Tage wie diese sind die schlimmsten. Tage, an denen die Wolken über dem Tal hängen. Sich zwischen die Bergeller Gipfel zwängen, dunkel und dicht. Und Regen bringen. Nach dem sehnt sich die ganze Schweiz in diesem Sommer. Doch in Bondo ist das anders. Der Regen ist dort der Feind, weil wegen ihm alles wieder anfangen und weitere Gerölllawinen das Tal heimsuchen könnten. «Wenn es regnet, dann gehen unsere Gedanken wieder Richtung Val Bondasca», sagt Anna Giacometti, die Gemeindepräsidentin von Bregaglia, der Gemeinde, zu der auch Bondo gehört.

Draussen regnet es, und Giacometti sitzt hinter einem Strauss von Mikrofonen, sie ist sich das schon ein wenig gewohnt. Es ist viel auf ihr Dorf eingeprasselt im letzten Jahr, und Giacometti musste lernen, mit dem Medieninteresse zu leben. In ihrem Büro ist das eine oder andere Dossier liegen geblieben; seit dem 23. August 2017 gibt es für sie vor allem ein Thema: den Piz Cengalo. Jetzt hat sie zu einer Pressekonferenz gerufen, an der sie Bilanz ziehen will. Sogar ein Bundesrat ist angereist, Guy Parmelin, der Verteidigungsminister. Und natürlich auch ein Regierungsrat aus Chur.

Ein Jahr nach dem Bergsturz: Bondo bleibt unsicher

Ein Jahr nach dem Bergsturz: Bondo bleibt unsicher

Ein Jahr nach dem Bergsturz von Bondo bleibt die Situation angespannt: Der Berg Piz Cengalo befindet sich wieder in Bewegung. Wie gehen die Dorfbewohner mit dieser Gefahr um?

Bald ein Jahr ist es nun her, dass Anna Giacometti an einem schönen Sommertag durch die engen Gassen von Bondo rannte und den Einwohnern zurief, sie sollten sich sofort in Sicherheit bringen. Wenig zuvor hatte sie noch in einer Sitzung gesessen. Doch dann grollte der Cengalo. Und schickte Unmengen von Stein und Fels ins Tal, über drei Millionen Kubikmeter stürzten von seiner Nordostflanke. Die Folge war eine Reihe von Murgängen in den nächsten Tagen: Ein Gemisch aus Wasser, Holz und Steinen walzte sich in Richtung Dorf. Riss eine Brücke mit sich, verschüttete die Kantonsstrasse und beschädigte 99 Gebäude, Wohnhäuser und die Turnhalle, aber auch Maiensässe oder eine Schreinerei; der Gesamtschaden wird auf 41 Millionen Franken geschätzt. Acht Berggänger werden von ihrer Tour durch das Val Bondasca nie mehr nach Hause zurückkehren. Sie liegen irgendwo dort oben, begraben unter einer Lawine aus Fels und Stein, die das Tal stellenweise 30 Meter hoch bedeckt. Im Juli haben Rettungsteams ein letztes Mal erfolglos nach ihnen gesucht. Diesen Monat soll eine Gedenkfeier stattfinden.

Der Fels ist in Bewegung

An der Pressekonferenz in der Schule von Stampa, einem Nachbardorf von Bondo, gibt es an diesem Nachmittag viele warme Worte zu hören. Anna Giacometti bedankt sich für die grosse Solidarität, Guy Parmelin, ganz SVP-Bundesrat, lobt das Schweizer Milizsystem, das sich bei der Krisenbewältigung einmal mehr bewährt habe. Doch dann tritt Martin Kaiser ans Mikrofon, der Naturgefahrenexperte des Kantons. Und berichtet von der Gefahr, die vom Piz Cengalo immer noch droht. Seit Anfang Juli sind an seinen grauen Flanken drei Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung. Sie bewegen sich ruckartig, nicht so schnell zwar wie beim Bergsturz vor einem Jahr. Aber doch so, dass Kaiser sagt, die Lage sei «angespannt», und ein erneuter grösserer Bergsturz noch in diesem Sommer «nicht ausgeschlossen».

Das verwüstete Bondo aus der Luft

Das verwüstete Bondo aus der Luft

(September 2017)

Ein neuer Bergsturz könnte auch neue Murgänge für Bondo bedeuten. Und dann ist da noch die Gefahr durch den Regen: Anhaltende Starkniederschläge, etwa bei einem Gewitter, könnten jene 1,5 Millionen Kubikmeter Felsmaterial in Bewegung bringen, die vor einem Jahr vom Piz Cengalo abgebrochen sind und seither im Val Bondasca oberhalb des Dorfes liegen. Die Behörden glauben, dass das ausgebaute Rückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von 300'000 Kubikmetern Bondo schützen wird. Doch ein Restrisiko, sagt Naturgefahrenexperte Kaiser, bleibt. Ein definitives Schutzkonzept wird derzeit erarbeitet und soll 23 Millionen Franken kosten.

Ein Buch für die Verarbeitung

Das Becken, das neue Murgänge auffangen soll, breitet sich wie eine riesige graue Narbe unterhalb von Bondo aus. Felsblöcke türmen sich dort zu Schutzmauern auf. Eine Provisorium ersetzt jene Brücke aus Stein, über die Arnoldo Giacometti so oft gegangen ist, bis sie 2017 der Naturkatastrophe zum Opfer fiel. Giacometti, ein kleiner Mann mit Brille und weissem Haarkranz, hat sein ganzes Leben in Bondo verbracht, nur einmal musste er weg, ans Lehrerseminar nach Chur. Doch dann zog es ihn zurück in die Heimat, die ihm wie vielen Bergellern so sehr am Herzen liegt.

42 Jahre lang war er Primarlehrer in Bondo und 30 Jahre der Archivar seines Dorfes. Er kennt seine Geschichte wie kaum ein anderer. Jetzt steht er an der grauen Narbe, die im vergangenen Jahr sein Leben bestimmt hat. Und erzählt, dass es in seinem Dorf nach dem Bergsturz neben den sichtbaren noch viele andere Narben gibt. «Wir sind weit entfernt davon, wieder in der Normalität zu leben», sagt Giacometti. Viele Stunden hat er in der Osteria von Bondo verbracht und mit anderen Menschen aus dem Dorf über das geredet, was vor einem Jahr passiert ist. Und sich schliesslich zu Hause hingesetzt, um ein Buch zu schreiben, das den Menschen in Bondo helfen soll, das Geschehene zu verarbeiten. Mit «La storia del Pizzo Cengalo» ist dieses Buch überschrieben, und es gibt darin viele Bilder über den Bergsturz und darüber, was das alles mit dem Dorf angerichtet hat. Nur die abgerissenen Häuser finden sich nirgends, «ich wollte den Leuten nicht wehtun», sagt Giacometti, der viele Stunden am Buch sass, oft bis tief in die Nacht, trotz seiner 81 Jahre – weil er «ein Bedürfnis nach einem solchen Buch spürte».

In Bondo schauen sie in diesen Tagen oft zum Himmel, und ein kleinerer Murgang vor ein paar Tagen hat die Menschen noch nervöser gemacht. «Die Angst lebt immer noch, sie macht die einen unruhig und die anderen apathisch», sagt Giacometti. Der 81-Jährige hat als Lehrer erlebt, wie die Schülerzahlen stetig sanken und sein Tal immer älter wurde. Jetzt kämpft es auch noch mit den Folgen der schlimmsten Naturkatastrophe seit langem. Das alles macht ihm zwar Sorgen, und doch glaubt er an eine Zukunft für sein Tal, das so wild und einsam am Rand der Schweiz liegt. «Die Leute gehen nicht weg von hier», sagt er, und das sieht auch Anna Giacometti, die Gemeindepräsidentin, so: «Wir haben das Leben in den Bergen im Blut. Wir werden bestimmt nicht aufgeben.»