Als Nationalratspräsident Dominique de Buman am Montag die Sommersession für eröffnet erklärte, fehlte ein Politiker im Saal, der für gewöhnlich keine Gelegenheit zum Schlagabtausch mit dem politischen Gegner auslässt: Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth kümmerte sich zu Hause um seine beiden Töchter. Und so bleibt es – wenigstens grundsätzlich – auch während der weiteren elf Sitzungstage. Denn Wermuth nimmt für sich in Anspruch, was in der Schweiz trotz diverser linker Vorstösse gesetzlich nach wie vor nicht vorgesehen ist: Vaterschaftsurlaub.

Schon als vor gut drei Jahren seine erste Tochter auf die Welt kam, nahm der ehemalige Juso-Präsident eine Auszeit. Damals aber verpasste er – da das Geburtsdatum «günstiger» lag – bloss Kommissionssitzungen und nicht wie jetzt eine gesamte Session. Wenige Tage nach der Geburt der zweiten Tochter wird der 32-Jährige in den nächsten zweieinhalb Wochen Hunderte Abstimmungen versäumen. Dass dies eine Rolle spielen kann, zeigte sich schon gestern: Wie bereits der Ständeentschied zwar auch der Nationalrat, dass Parlamentarier ihre ausserparlamentarischen Mandate künftig in einem Register auflisten müssen.

Mit 93:92 Stimmen schickte die grosse Kammer aber hauchdünn eine Zusatzregelung bachab, gemäss welcher die Politiker fortan bei jeder Tätigkeit hätten angeben müssen, ob sie damit mehr als 12 '000 Franken verdienen. Ein anwesender Wermuth hätte den Beschluss gekippt, denn Ratspräsident de Buman hätte bei einem Patt höchstwahrscheinlich für mehr Transparenz gestimmt. «Damit kann ich leben», sagte Wermuth gestern Abend auf Anfrage. «Man kann individuell selten richtig machen, was kollektiv nicht gelöst ist.»

Transparenz-Debatte im Nationalrat

Transparenz-Debatte im Nationalrat

Am Montag diskutierte im zweiten Anlauf auch der Nationalrat, wie viel die Parlamentarier über ihre Tätigkeiten und Mandate preisgeben müssen. Die grosse Kammer folgte bei verschiedenen Änderungen des Parlamentsrechts teilweise den Beschlüssen des Ständerats. Neu sollen die Ratsmitglieder im Register der Interessensbindungen auch ihre Arbeitgeber bekannt geben. Den Vorstoss, dass die Politiker angeben sollen, ob sie ihre aufgeführten Tätigkeiten ehrenamtlich oder gegen Bezahlung ausüben, lehnte der Nationalrat hingegen ab.

Zwar geben wir Wermuth in diesem Punkt gerne recht. Doch hätten wir von ihm mehr Konsequenz erwartet, wenn er als idealer Werbeträger der Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub gelten will, die demnächst vom Parlament behandelt werden wird. Denn ganz auf die Session verzichten mag er dann doch nicht: Für zwei, drei ihm sehr wichtige Geschäfte wie etwa die Beratung der SVP-Selbstbestimmungsinitiative werde er trotz Vaterschaftsurlaub nach Bern reisen, kündigt er an. Nun ja: Man kann es individuell halt wirklich selten richtig machen.