Der Belag ist zu komfortabel, die Spur zu breit, das Tempo zu schnell, als dass Autofahrer jedes Mal realisieren, dass sie über eine Autobahnbrücke fahren. 4548 Brücken zählt die Schweiz allein auf ihrem 1840 Kilometer langen Nationalstrassennetz, das zur Hauptsache aus Autobahnen besteht. Die meisten der Brücken sind weit älter als 40 Jahre. Das und der Fakt, dass mehr Autos und schwerere Lastwagen über die Brücken brausen als noch in den 1970ern angenommen, führt dazu, dass mehr und mehr Brücken saniert werden müssen.

Wie stark der Verkehr sich auf die Brücken auswirkt, zeigen Daten des für die Autobahnen zuständigen Bundesamts für Strassen (Astra): «Seit 2008 hat sich der durchschnittliche Zustand langsam verschlechtert», steht im letzten Netzzustandsbericht 2016 unter dem Abschnitt Kunstbauten, zu denen auch die Brücken gehören.

«Wir kontrollieren die Schweizer Brücken regelmässig»

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Richard Kocherhans Leiter Astra Zofingen zum Fall der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua und zur Sicherheit der Schweizer Brücken.

Ziel nicht erreicht

Die Durchschnittsnote, die das Astra den Bauten vergibt, sank von 1,85 auf 1,92. Dies auf einer Notenskala von 1 (gut) bis 5 (alarmierend). Der Zielwert des Astra lag bei 1,90. Immerhin: 86 Prozent der Kunstbauten taxierte das Astra 2016 mit gut bis akzeptabel. Keine der Brücken wurde als alarmierend taxiert, nur 2 Prozent der Kunstbauten als schlecht und 12 Prozent als beschädigt. «Die Sicherheit ist auch bei den schlecht bewerteten Kunstbauten jederzeit gewährleistet», schreibt das Astra. Laut Sprecher Thomas Rohrbach zeigt der nächste Zustandsbericht 2017 ein ähnliches Bild. Das Astra will ihn Ende Monat publizieren.

Klar ist: Um das Sicherheitsniveau zu halten, wird es teuer. Der Bund will verstärkt in den Unterhalt der Kunstbauten investieren. Laut Rohrbach fällt ein grosser Teil auf die Autobrücken, was sich auf die Gesamtausgaben beim Nationalstrassennetz niederschlägt. «Dieses Jahr sind es allein für Brückensanierungen bis zu 300 Millionen Franken», so Rohrbach.

Genua: Hier stürzt die Autobahnbrücke ein

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Von den dieses Jahr budgetierten 1,9 Milliarden Franken fliessen gerade einmal 290 Millionen in den Bau neuer Abschnitte. Rund 1,5 Milliarden werden in den Unterhalt und Ausbau gesteckt, worunter auch Lärmschutzvorkehrungen gehören. Gegenüber letztem Jahr haben sich die Investitionen um 20 Prozent erhöht. «In einem Jahr mit Sanierungsarbeiten an einem grossen Bauwerk macht der Anteil der Brückensanierungen auch mal weit mehr als die 300 Millionen Franken aus», sagt Rohrbach und verweist auf das in die Jahre gekommene Biaschina-Viadukt der A2 im Tessin, das bald saniert werden müsse.

Darin nicht eingerechnet sind nötige Renovationen an Tausenden von Brücken in jenem Teil des Strassennetzes, für das die Kantone und Gemeinden zuständig sind. Solche Strassen machen mehr als 97 Prozent am gesamten Schweizer Strassennetz aus.

Was Brücken zum Einsturz bringt:

Finanzen sind gesichert

Auch beim Astra in Bern schauen die Ingenieure gebannt nach Genua, wo immer mehr Leichen aus den Trümmern der in sich zusammengestürzten Morandi-Brücke geborgen werden. «Die Untersuchungsergebnisse werden auch uns sehr interessieren», so Rohrbach. «Wir können nicht ausschliessen, dass sich daraus auch Lehren für den Zustand der Schweizer Autobahnbrücken ziehen lassen.»

Schrägseilbrücken, wie die Morandi-Brücke eine war, gibt es auch in der Schweiz. Die Aare-Brücke der A5 bei Grenchen SO ist nur eines der Beispiele. In den 1990ern gebaut, ist sie jedoch weit jünger als die Genueser Morandi-Brücke (1967). «Solche Konstruktionen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Stabilität und Zuverlässigkeit nicht von anderen», betont Thomas Rohrbach.

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Auch am Mittwoch suchten die Rettungskräfte nach Überlebenden und Verschütteten.

Beim Astra ist man sich über die guten finanziellen Voraussetzungen hierzulande bewusst. «Wir sollten uns in der Schweiz nicht allzu sehr auf die Schultern klopfen», sagt Rohrbach. Die Brücken landauf, landab seien gut überwacht und deshalb sicher. Doch auch die Ingenieure in Italien wüssten, wie die Brücken zu überwachen sind. «In der Schweiz verfügen wir aber glücklicherweise dank des NAF über eine zweckgebundene Finanzierung, der gerade dem Unterhalt des Nationalstrassennetzes zugutekommt.» Dass dank des 2017 vom Stimmvolk gutgeheissenen Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds neue Finanzierungsquellen angezapft werden können, erweise sich künftig als Segen. «Wir haben auch in Zukunft die nötigen Mittel, um das Netz und auch unsere Brücken sicher zu betreiben.»

Engmaschiges Kontrollnetz

Konkret geht das so: Astra-Mitarbeiter der für die Region zuständigen Werkhöfe sind täglich auf den Schweizer Autobahnen unterwegs. Brücken werden einmal pro Jahr Sichtkontrollen unterzogen. Kommt es zu einem Unfall, einem Fahrzeugbrand oder einer Naturkatastrophe, etwa einem Hochwasser, inspizieren die Experten die Bauwerke genauer. Alle fünf Jahre unterziehen sie jede Autobahnbrücke einer sogenannten Hauptinspektion. «Dabei wird auch die Statik neu berechnet, unter Berücksichtigung des gestiegenen Verkehrsaufkommens et cetera», so Rohrbach.

Steuerzahler und Autofahrer finanzieren in der Schweiz Kontrollen und Unterhalt. Astra-Sprecher Rohrbach sagt: «Es geht dem Netz nicht schlecht, uns geht die Arbeit aber nicht aus.» Auf dass Autofahrer auch künftig nicht bemerken, wenn sie über eine der über 4500 Autobahnbrücken fahren – und nicht plötzlich der Beton unter den Rädern wegbricht.