Eigentlich war vorgezeichnet, wer im Wallis dereinst Jean-René Fournier beerben sollte, wenn er 2019 zurücktritt nach dem Jahr als Ständerats-Präsident: Yannick Buttet.

Doch es kam anders. Im November 2017 wurde bekannt, dass der Walliser CVP-Nationalrat seine Ex-Geliebte belästigt hatte. Buttet musste zurücktreten. Nach einer Phase von Agonie und Zweifel einigte sich die CVP Unterwallis schliesslich auf Marianne Maret als Kandidatin für den Ständerat, ihre Vizepräsidentin und Grossrätin.

Maret erhält aber harte Konkurrenz. Am Donnerstag Abend nominiert die SP Savièse Nationalrat Mathias Reynard. «Ich lanciere damit meine Ständerats-Kandidatur», bestätigt er. «Natürlich muss ich noch von der SP Wallis nominiert werden.» Hochkarätige Kandidaten stehen aber auch bei FDP und SVP bereit: Nationalrat Philippe Nantermod (FDP) und Grossrat Cyrille Fauchère (SVP).

127 Jahre CVP-Herrschaft

Damit greifen SP, FDP und SVP die letzte CVP-Bastion an, die es noch gibt: die ungeteilte Walliser Standesstimme. Die beiden Ständerats-Sitze des Kantons befinden sich seit 1891 – seit 127 Jahren – ausnahmslos in CVP-Hand. Lediglich zu Beginn des modernen Bundesstaates, von 1848 bis 1890, gehörten 10 der total 56 Walliser Ständeräte den Radikalen (heute FDP) an.

Das hängt mit der Niederlage des Sonderbunds zusammen, dem das Wallis 1845 beigetreten war. Nach der Besetzung durch eidgenössische Truppen übernahmen die Radikalen im Dezember 1847 die Macht im Wallis. Damit setzte sich die repräsentative Demokratie in liberalem Sinne auch im Wallis durch. Diese Phase war aber nur von kurzer Dauer. Bei den Wahlen 1857 errangen die Konservativen wieder die Mehrheit im Grossen Rat.

Bis 1921 wurden die Ständeräte im Wallis nicht vom Volk gewählt, sondern vom Grossen Rat, den die CVP dominiert. FDP, SVP oder SP hatten aber auch danach keine Chance auf einen Ständeratssitz. «Es gab selbst im zweiten Wahlgang fast nie eine Allianz der Minderheits-Parteien gegen die CVP», sagt Historiker Philippe Bender. «Doch langsam kommt der Pluralismus auch ins Wallis. Mit einem Drittel der Stimmen kann man nicht immer beide Ständeratssitze beanspruchen.»

Auch Reynard schätzt es als «problematisch» ein, dass die CVP mit einem Wähleranteil unter 40 Prozent «noch immer beide Sitze beansprucht». Es brauche mehr Vielfalt. «Das Wallis hat sich enorm verändert, die Gesellschaft ist viel offener geworden.» Das zeige sich daran, wie die politische Elite von Abstimmungs-Resultaten überrascht worden seien. Etwa vom Nein zu den Olympischen Winterspielen 2026 in Sion. Oder vom starken Anstieg des Ja-Anteils bei der Abstimmung zur erleichterten Einbürgerung.

Ein politisches Talent

Die Veränderungen zeigten sich aber vor allem im Alltag der Bevölkerung, findet Reynard. Etwa bei so sensiblen Fragen wie der Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT). Die zweite Pride in Sion sei ein grosser Erfolg gewesen. Reynard: «Heute sind die progressiven Kräfte im Wallis in der Mehrheit.» Doch das seien nicht jene Menschen, die dann auch tatsächlich in den Medien auftauchten. «Sie entsprechen nicht dem Bild, das gewisse Leute dem Kanton gerne geben möchten.»

Reynard gilt als politisches Talent. 2011 hielt er, mit 24 Jahren jüngstes Parlamentsmitglied, die Eröffnungsrede im Nationalrat. 2015 wurde er mit dem zweitbesten Resultat wiedergewählt. Yannick Buttet (CVP) kam auf 43'585 Stimmen, Reynard auf 33'469. Er lag damit deutlich höher als Bundesrätin Viola Amherd (29'256) und als Philippe Nantermod (30'253), sein FDP-Ständerats-Konkurrent.

Der Vorstand der FDP Wallis tagt in einer Woche. «Wenn er glaubt, ich sei der richtige Kandidat», sagt Nantermod, «bin ich bereit für den Ständerats-Wahlkampf.» SVP-Grossrat Fauchère argumentiert ähnlich. «Wahrscheinlich» sei er der SVP-Kandidat. SVP-Präsident Albert Rösti habe seinen Namen genannt. «Und ich bin interessiert». Entscheiden müsse aber die Generalversammlung der SVP Wallis.

Würde er einen Sitz holen, wäre das «historisch», sagt Nantermod. Das sieht auch Historiker Bender so, der neu für die FDP im Verfassungsrat sitzt. Dort plant er genau deswegen einen Antrag für die neue Walliser Kantonsverfassung. Er will den Satz verankern, dass das Oberwallis künftig einen fix garantierten Ständeratssitz hat. «Dann», glaubt Bender, «könnten die Oberwalliser frei wählen.» Bisher hätten sie nämlich nur eine Wahl, um in Bern sicher vertreten zu sein: die CVP.