Spiel draus. Eine meiner Leidenschaften ist das Zug-Lausch-Googeln. Ich höre genau zu und versuche anhand der Informationen, die jemand verrät, herauszufinden, wer die Person ist. Jemand erzählt zum Beispiel, er habe am Dienstag bei einer bestimmten Tagung ein Referat gehalten, zusammen mit Kollege Soundso. Aus solchen Hinweisen habe ich schon viele Mitfahrer identifiziert.