Das Problem taucht immer wieder und immer häufiger auf: Ein Medikament kann während Wochen oder Monaten nicht geliefert werden. Diese Engpässe bekommen auch die Spitäler zu spüren. Dass sie ein Medikament bestellen wollen, das nicht mehr verfügbar ist, kommt inzwischen sehr oft vor: Pro Arbeitstag seien die Spitalapotheker im vergangenen Jahr durchschnittlich mit einem Lieferengpass konfrontiert worden, sagt Sara Iten, Geschäftsführerin des Vereins der Amts- und Spitalapotheker. Die Patienten merken davon im besten Fall nichts, weil die Spitäler das Medikament noch an Lager haben oder es allenfalls aus dem Ausland importieren können.

Obwohl die Spitalapotheker täglich mit dem Problem konfrontiert sind: Dem Bund melden sie die Lieferengpässe praktisch nie. 2017 erhielt die Meldestelle für lebenswichtige Humanarzneimittel gar keine Meldung aus den Spitälern, vergangenes Jahr waren es lediglich deren sechs.

Das geht aus einem Bericht hervor, den der Bundesrat diese Woche zur Kenntnis nahm. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) äussert darin Kritik: Die Meldungen aus den Spitälern seien immer noch selten, heisst es. Das sei bedauerlich. Und: Die Einbindung der Spitäler stelle «weiterhin eine Herausforderung dar».

«Nicht nur eine Bringschuld»

Beim Verein der Amts- und Spitalapotheker stösst die Kritik des Bundesamts auf Unverständnis. «Die Spitalapotheker erfahren leider meist erst vom Lieferengpass, wenn dieser bereits Tatsache ist», sagt Geschäftsführerin Sara Iten. Das sei zu spät, um es dem BWL zu melden, argumentieren die Spitalapotheker. Denn: Die Liste des Bundes umfasst nur die lebenswichtigen Arzneimittel. Und bei diesen sind die Herstellerfirmen verpflichtet, Engpässe zu melden, falls sie länger als zwei Wochen dauern. «Wenn die Industrie dies wie vorgesehen macht, ist der Lieferengpass gemeldet, bevor der Spitalapotheker ihn überhaupt bemerkt», sagt Iten.

Auch Enea Martinelli wehrt sich gegen die Vorwürfe des Bundesamts. Der Chefapotheker der Spitäler Meiringen, Frutigen und Interlaken führt eine eigene Liste der fehlenden Medikamente. Die Kritik des Bundes richte sich wohl deshalb an die Spitalapotheker, weil «wir umgekehrt auch das BWL kritisieren», vermutet er. Martinelli moniert seit langem, dass der Bund nur Engpässe von lebenswichtigen Medikamenten dokumentiert. Die Liste sei deshalb viel zu kurz, was zu falschen Schlüssen verleite. Martinelli listet auf seiner Website aktuell 580 Lieferengpässe auf, fast zehn Mal mehr als die Meldeplattform der Behörden.

Dass die Liste des Bundes nur einen Teil der Arzneimittel berücksichtigt, hat jedoch seine Gründe: Der gesetzliche Auftrag des BWL beschränkt sich auf lebenswichtige Arzneimittel, wie ein Sprecher erklärt. Er hält aber fest, die Spitalapotheker könnten die Meldestelle durchaus auch über Engpässe bei Produkten informieren, die nicht meldepflichtig sind. Das BWL analysiere dann den Markt, um nach Alternativen zu suchen.

Davon könnten auch die Spitalapotheker profitieren. Martinelli findet indes: «Es gibt nicht nur eine Bringschuld.» Das BWL kenne die Datenbank, die er führe, und könne diese Angaben nutzen. Das Problem einseitig auf die Spitalapotheker abzuschieben, sei viel zu einfach. «Die ganze Branche ist betroffen.» Trotz gegenseitiger Kritik betonen der Bund und Martinelli, ihre beiden Engpass-Listen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie hätten andere Ziele und ergänzten sich.

Rekord an Engpässen

Theoretisch könnte der Bund Spitäler und Apotheken verpflichten, Engpässe zu melden. Das will der Bundesrat jedoch nicht, wie er diese Woche als Antwort auf eine Motion schrieb. Um die Spitalapotheker besser einzubinden, sucht das BWL vielmehr das Gespräch mit dem Verein der Spitalapotheker. Auch dieser sieht durchaus Handlungsbedarf: Die Kommunikation über die Engpässe müsse verbessert werden, zudem müssten alle Beteiligten besser eingebunden werden.

Beiden Listen ist im Übrigen eines gemeinsam: Sie werden in der Tendenz immer länger. Martinelli verzeichnete Ende vergangener Woche gar einen neuen Rekord an Engpässen. Der Druck, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wächst definitiv.