Vor gut zehn Jahren brach die ETH Zürich ein Tabu. Sie gab bekannt, welche Gymnasien die erfolgreichsten ETH-Studenten hervorgebracht hatten. Top war die Kantonsschule Rychenberg in Winterthur. Ein Flop war das Gymnasium Immensee im Kanton Schwyz.

Lehrer, Rektoren und Erziehungsdirektoren reagierten empört: Die Untersuchung sei verzerrt, vergleiche Birnen mit Äpfeln, schimpften sie. Die Reaktion verfehlte ihre Wirkung nicht. Es war bis heute der letzte nationale Vergleich der Gymnasien.

Nun nimmt der Nationalrat einen neuen Anlauf, die Qualität der Schweizer Gymnasien zu beleuchten. In der Herbstsession befürwortete er mit 181 zu 3 Stimmen eine Motion der Luzerner CVP-Nationalrätin Andrea Gmür. Sie fordert, dass der Bund künftig den Studienerfolg der Abgänger unterschiedlicher Gymnasien veröffentlicht.

Die Daten liegen beim Bund vor, sind allerdings ausschliesslich für einzelne Kantone abrufbar. Gmür versteht nicht, wieso man dieses Potenzial nicht nutzt: «Die Daten könnten wichtige Hinweise darauf geben, was an den Gymnasien verbessert werden kann.»

Plötzlich geballter Widerstand

So weit, so gut. Bis zur Sitzung der Bildungskommission des Ständerats diese Woche. Mit 7 zu 0 Stimmen bei einer Enthaltung lehnen die Kantonsvertreter die Motion von Gmür überraschend ab. «Wir wollen keine Ranking-Kultur wie in den USA», begründet Kommissionspräsident Ruedi Noser das klare Nein. Der Erfolg eines Gymnasiums messe sich nicht nur an der Studierfähigkeit, sondern auch an der Persönlichkeitsentwicklung, sagt der Zürcher FDP-Ständerat. «Wenn sich die Gymnasien nur noch am Ranking orientieren, kommen musische Fächer wie Musik oder Zeichnen unter die Räder.» Noser warnt auch davor, einen Studienabbruch mit mangelhafter Qualität an Gymnasien zu verbinden. Zu verschieden seien die Motive für einen Abbruch.

Für Gmür gibt es hingegen keinen Zweifel an einem Zusammenhang zwischen der Qualität eines Gymnasiums und dem Studienerfolg an einer Hochschule. Um den Stellenwert der musischen Fächer macht sie sich keine Sorgen, wenn der Studienerfolg der Gymnasien künftig veröffentlicht wird. «Denn auch musische Fächer tragen ihren Teil bei, dass ein Student ein Studium erfolgreich durchläuft.» Gmür sieht den wahren Grund des Widerstands woanders: «Die Kantone und Gymnasien wollen vor allem darum keine Transparenz, weil sie sich fürchten, schlecht abzuschneiden.»

Wirtschaft will Offenlegung

Unterstützt wird Gmür von der Wirtschaft. «Der Entscheid der Ständeratskommission ist völlig unverständlich», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch. Der Wirtschaftsdachverband hatte im Nachgang zur ETH-Studie aus dem Jahr 2008 sämtliche Gymnasien angeschrieben und nach den Folgen gefragt. «Das Ergebnis zeigte deutlich: Die Gymnasien haben nicht nur Verbesserungsmassnahmen diskutiert, sondern viele haben auch solche beschlossen», sagt Minsch. Für ihn steht ausser Frage, dass die Daten an die Öffentlichkeit gehören. «Der Steuerzahler hat das Recht zu wissen, ob die von ihm finanzierten Schulen ihre Qualität bringen oder nicht.»

Minsch wirft den Kantonen eine «unverständliche Blockadepolitik» vor. «Das Verhalten weckt den Verdacht, dass die Schulen etwas zu verbergen haben.» Minsch beklagt eine «Söihäfeli-Söideckeli-Politik». «Offensichtlich wollen sich die guten und schlechten Gymnasien nicht wehtun und decken sich deshalb», sagt er. Für ihn ist das ein grosser Fehler, denn die Qualität des Schulsystems sei entscheidend für den Erfolg der Schweiz. «Es besteht die Gefahr, dass wir uns in der guten Situation sonnen, anstatt uns kritisch zu hinterfragen», sagt er. «Rankings motivieren einen, ständig besser zu werden.»

Die Ständeratskommission sieht dagegen keinen Handlungsbedarf. «Die Kantone können die Daten bereits heute heranziehen, um ihre Schulen zu verbessern», sagt Noser. «Wer die Daten öffentlich machen will, kann im Kantonsrat einen Vorstoss einreichen.» Gmür entgegnet, es gehe darum, die Daten schweizweit zu vergleichen. «Eine nationale Debatte zu den Voraussetzungen guter Gymnasien kann der Schweiz nur guttun», sagt sie.

Ob es so weit kommt, ist ungewiss. Der Ständerat orientiert sich meist stark an der vorberatenden Kommission. Auch wenn ein Drittel der Kommission bei der Abstimmung abwesend war: Die Wahrscheinlichkeit, dass Gmür im Ständerat aufläuft, ist hoch.