Die Gesundheitsförderung Schweiz befindet sich direkt hinter dem SBB-Hauptsitz in Bern Wankdorf. Passend zum Auftrag der Stiftung, die von den Kantonen und Krankenversicherern getragen wird, befindet sich im Erdgeschoss ein Fitnesscenter. In den Büros der Gesundheitsförderung ist es trotz der Hitze angenehm kühl. Direktor Thomas Mattig erscheint mit Kittel und Turnschuhen zum Interview.

Herr Mattig, Sie sind quasi der oberste Gesundheitsförderer der Schweiz. Darf man in Ihrer Funktion regelmässig rauchen oder Alkohol trinken?

Thomas Mattig: Es interessiert eigentlich niemand, was ich privat tue. Dennoch haben wir als Gesundheitsförderung eine gewisse Vorbildfunktion. Deshalb versuchen wir, auch intern im Betrieb Gesundheitsförderung zu leben. Gleichzeitig achten die Mitarbeiter auch auf den Chef. Ich selber kann gar nicht anders, als einigermassen gesund zu leben. Damit ist aber kein striktes Gesundheitsverhalten gemeint.

Sie sind also kein Gesundheitsfanatiker?

Auf keinen Fall. Mit einer allzu strikten Haltung würden wir Gegenreaktionen provozieren. Die Menschen reagieren ohnehin oft allergisch auf Besserwisser. Ich halte es da mit einem alten Prinzip: alles mit Mass. Deshalb hat es auch Platz für ein Glas Wein. Das gehört auch dazu.

Sie wohnen im Kanton Wallis und pendeln täglich nach Bern. Was tun Sie für den Ausgleich?

Ich bin sportlich sehr aktiv und versuche dies, mit der Familie zu kombinieren. Ich möchte nicht nach Hause kommen und in der Folge alleine Sport treiben. Kürzlich waren wir mit der ganzen Familie reiten. So lassen sich das Familienleben und der Sport ideal verbinden.

Sie leben das Thema Gesundheitsförderung vor. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Wir verfügen über eine moderne Arbeitsumgebung mit höhenverstellbaren Pulten, Rückzugsräumen oder verschiedenen Zimmern für unterschiedliche Arten von Sitzungen. Daneben gibt es Gratis-Früchte und Snacks, übrigens auch Schokolade. Schliesslich bieten wir vergünstigte Abos für verschiedene Sportarten wie Fitness an. Letztlich wollen wir den Arbeitsplatz so gestalten, dass die Arbeit und das Zusammenspiel im Team möglichst erleichtert wird.

Wie steht es um die Volksgesundheit in unserem Land?

Die Volksgesundheit ist im internationalen Vergleich auf einem sehr guten Niveau. Dies hängt in erster Linie mit dem hohen Lebensstandard in der Schweiz zusammen. Die Gesundheit in einem Land beruht in erster Linie auf den täglichen Lebensbedingungen.

Woran leiden Herr und Frau Schweizer gesundheitlich am stärksten?

Das sind vor allem nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes, Erkrankungen des Bewegungsapparates und neu sicher auch psychische Leiden, die stärker in den Fokus rücken. Rund 80 Prozent der Gesundheitskosten stammen von diesen nicht übertragbaren Krankheiten.

Wesentliche Kosten liessen sich durch einen geringeren Zuckerkonsum oder mehr Bewegung verhindern.

Tatsächlich ist Prävention die beste Medizin. Mit relativ simplen Eingriffen lässt sich eine hohe Wirkung erzielen.

Und warum wird es nicht mehr gemacht?

Das politische Interesse ist zu gering, um den Bereich Prävention auszubauen. Es gibt andere Gruppen, die ihre Interessen viel stärker durchsetzen.

Sie spielen auf die einzelnen Akteure im Gesundheitswesen an, wie die Spitäler, Ärzte, Krankenkassen oder die Pharmaindustrie.

Genau. Das ist allerdings nur der eine Teil des Problems. Der zweite Teil sind jene Akteure, die unsere täglichen Lebensbedingungen mitbestimmen. Das sind die Produzenten von Lebensmitteln, Alkohol oder Tabak. Diese Firmen haben natürlich kein Interesse, dass weniger konsumiert wird. Dann gibt es andere staatliche Akteure, die einen grossen Einfluss haben.

Wen meinen Sie damit konkret?

Das sind etwa die Planer von Schul- oder Velowegen. Diesen Akteuren ist nicht bewusst, dass sie eine grosse Verantwortung für die Gesundheit haben. Hier braucht es ein Umdenken.

Wer ist sonst noch angesprochen?

Sicher die ganze Organisation des Verkehrs. Das ist zentral. Ein anderer Punkt ist die Planung von Freizeitanlagen oder Spielplätzen. Ein einfaches Mittel ist etwa auch, Pausenplätze oder Turnhallen zusätzlich am Wochenende und in den Schulferien zu öffnen. Hier lassen sich viele Massnahmen ergreifen, die einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben.

Und wie erreicht man dieses Umdenken?

In der Fachsprache ist die Rede von Gesundheit in allen Regelwerken. Grundsätzlich sind nach wie vor die Gesundheitsämter federführend. Jedoch sollte es gelingen, andere Ämter dazu zu sensibilisieren, Verantwortung zu übernehmen und Massnahmen zu ergreifen.

Sie bemängeln einen eigentlichen Sparwillen im Gesundheitswesen. Welche Lösungsansätze sehen Sie?

Das Gesundheitswesen hat sich in ein Gesundheitsmonster verwandelt. Das Monster muss regelmässig mit Patienten, Personal und Finanzen gefüttert werden, sonst ist es nicht zufrieden. Nun sieht man allmählich, dass das System in allen Bereichen ins Stocken gerät.

Wer hat das Monster erschaffen?

Es ist durch einen typisch schweizerischen Kompromiss entstanden. Man hat sich weder für ein staatliches noch ein privatwirtschaftliches Gesundheitswesen entschieden, sondern für eine Kombination davon. Aus diesem «sowohl als auch» wurde ein «weder noch». Wir haben heute einen Wettbewerb, der nicht spielt, und wir haben eine staatliche Steuerung, die nicht richtig funktioniert.

Wieso spielt der Wettbewerb nicht?

Wir haben keine Transparenz über die Qualität und Effizienz. Als Patient kann ich nicht beurteilen, ob eine Behandlung nötig ist oder nicht. Zudem kann ich nicht abschätzen, in welcher Qualität sie erbracht wird. Umgekehrt werden die Kosten nicht durch den einzelnen Patienten getragen, sondern durch die Allgemeinheit. So kann der Wettbewerb nicht funktionieren.

Und wie wollen Sie das Monster zähmen?

Wir müssten uns endlich eingestehen, dass der Wettbewerb im Gesundheitswesen unter den aktuellen Bedingungen nicht funktioniert. Gleichzeitig müsste aus meiner Sicht die staatliche Steuerung verbessert werden, indem wir eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Behandlungen einführen.

Sie sagen, mit Prävention lasse sich relativ einfach viel Geld sparen. Wo muss man ansetzen?

Das Thema Prävention muss in möglichst viele Lebensbereiche vordringen. Dazu braucht es nicht bloss eine zentrale Präventionsagentur, um die ganze Schweiz zu beglücken. Alle Akteure sollten einen Teil der Verantwortung übernehmen. Natürlich stehen das Bundesamt für Gesundheit und wir von der Gesundheitsförderung Schweiz besonders in der Pflicht. Mit der Strategie zu den nichtübertragbaren Krankheiten haben wir einen wichtigen Schritt gemacht.

Wie sieht diese aus?

Die verschiedenen Gesundheitsakteure haben sich zusammengeschlossen und eine gemeinsame Strategie erarbeitet. Dabei koordinieren sie ihre Aktivitäten, um mehr Wirkung zu erzielen. In einem zweiten Schritt müssen auch andere Akteure wie etwa die Arbeitgeber ins Boot geholt werden. Die Wirtschaft muss aber nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch als Produzent von Lebensmitteln oder Tabak in die Pflicht genommen werden.

Der Zuckergehalt in gewissen Produkten ist immer noch enorm hoch. Sind sie mit den erreichten Massnahmen der Lebensmittelindustrie zufrieden?

Wir sind der Meinung, dass wir in der Schweiz zuerst einmal die Selbstverantwortung der Firmen spielen lassen sollen. Als Erstes gleich mit Verboten und Steuern einzufahren, halten wir für falsch. Falls die Industrie zu zögerlich agiert, sollte der Staat erst in einem zweiten Schritt eingreifen. Wir befinden uns irgendwo in der Halbzeit. Das Resultat befriedigt mich noch nicht, in der zweiten Halbzeit müssen die Unternehmen noch zulegen.

Also noch weniger Zucker und Salz?

Nicht nur. Für mich gehören auch Werbebeschränkungen dazu. Die Einschränkungen, die sich die Firmen etwa in Bezug auf Kinder auferlegt haben, gehen eher zögerlich vonstatten. Das könnten die Unternehmen noch viel konsequenter umsetzen. Auch im Bereich von Social Media gibt es noch Handlungsbedarf.

Wären Massnahmen wie eine Zuckersteuer ein Thema, sollten die Firmen nicht vorwärtsmachen?

Immer mehr Länder ergreifen solche Massnahmen. Das geschieht ja nicht ohne Not. Wenn man politisch etwas unternehmen will, muss man hier den Hebel ansetzen. Aber es ist nicht so, dass wir dies selber fordern. Das ist nicht unsere Rolle. Das muss die Politik entscheiden.

Viele Menschen verbringen die meiste Zeit bei der Arbeit. Die Arbeitgeber müssten ein hohes Interesse an gesunden Mitarbeitern haben. Warum tun sie nicht mehr?

In vielen Unternehmen fehlt das Wissen, wie man mit solchen Themen umgehen soll. Gerade psychische Erkrankungen sind ein heikles Thema, wenn es etwa darum geht, Mitarbeiter frühzeitig auf dieses Thema anzusprechen. Da gibt es Nachholbedarf.

Sie sprechen konkret die Personalabteilung an, die darauf sensibilisiert werden soll?

Es geht vor allem darum, den Umgang mit dem Thema psychische Krankheiten zu lernen. Ein sehr hoher Prozentsatz der Unternehmen ist ja bereits im betrieblichen Gesundheitsmanagement tätig. Der Anteil beträgt rund 70 Prozent.

Die Firmen behaupten das zumindest …

Natürlich handelt es sich dabei um eine Selbstdeklaration. Gleichzeitig melden die Betriebe ein hohes Bedürfnis an, sich bei Themen wie Stress und psychische Leiden weiterzuentwickeln.

Sind die Unternehmen wirklich so vorbildlich? Viele kleine Dinge wie Stehpulte, Ergonomie-Berater oder Gratis-Früchte fallen dann doch dem Spardruck zum Opfer.

Wir befinden uns mitten in einem Bewusstseinswandel. Immer mehr Unternehmer anerkennen die Notwendigkeit und zeigen sich bereit, hier zu investieren. Bis vor kurzem hatten wir zwar oft die Personalverantwortlichen auf unserer Seite, in der Geschäftsleitung der Firmen sind wir dagegen nicht durchgedrungen. Langsam ändert sich das, was vermutlich auch eine Generationenfrage ist.

Andererseits kann ein Unternehmen auch zu weit gehen. Inwieweit soll oder darf ein Arbeitgeber seine Angestellten zu Turn- oder Yoga-Stunden nötigen?

Das sollte nicht passieren, weil dies einem Übergriff auf die Privatsphäre der Mitarbeiter gleichkommt. Bei anderen Massnahmen ist dies gerade nicht der Fall. Dabei geht es um Fragen, wie ich als Chef mit meinen Mitarbeitern umgehe, wie ich Feedback gebe oder Wertschätzung vermittle. Das sind Themen, die in einer Führungsausbildung obligatorisch werden müssten. Sozialkompetenz muss eben genau so wichtig werden wie die Auftragserfüllung.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbands, sagt, staatliche Kampagnen im Bereich Prävention seien unnötig und zum Fenster herausgeworfenes Geld.

Das hören wieder immer wieder mal. Interessanterweise kommt diese Kritik von den Wirtschaftsverbänden. Die Mitgliederfirmen selber jedoch fordern uns dagegen geradezu auf, dass wir Instrumente anbieten und mit ihnen zusammenarbeiten.

Zum Beispiel?

Eine ganze Reihe von Firmen kam mit dem Vorschlag auf uns zu, ein Label für ein respektvolles und wertschätzendes Arbeitsumfeld anzubieten. Sie wollten ein Label von einer neutralen Stelle, um die entsprechend glaubwürdig zu sein. Mittlerweile machen rund 70 Unternehmen mit. Das zeigt, dass die Wirtschaft an der Basis ein grosses Bedürfnis nach gesundheitsfördernden Massnahmen hat.

Generell schlägt Ihnen relativ rasch der Vorwurf entgegen, ob es diese oder jene Massnahme braucht, wenn Sie mit neuen Empfehlungen aufwarten. Wollen Sie die Bevölkerung bevormunden?

Nein. Unsere Arbeit geht seit Jahren in eine andere Richtung. Wir sind heute nicht mehr mit dem Drohfinger oder als Besserwisser unterwegs. Wir versuchen, den Menschen und den Unternehmen neutrale Informationen zur Verfügung zu stellen. Dabei wollen wir die Ansprechpartner aber nicht dazu zwingen, sich zu verändern.

Laut Ihrer eigenen Studie stehen rund 300 000 Arbeitnehmer am Rande zum Burnout. Gleichzeitig nimmt der Druck auf die Angestellten zu. Ein unlösbares Problem?

Wir müssen anerkennen, dass die Unternehmen durch den starken Wettbewerb mit zunehmend schwierigeren Bedingungen zu kämpfen haben. Letztlich müssen wir uns aber auch fragen, wie lange unsere Gesellschaft die Spirale von stetig höheren Anforderungen und Leistungsdruck mitmachen kann. Irgendwann können die Leute mit dieser Beschleunigung des Arbeitsalltags nicht mehr mithalten. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten der Unternehmen, etwas dagegen zu tun, noch längst nicht ausgeschöpft.

Wie meinen Sie das?

Es geht nicht nur um die Arbeitslast, sondern um verschiedene Stressfaktoren, die den Angestellten das Leben schwer machen. Ein klassisches Beispiel sind ständige Unterbrechungen. Hier können Unternehmen einfache Massnahmen ergreifen. Ich denke da an Rückzugsräume oder nicht ständig erreichbar sein zu müssen. Da gibt es bereits vorbildliche Unternehmen, die dadurch gegenüber der Konkurrenz nicht im Nachteil sind.