Irina Kisseloff

Verkehrte Welt: Vor knapp zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, weihte die Firma Areva T&D ihre neue Schalterfabrik in Oberentfelden ein. Die Wirtschaft hat sich inzwischen erholt, der Areva T&D Schweiz geht es schlecht: Das Unternehmen, das in Oberentfelden so genannte gasisolierte Schaltanlagen für die Energieübertragung und -verteilung produziert, muss bis zu 140 Stellen abbauen.

Weniger Marktvolumen, tiefere Preise

Die Produkte der Elektroindustrie hinken dem Wirtschaftszyklus jeweils hinterher. Dieses Jahr hat das Marktvolumen abgenommen, gleichzeitig sind die Preise gesunken. Eine fatale Kombination: «Per Ende Mai ist bereits ein Verlust in namhafter Millionenhöhe entstanden», sagt Peter Morgenthaler, Länderchef Schweiz der Areva T&D. Die Struktur am Standort Oberentfelden entspreche nicht mehr der Auslastung. «Wenn wir diese Struktur jetzt nicht anpassen, ist der ganze Standort gefährdet.»

Von 2004 bis 2008 hat der Markt für gasisolierte Schaltanlagen geboomt. Entsprechend hätten alle Anbieter ihre Kapazitäten ausgebaut - die Areva T&D Schweiz hat mit der neuen Schalterfabrik ihre Kapazität verdoppelt. War denn der Markteinbruch nach einem so starken Wachstum nicht vorauszusehen? «Wir hatten gehofft, dass der Einbruch nicht so drastisch sein würde», sagt Morgenthaler. Im Nachhinein sei es immer einfacher, die Lage zu beurteilen. Zusätzlich machten der Firma die Koreaner zu schaffen, die in klassische Areva-Märkte drängen: «Sie beliefern neu Europa, den Mittleren Osten und Zentralamerika. Und setzen auf tiefe Preise.»

Europäischen Betriebsrat einbeziehen

Die Areva T&D Schweiz beschäftigt in der vom Abbau betroffenen Einheit der gasisolierten Schaltanlagen (GIS) 672 Mitarbeiter. Weitere 200 Mitarbeiter (inklusive Lehrlinge) sind in anderen Bereichen tätig. Wie viele der bis zu 140 GIS-Stellen am Ende tatsächlich abgebaut werden müssen, kann Morgenthaler noch nicht sagen. Derzeit läuft das so genannte Konsultationsverfahren: Die Betroffenen können Vorschläge zur Rettung der Arbeitsplätze einbringen. Diese werden dann laut Morgenthaler Anfang September mit dem europäischen Betriebsrat diskutiert - erst dann wird Konkreteres bekannt werden.

Denn der Fall Areva hat eine Besonderheit: Die Areva T&D gehört seit Juni den französischen Konzernen Alstom und Schneider Electric. Bei der Übernahme haben die neuen Besitzer und die europäischen Sozialpartner vereinbart, dass die Arbeitsplätze bis 2013 zu garantieren sind, sofern sich die wirtschaftliche Lage gegenüber 2009 nicht verschlechtert.

In der Vereinbarung ist die Gültigkeit auch für die Schweiz explizit festgehalten. Ein Novum für die Gewerkschaft Syna, die sich im Fall Areva engagiert: «Es ist das erste Mal, dass wir mit einem europäischen Betriebsrat zusammenarbeiten», sagt Josef Lustenberger, der bei der Syna den Bereich Maschinenindustrie leitet.

«Möglichst wenige Kündigungen»

Lustenberger hofft wegen der europäischen Vereinbarung auf einen sanfteren Stellenabbau: «Wir werden zusammen mit der Geschäftsleitung alles unternehmen, damit es zu möglichst wenigen Kündigungen kommt.» Im Idealfall werde ein grösserer Teil des Stellenabbaus abgefangen - über natürliche Fluktuationen und Weiterbeschäftigungen bei den Schweizer Töchtern von Alstom und Schneider Electric. Auch Morgenthaler weist auf diese Möglichkeit hin. Zudem gebe es in der Region viele offene Stellen im Industriebereich.