Es sieht ganz danach aus, als ob Daniel Küblböck am vergangenen Sonntagmorgen vor der Küste von Neufundland vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs sprang und im 10 Grad kalten Wasser starb. Küblböck wurde im Jahr 2003 durch die Fernsehsendung «Deutschland sucht den Superstar» bekannt, in der Nobodys darum kämpfen, eine Karriere als Musik-Star zu starten. Wegen seiner schrillen Stimme und seines unkonventionellen Auftritts wurde er zum Liebling der Boulevard-Zeitungen. Später zog er in das «Big Brother»-Dorf und machte bei der Reality-Sendung «Ich bin ein Star, holt mich hier raus» (Dschungelcamp) mit. Als Sänger und Buchautor war er erfolgreich. Nach Küblböcks Verschwinden stellt sich die Frage, was seine Karriere als Freak im Privatfernsehen mit seiner schlechten psychischen Verfassung zu tun hat, in der er sich befand. Zuletzt klagte Küblböck über Mobbing in der Schauspielschule, die er besuchte.

Thomas Spielmann (67) war als Psychologe beim Casting und den Dreharbeiten der ersten Schweizer Reality-TV-Sendungen «Expedition Robinson» dabei. Später wurde er beim Casting für die Sendung «Big Brother» als psychologischer Berater beigezogen. Er war damals Psychotherapeut mit Schwerpunkt Behandlung psychischer Störungen. Heute ist er im Ruhestand.

Herr Spielmann, was macht ein Psychologe beim Casting einer Reality-Sendung?

Thomas Spielmann: Es gilt unbedingt zu verhindern, dass Personen an einer Reality-Sendung teilnehmen, bei denen man nicht mit grösster Sicherheit ausschliessen kann, dass ihnen die Teilnahme schadet. Ein erfahrener Psychologe kann das beurteilen.

Hätten Sie Daniel Küblböck bei «Big Brother Schweiz» mitmachen lassen?

Ich hätte Daniel Küblböck auf keinen Fall mitmachen lassen. Seine Auftritte zeigten, dass er nicht geeignet war für solche Sendungen. Aber aus der Sicht der Medienleute ist ein Daniel Küblböck natürlich perfekt. Er steigert die Einschaltquote. Wir hatten bei «Expedition Robinson» und «Big Brother Schweiz» auch solche Bewerber, aber ich habe mich mit Händen und Füssen dagegen gesträubt, dass man sie mitmachen liess.

Wie kommen Sie aus der Ferne zu einem derart klaren Urteil über Küblböck?

Beim Zuschauen hatte ich den Eindruck, dass er weder stabil noch stressresistent ist. Er ruhte nicht in sich und wirkte nicht, als hätte er innere Stärke. Ihm fehlten die Sozialkompetenz und die Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen.

Im Nachhinein lässt sich das einfach sagen. Aber hätte man das auch vorher erkennen können?

Ein erfahrener Psychotherapeut kann aufgrund eines Gespräches und während des Castings sehr genau beurteilen, ob ein Kandidat mit Stress umgehen kann, ob er Niederlagen wegstecken kann und ob er ein soziales Umfeld hat, das ihn trägt.

Dieter Bohlen, damals die zentrale Figur bei «Deutschland sucht den Superstar», sagt in einem Video, Küblböck habe zwischen Euphorie und Traurigkeit geschwankt. Hätte er merken müssen, dass Küblböck nicht geeignet war?

Ja, es ist ihm aufgefallen. Aber er hat natürlich ein ganz anderes Interesse als ich als Psychotherapeut. Das Business ist brutal. Ein Suizidversuch in der Sendung bringt Einschaltquote. Ich habe Leute wie Dieter Bohlen auch in den Schweizer Sendungen erlebt. Das waren Produzenten, die sich einen Zusammenbruch vor der Kamera geradezu herbeisehnten. Ich hatte damals die Aufgabe zu verhindern, dass so etwas passiert.

7. Mai 2003: Musikproduzent Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Daniel Küblböck vor dem Finale.

7. Mai 2003: Musikproduzent Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Daniel Küblböck vor dem Finale.

Produzenten wollen Action, aber ein Suizidversuch als Quotenbringer ist dann schon etwas ganz anderes. Übertreiben Sie es nicht mit Ihrer Kritik am TV-Business?

Schauen Sie, es gibt bei solchen Sendungen verschiedene Interessen. Bei «Expedition Robinson» gab es die Auftraggeber der Sendung, die ethische Standards hatten und mich darum als Korrektiv dabei haben wollten. Es gab aber auch andere Leute. Ich erinnere mich daran, wie ein Teilnehmer Todesangst hatte, weil er erschöpft ins Meer gestossen wurde. Er ertrank fast vor laufender Kamera. Wäre es nach dem ausführenden Produzenten gegangen, hätten wir zudem Teilnehmer mit auf die Insel genommen, die sofort zusammengebrochen wären. Und sie hätten einfach mit der Kamera draufgehalten. Ich konnte das zum Glück verhindern. Einen wie Küblböck wollte ich nicht auf der Insel.

Daniel Küblböck war der Quotenbringer für RTL. Jetzt hat er sich sehr wahrscheinlich ins Meer gestürzt. Ist der Sender mitschuldig?

Nein, die Auftritte haben ihn nicht krank gemacht. Er litt schon an Störungen, als er zum Casting ging. Sie haben ihn ausgewählt, weil er manipulierbar und schwach war und weil er durchdrehte. Aber die Sendungen haben ihn nicht dazu gebracht, vom Schiff zu springen.

Er beklagte sich über Mobbing. Es sieht so aus, als wollte er sich von seinem alten TV-Image befreien.

Nein, er wollte nicht das Image abstreifen. Mit seiner Störung hätte er es überall schwer gehabt. Er wollte immer geliebt werden, wusste aber nicht, wie das geht. Er konnte sich nicht einfühlen in andere. Er war ein kranker junger Mann.

Wie kommen Sie zu dieser Diagnose aus der Ferne?

Die Theatralik, seine Extrovertiertheit und sein Narzissmus zeigen klar, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er war verhaltensgestört. Diese Diagnose kann man auch aus der Ferne stellen, weil man das Verhalten beobachten kann, ohne direkt mit der Person zu sprechen. Und von dem her, was ich gesehen habe, vermute ich bei Küblböck wie gesagt Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen. Er hatte einen Hang zur Dramatisierung, einen Mangel an Einfühlungsvermögen, eine geringe Frustrationstoleranz und war teamunfähig. Dazu kommt ein Schwarz-Weiss-Denken.

Was passiert mit einer verhaltensgestörten Person, wenn sie eine Casting-Show-Karriere hinlegt?

Zuerst einmal geniesst sie die Öffentlichkeit. Dann kommt ihr aber das Schwarz-Weiss-Denken in die Quere. Sie nimmt es für selbstverständlich, dass die Frauen kreischen, wenn die Person auftaucht. Und wenn das dann einmal nicht eintrifft und sie einmal nicht im Mittelpunkt steht, empfindet sie es als Mobbing.

Hätte sich Küblböck auch ohne seine Karriere im Fernsehen vom Schiff gestürzt?

Das kann man nicht sagen. Genauso gut könnte es sein, dass er sich noch früher das Leben genommen hätte. Allerdings kann man auch festhalten, dass es sicher besser gewesen wäre, er hätte eine Berufslehre gemacht.

Aber ein Küblböck hätte doch auf so einen Rat nicht gehört.

Da wäre ich nicht so sicher. Ich erinnere mich an einen 30-Jährigen, der nach einer persönlichen Krise bei «Big Brother Schweiz» mitmachen wollte. Sein Ziel war, sein Selbstwertgefühl aufzubauen. Ich riet ihm, stattdessen mit einem Therapeuten zu sprechen. Jahre später bedankte er sich dafür. Ich habe etwa einem Dutzend Menschen geraten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, statt an der Sendung teilzunehmen.

Welche Verantwortung trägt Dieter Bohlen?

Dieter Bohlen und seine Leute trifft die Schuld, dass sie ihre Kandidaten nur im Hinblick auf den Profit auswählen. Sie nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. Offenbar hat Bohlen bei «Deutschland sucht den Superstar» kein professionelles Casting durchgeführt. Das würde mich bei ihm auch nicht wundern. Dieter Bohlen hat die Sozialkompetenz eines Schützenpanzers. Das zeigt ja auch sein Auftritt mit dem Pullover mit der Aufschrift «Get one with the Ocean», nachdem sein Freund ertrunken war. Jeder Strassenhydrant hat mehr Empathie.

Sind wir Zuschauer mitverantwortlich, wenn Menschen, denen das nicht guttut, in Casting-Sendungen landen. Schliesslich bringen wir die Einschaltquote?

Nein, der Produzent hat eine Verantwortung gegenüber den Leuten, die er den Zuschauern zum Frass vorwirft. Er weiss, wie die Medien funktionieren, und muss darum Kandidaten einer Casting- oder Realityshow sorgsam auswählen. Die Produzenten irren sich zudem. Die Zuschauer wollen gar nicht so viel Klamauk und Drama. Sonst würde der «Donschtig-Jass» nicht zu den erfolgreichsten Sendungen der Schweiz zählen und in Deutschland bringt der «ZDF-Fernsehgarten» auch Quote.

«Expedition Robinson» wirkt harmlos im Vergleich zu heutigen Realityshows in Deutschland.

Davon kann nicht die Rede sein. Bei «Robinson» waren die gleichen Leute am Werk wie später in Deutschland. Hätten ich und der verantwortliche Arzt den Produzenten nicht auf die Finger geschaut, hätten die Menschenversuche durchgeführt.

Wie wählt man Kandidaten für ein Casting-Sendung aus?

Man muss ganz schnell erfassen, ob das Gegenüber stabil ist und die Erfahrung geniessen kann. Es ist wie bei einem Bergführer, der sich überlegt: «Kann ich mit dieser Person auf das Matterhorn?»

Wem raten Sie ab, an einer solchen Sendung mitzumachen?

Wer glaubt, sein Leben werde besser, wenn die Zuschauer nur sähen, wer er wirklich sei, hat in einer Casting-Show nichts zu suchen. Nur, wer eine solche Sendung als eine von vielen Erfahrungen sieht, sollte sich anmelden, so wie wenn man sich entschliesst, den Jakobsweg zu machen.