«Blocher hau ab!» fordert ein Graffito auf einer Lärmschutzwand neben dem Bahnhof Greifensee in Richtung Uster. Zudem wird auf eine Demonstration hingewiesen, die am 13. November in Uster über die Bühne gehen soll und die sich gegen eine geplante Rede des Altbundesrats in Uster richtet. Auf einer Facebookseite kündigen die Organisatoren an, dass sie Christoph Blocher zeigen wollen, dass sie ihm «weder die Geschichte noch Uster» überlassen.

Blochers Rede wird den Schweizer Landesstreik zum Inhalt haben, der sich diesen November zum 100. Mal jährt. Im Herbst 1918 legten schweizweit 250'000 Arbeiter ihre Arbeit nieder und forderten unter anderem eine Begrenzung der Wochenarbeitszeit, das Frauenstimmrecht und ein Proporzwahlsystem für den Nationalrat. Bis heute wird das Ereignis historisch unterschiedlich bewertet.

Vor allem rechte Politiker stören sich daran, dass weitgehend die Errungenschaften des Streikes im Vordergrund stehen. Blochers Rede in Uster trägt den Titel: «100 Jahre Generalstreik. Ein Dank an Bevölkerung, Behörden und Soldaten».

Anfang Jahr hatte Blocher bereits in Wetzikon mit einer Rede zu wichtigen historischen Persönlichkeiten des Zürcher Oberlands den Zorn einiger Historiker auf sich gezogen. In seiner «Geschichtsstunde» stellte er den Walder Robert Grimm, der beim Landesstreik eine führende Rolle spielte, als Handlanger Lenins dar, was die Kritiker als historisch nicht nachvollziehbar bezeichneten.

Linke im Aufwind

Nun will Blocher seine Sicht auf die Ereignisse vor 100 Jahren erneut darstellen. Dieses Mal hat er sich als Auftrittsort den Stadthofsaal in Uster ausgesucht. «Das hat nichts mit dem Oberländer Robert Grimm oder dem Inhalt der Rede zu tun», sagt Roland Scheck, der Parteisekretär der SVP Kanton Zürich. Der Stadthofsaal habe sich logistisch einfach für die Rede geeignet. Die kantonale SVP hat den Anlass gemeinsam mit dem «Verein aktiver Senioren» organisiert, der seinen Sitz in Zürich hat. Die Ustermer SVP hingegen habe nichts damit zu tun, wie deren Präsident Hans Keel sagt.

Die geplante Anti-Blocher-Demonstration ist laut Stadtpolizei weder angemeldet noch bewilligt. Auch scheinen die Initianten nicht aus parlamentarischen oder parteipolitischen Kreisen zu kommen. Ein Hinweis auf die Veranstaltung findet sich unter anderem auf der Website des sogenannten «revolutionären Aufbaus».

Diese Organisation macht regelmässig im Zusammenhang mit Nachdemonstrationen am 1. Mai in Zürich von sich reden. Auf Facebook nennt sich der Veranstalter der Anti-Blocher Demo «Büezer_Inne vo hüt gege rechts vo gester».

Ob diese aus Zürich kommen oder ob sich eine entsprechende Szene in Uster gebildet hat, weiss die Stadtpolizei Uster nicht. Der Veranstalter sei in Uster bis heute jedenfalls nicht öffentlich in Erscheinung getreten.

Klar ist indes, dass die Linken in Uster seit einiger Zeit Aufwind verspüren. Dies zeigt sich nicht nur an den letzten Wahlen, bei denen sie Sitzgewinne in Stadt- und Gemeinderat verzeichnen konnten, sondern auch durch sich mehrende Demonstrationen mit linker Stossrichtung. Die Demonstration am 13. November reiht sich in eine Reihe linker Aktionen in Uster ein. Neben einer Kundgebung für Flüchtlinge im September gab es etwa vor einem Jahr eine Protestaktion gegen die Asylpolitik von SP-Regierungsrat Mario Fehr.

Vom Linksrutsch in Uster profitierte auch SP-Gemeinderat Florin Schütz. Der Jungsozialist wurde im April ins Parlament gewählt. «Uster befindet sich in einem Urbanisierungs-Prozess. Wie in den meisten urbanisierten Regionen, sind linke Positionen auch hier im Aufwind.»

Er selbst werde nicht an der Anti-Blocher Demo teilnehmen, da er arbeiten müsse. Gutheissen tue er sie aber. «Der Titel, den Christoph Blocher seiner Rede gegeben hat, ist zynisch für alle Menschen, die damals für Dinge eingestanden sind, die wir heute zum Teil als selbstverständlich erachten und die dafür teilweise mit ihrem Leben bezahlt haben. Ich finde es wichtig, dass es eine Bewegung gibt, die auf diesen Zynismus aufmerksam macht.»

Sogar der Ustermer SVP-Präsident Hans Keel sagt, dass er die «Not der Streikenden» im Jahr 1918 nachvollziehen könne. Es sei den Arbeitern gegen Ende des Ersten Weltkriegs wirklich sehr schlecht gegangen. «Meine Grosseltern haben das miterlebt und mir davon erzählt» sagt er. Trotzdem missfalle ihm die geplante Anti-Blocher-Demonstration, weil sie sich gegen die Meinungsfreiheit richte. «Ausserdem ist der Wortlaut sehr unanständig», so Keel.

Erst wenige Anmeldungen

Wie viele Demonstranten am 13. November tatsächlich auf die Strasse gehen werden, ist noch ungewiss. Auf Facebook haben sich nur wenige Personen für die Demonstration angemeldet.

Die Ustermer Stadtpolizei hat den Anlass auf dem Radar. «Wir arbeiten in solchen Situationen eng mit der Kantonspolizei zusammen», sagt Ralph Marthy, Chef Sicherheits- und Verkehrspolizei der Stadtpolizei Uster. «Eine Fachgruppe analysiert und beurteilt solche Aktionen. Darauf fusst dann unter anderem unser Einsatzdispositiv.» Über genaue Vorbereitungen will die Polizei aus taktischen Gründen aber keine Auskunft geben.