Sidonia Küpfer

«Oft dauert es lange, bis Erwachsene erkennen, dass sie ein Problem mit ihrem Internetumgang haben», sagt Patricia Ammann von der Suchtberatung des Bezirks Dietikon. Die ausgebildete Psychologin entwickelt ein Beratungsangebot für onlinesüchtige Erwachsene. Während übermässiger Internetkonsum bei Kindern und Jugendlichen in der Regel den Eltern oder den Lehrpersonen auffällt, fallen diese Kontrollinstanzen bei Erwachsenen weg, erklärt Ammann.

Es trifft sechs Prozent der User

Die Suchtprävention des Kantons Zürich rechnet damit, dass rund sechs Prozent der Internetuser süchtig oder suchtgefährdet sind. Obwohl die Suchtberatung des Bezirks Dietikon bislang keine Anfragen von Onlinesüchtigen hatte, sei davon auszugehen, dass es auch im Limmattal Menschen mit problematischem Internetkonsum gebe, so Ammann. Sie hat sich u. a. im Rahmen einer Arbeitsgruppe auf diesem Gebiet fortgebildet, um auch diesen Bereich abdecken zu können. Betroffene im jugendlichen Alter können sich schon länger an die Beratungsstelle «Blinker» wenden.

Beruflich gehts nicht ohne

«Onlinesüchtige haben die besondere Schwierigkeit, dass sie sich dem Internet oft nicht entziehen können. Die meisten sind beruflich auf Onlinedienste angewiesen», erklärt Patricia Ammann. An vollkommene Abstinenz sei da nicht zu denken, vielmehr müsse ein kontrollierter Umgang mit dem Internet gelernt werden. Das sei für viele Süchtige eine grosse Herausforderung.

Aber wann ist das Chatten mit Freunden, das Spielen von Online-Games wie «World of Warcraft» oder das Surfen durch die virtuelle Welt «Second Life» ein Problem? «Meist wollen die Menschen auf diese Frage eine Anzahl Stunden als Grenzwert hören, doch so einfach sei es nicht», sagt Ammann.

Anzeichen für süchtiges Verhalten sind, wenn Handeln und Denken einer Person nur noch auf das Internet fokussiert seien, wenn soziale Beziehungen in der Realität vernachlässigt würden, wenn andere Freizeitbeschäftigungen abnähmen während die Onlinezeit stetig zunimmt und jemand seinen Konsum kaum kontrollieren könne. «Typisch für Süchtige sind auch Nervosität oder Aggressivität bei einem Internetentzug», so Ammann weiter, «und spätestens wenn es zu einem Leistungsabfall wegen Schlafmangels nach durchgespielten Nächten kommt, sollten die Alarmglocken läuten.»

Sucht nach schnellem Erfolg

Hat jemand erkannt, dass sein Umgang mit dem Internet problematisch ist, gehe es in der Beratung darum, herauszufinden, was diese Person in der virtuellen Welt finde, was ihr die Realität nicht biete. «In virtuellen Welten ist es oft einfacher erfolgreich zu sein als im realen Leben», erklärt Patricia Ammann. Wer beispielsweise im echten Leben Probleme bei der Arbeit oder mit dem sozialen Umfeld habe, könne diese mit Erfolg in Onlinespielen kompensieren, etwa, indem das nächste Level erreicht oder virtuelle Kontakte aufgebaut werden.

Soziales Netz wieder aufbauen

In solchen Fällen gehe es darum, mit der betroffenen Person zu analysieren, wo Probleme sind, und zu erarbeiten, wie das reale Leben erfolgreicher bewältigt werden kann. Oftmals sei der Wieder-Aufbau von sozialen Beziehungen wichtig: Was im virtuellen Spiel «Second Life» ganz einfach sei, stelle für viele Menschen im realen Leben ein Problem dar, sagt Ammann. Obwohl das Beratungskonzept noch im Aufbau sei, können sich Betroffene schon heute bei der Suchtberatung in Dietikon melden.