Andrea Weibel

Zwei violette Kerzen leuchten auf dem Adventskranz neben dem Computer. Auf dem Schreibtisch herrscht perfekte Ordnung. Nur auf dem kleinen Tischchen, an das sich Betreibungsbeamtin Hildegard Hochstrasser gesetzt hat, stapeln sich Schachteln und Ordner. Diese seien für den Keller bestimmt, denn sie bereite sich schon jetzt auf ihren Auszug aus ihrem langjährigen Büro im Januar vor. Nach 26 Jahren im selben Betreibungsamt braucht Hildegard Hochstrasser eine Veränderung. Obwohl ihr die Jahre in Hägglingen sehr gut gefallen haben.

Frau Hochstrasser, Sie haben 26 Jahre lang das Betreibungsamt Hägglingen allein geführt. Fällt es Ihnen leicht, jetzt in Frick eine neue Stelle anzutreten?

Hildegard Hochstrasser: Ganz einfach ist das nicht. Ich kenne jeden meiner Kunden, weiss viel über sie und habe mit ihnen ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Dennoch freue ich mich auf meine neue Stelle in Frick.

Worauf freuen Sie sich bei Ihrem Stellenwechsel am meisten?

Hochstrasser: Auf die Arbeit im Team. Und auf die geregelten Arbeitszeiten (lacht).

Waren denn Ihre Arbeitszeiten in Hägglingen nicht geregelt?

Hochstrasser: Eigentlich schon. Aber ich wohne halt schon lange im Dorf und die Leute kennen mich. Häufig haben sie mich auch privat angerufen oder sind bei mir zu Hause vorbeigekommen, wenn sie ein Problem hatten. Und wenn ich in meinen Ferien nicht weggefahren bin, fand ich es unnötig, dass ein Stellvertreter nur wegen zweier Stunden hierher ins Büro kommt. Dann habe ich das halt selber gemacht.

Dann muss Ihnen Ihr Job aber sehr am Herzen liegen.

Hochstrasser: Auf jeden Fall. Ich bin stolz auf all die Probleme, die ich in dieser Zeit lösen konnte. Dabei war es mir immer wichtig, dass ich die Menschen, die zu mir kamen, mit Respekt behandle, dafür waren sie auch dankbar, glaube ich. Denn in Schulden kann jeder geraten, nicht nur «schlechte» Menschen.

Wie hat sich diese Dankbarkeit der Leute gezeigt?

Hochstrasser: Manchmal haben sie mir Kleinigkeiten vorbeigebracht oder Briefe geschrieben. Nur einmal habe ich einen Strauss abgelehnt, und zwar von jemandem, der wusste, dass er bald bei mir im Büro landen würde und schon vorab gute Stimmung verbreiten wollte. Hauptsächlich haben sie mir aber ihr Vertrauen geschenkt. Das ging so weit, dass sie mir das Geld, das sie mir bringen sollten, gleich auf der Strasse oder beim Einkaufen in die Hand drückten, selbst höhere Beträge. Das ist sogar öfter vorgekommen.

Was waren weitere Höhepunkte in Ihrer bisherigen Karriere als Betreibungsbeamtin?

Hochstrasser: Wenn die Leute zur Tür hereingepoltert kamen und erst einmal Dampf ablassen mussten, habe ich sie gelassen. Wenn sie dann fertig waren, habe ich ihnen erklärt, worum es geht und was sie tun können. Und spätestens, wenn ich Artikel zitiert habe, sind sie ruhig geworden. Am Ende waren sie dann froh, dass sie hier waren. Das gibt schon ein gutes Gefühl. Und dann waren natürlich noch die Jungen.

Die Jungen?

Hochstrasser: Ja, manchmal musste ich jüngere Leute betreiben, die ich noch aus der Schulzeit meiner Söhne kannte. Deren Vorladung habe ich ihnen in einem neutralen Gemeindecouvert ohne den Aufdruck «Betreibungsamt» zugeschickt, damit ihre Mütter nichts merkten. Darüber war mancher froh. Und ich finde, Mütter müssen gar nicht immer alles wissen, solange es nicht allzu schlimm ist.

Gab es weitere schöne Erlebnisse, an die Sie sich erinnern?

Hochstrasser: Am Anfang hatte ich natürlich stark zu kämpfen, weil ich eine Frau bin. Und zwar weniger mit den Schuldnern als mit den Gläubigern. Da haben häufig irgendwelche Herren angerufen und verlangt, ich solle sie mit dem Chef verbinden. Das war immer schön, wenn ich denen sagen konnte, der Chef sei bereits am Apparat.

Heute passiert das nicht mehr?

Hochstrasser: Nein. Seit etwa zehn Jahren habe ich das nie mehr gehört. Dafür ist mir aufgefallen, dass es häufig die Frauen sind, die wegen der Schulden ihres Mannes bei mir erscheinen, selten die Männer selbst.

Was haben Sie in solchen Fällen unternommen?

Hochstrasser: Das war meist kein Problem. Wenn ich die Männer aber wirklich im Büro sehen musste, habe ich sie angehalten, wenn ich sie zufällig auf der Strasse gesehen habe. Manchmal bin ich auch einfach ins Restaurant gegangen, wenn ich wusste, dass der Gesuchte da war, und habe mit ihm einen Termin ausgemacht. So habe ich übrigens auch meine Zahlungsbefehle zugestellt.

Die haben Sie nicht per Post aufgegeben?

Hochstrasser: In seltenen Fällen, in denen ich mir ganz sicher war, dass sie gelesen werden, schon. Meistens habe ich sie aber abends selber bei den Leuten vorbeigebracht. So bekam ich auch Einblick in die Wohnungen der Leute und wusste, wie sie leben. Das Sozialamt hat mich zum Beispiel schon oft angerufen, um zu fragen, wie ich diese oder jene Person einschätze. Denn ich war schon bei fast allen zu Hause. Ich kenne jeden und jeder kennt mich. Und ich habe schon vieles gesehen, auch schlimme Dinge.

Zum Beispiel?

Hochstrasser: Die verschiedensten Familiendramen habe ich miterlebt. Ein junges Paar hatte hohe Schulden, weil der Mann ständig Sexhotlines anrief. Die Frau stand mit den kleinen Kindern weinend vor meiner Tür. Manchmal habe ich mich auch ans Sozialamt gewandt, wenn Fälle allzu schlimm waren. Und ich bin natürlich das eine oder andere Mal wüst beschimpft worden. Aber das ist eben so bei dem Job, damit kann ich umgehen.

Wie konnten Sie nach solchen Erlebnissen abschalten? Hatten Sie nie Mühe damit?

Hochstrasser: Nein, darin bin ich ziemlich gut. Wenn ich die Tür abschliesse, lasse ich all das im Büro. Und ich mache viel Sport zum Ausgleich. Es gab schon Situationen, die ich mit meinen Amtskollegen oder Freundinnen besprochen habe. Natürlich nicht im Detail, aber manchmal musste ich schon irgendwo abladen. So ging das aber immer gut.

Wird Ihr Job in Frick einfacher werden?

Hochstrasser: Nein, einfacher denke ich nicht. Aber in Frick ist ein ganzes Team für die Fälle zuständig. Wir können uns absprechen. Und nach Arbeitsende habe ich Feierabend. Da wird mich niemand mehr privat anrufen. Das war in Hägglingen zwar gar kein Problem, sonst hätte ich das nicht so lange gemacht. Aber so langsam möchte ich schon etwas mehr Ruhe einkehren lassen.