Nach dem tödlichen Drama bei der Zwangsräumung einer Wohnung in Schafhausen BE wird die Sicherheit von Betreibungs- und Konkursbeamten überprüft. Das kündigt Roger Schober, Präsident des Verbands der Berner Betreibungsbeamten, an. «Nach Vorliegen der aktuellen Abklärungsergebnisse zu den tragischen Geschehnissen in Schafhausen werden wir über allfällige Massnahmen entscheiden», sagt Schober. «Unsere Mitarbeiter besuchen wöchentlich tausendfach Kunden und Kundinnen vor Ort. Ob, wann und welche Sicherheits-Hilfsmittel für unsere Mitarbeiter angezeigt sind, entscheiden wir zusammen mit unseren Partnern.»

Bei Fragen der Sicherheitsausrüstung werde das Gespräch mit den Polizei- und Gemeindebehörden geführt. «Wir schliessen den Kreis aber nicht vorzeitig», sagt Verbandspräsident Schober. «Ich könnte mir je nachdem auch Partner aus Wissenschaft und Medizin vorstellen.» Wie Schober erklärt, will er «keine überhasteten Entscheide» fällen.

Gewaltrisiko nicht unterschätzen

Der Betreibungsbeamte, der in Schafhausen die Zwangsräumung vollziehen sollte, blieb unverletzt. Doch der Schock sitzt tief. Geschultes Personal steht den Berner Betreibungsbeamten für die Verarbeitung der Tragödie zur Verfügung. «Für sämtliches Personal des betroffenen Amtes wurde eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut», sagt Schober.

Das Gewaltrisiko sei bei Zwangsräumungen nicht zu unterschätzen, warnt der Notfallpsychologe Herbert Wyss. «Es besteht immer ein Konfliktrisiko. Statistisch betrachtet, ist bei über 10 Prozent der Fälle mit einem Gewaltereignis zu rechnen.» Wyss berät Kantone, Gemeinden und Schulen bei Gewaltvorfällen und Amokdrohungen. Er kritisiert die Einsatzplanung in Schafhausen scharf: «Es gab im Vorfeld zahlreiche Indizien, die auf ein Gewaltrisiko hinwiesen», so Wyss: «Der mutmassliche Täter war arbeitslos, er hatte finanzielle Probleme, seine Post hat er nicht mehr angenommen und er isolierte sich im Dorf völlig.» Wegen des Militärdienstes habe man zudem damit rechnen müssen, dass er bewaffnet sein könnte. «Es war völlig falsch, zwei Polizisten und einen Betreibungsbeamten vorbeizuschicken», sagt Wyss. «Sie haben kein psychologisches Fachwissen und sind in einer solchen Krisensituation überfordert.»

Strukturproblem im Kanton Bern

Der Fall Schafhausen zeige, dass es im Kanton Bern «ein Strukturproblem gebe». «Das hätte man schon bei andern Fällen erkennen müssen», sagt Wyss mit Blick auf den Fall Kneubühl in Biel. Auch dort führte eine Zwangsräumung zur Gewalteskalation. Laut Wyss brauche es nun dringend eine Fachstelle, bei der die Polizei problematische Fälle melden könne. Zudem plädiert Wyss bei Zwangsräumungen für eine Schutzwestenpflicht. «Ein Westenobligatorium hätte den Vorteil, dass auch bei unerwarteten Eskalationen ein minimaler Schutz für den einzelnen Polizisten besteht.»