Herr Grossenbacher, es gibt eine Frage, die viele heterosexuelle Männer interessiert: Was empfinden Schwule, wenn sie nach dem Sport mit zehn anderen Männern unter der Dusche stehen?

Bernhard Grossenbacher: Ich bin sehr sportlich und kenne diese Situation. Bei mir löst das aber keine wahnsinnigen Gefühle aus. Man berührt sich ja nicht. Zudem hat Attraktivität nicht nur mit dem Körper zu tun.

Aber wenn ein Mann, der Ihnen gefällt, nackt vor Ihnen steht, dann löst das doch etwas aus?

Nein, nicht unbedingt. Ich bin sehr libertär erzogen worden und habe kein Problem, mit anderen Männern zu duschen. Ich habe mich an solche Situationen gewöhnt. Bei Heteros kommt es ja auch vor, dass sich zwei Arbeitskollegen sympathisch sind - das heisst aber noch lange nicht, dass sie den ganzen Tag erregt auf ihrem Stuhl sitzen.

Mit der Arbeitskollegin geht man normalerweise aber nicht gemeinsam unter die Dusche.

Das stimmt. Dabei muss man aber bedenken: Viele Leute sehen in Kleidern attraktiver aus, als wenn sie nackt sind. So oder so: Es ist eine Frage des Respekts im täglichen Umgang.

Können Sie nachvollziehen, dass einige heterosexuelle Männer Probleme haben mit dem Gedanken, dass ein Schwuler mit ihnen unter der Dusche steht?

Nein, das kann ich nicht verstehen. Schliesslich gibt es auch gemischte Saunas.

Das ist nicht vergleichbar, dort gehen Frauen wie Männer freiwillig hin. Sie wissen, was sie erwartet.

Trotzdem: Ich kann nicht nachvollziehen, dass das jemandem Schwierigkeiten bereitet. Wie gesagt, bin ich aber geprägt von einer libertären Erziehung.

War Ihre Homosexualität schon einmal ein Thema, als Sie mit Hetero-Freunden nach dem Sport unter der Dusche standen?

Überhaupt nicht. Die meisten meiner Kollegen sind nicht schwul, die haben damit aber kein Problem. Ich habe auch schon mit heterosexuellen Männern im gleichen Bett geschlafen, das ist kein Thema.

Glauben Sie, dass es bei Mannschaftssportarten ein Problem wäre, wenn ein bekennender Schwuler im Team ist?

Ich habe einen Kollegen, der offen schwul ist, und in einer Unihockey-Mannschaft spielt. Dort ist das kein Problem. Ich kann mir aber vorstellen, dass es je nach Teamkonstellation ein Problem sein kann. Es hängt von den einzelnen Charakteren ab und darauf, wie die Leute miteinander umgehen. Für mich selbst stellt sich die Frage aber ohnehin nicht, ich bin ein «Ball-Tubeli». (lacht)

Werden Sie oft mit solchen Fragen konfrontiert?

Nein, eigentlich nie.

Finden Sie es naiv oder hinterwäldlerisch, solche Fragen zu stellen?

Ganz ehrlich gesagt, finde ich es etwas bizarr, wenn jemand darüber nachdenkt, ob Schwule sexuell erregt werden, wenn sie mit anderen Männern unter der Dusche stehen. Wer solche Gedanken hat, hat wahrscheinlich keine schwulen Freunde, Kollegen oder Verwandte. Sonst würde man mit dem Thema lockerer umgehen.