Frau Gloor, die letzten Nachrichten aus Afrika, aus der Gegend um Ruanda, sind ja nicht so gut. Rebellen in Uganda, im Kongo, – merkt man in Ruanda, in der Gegend, wo das Margrit-Fuchs-Hilfswerk tätig ist, nichts davon?

Regula Gloor: Nein, da ist alles ruhig. In der Hauptstadt Kigali spürt man zwar Veränderungen, aber mehr in wirtschaftlicher Hinsicht, dass moderne Bankgebäude und andere Hochhäuser emporwachsen. Aber in Gitarama, auf dem Land, ist immer noch alles ziemlich gleich geblieben.

Von den politischen Wirren spürt man nichts?

Nein, wirklich nicht. Man fühlt sich recht sicher. Dies hat sicher auch mit der relativ grossen Polizeipräsenz zu tun, wobei man nicht den Eindruck hat, dass die Polizei viel zu tun hat.

Und wie laufen die Aktivitäten des Hilfswerks?

Es läuft wirklich gut. Seit mehr als einem Jahr haben wir einen Geschäftsführer, der seine Aufgabe sehr gut und professionell ausübt. Er hat Struktur hineingebracht, für das Personal klare Pflichtenhefte erstellt und klare Verantwortlichkeiten geschaffen. Die Situation ist nun so, dass man auch mit gutem Gewissen neue Projekte anstossen kann.

Welche wären das?

Das Projekt mit Kleinkrediten hat sich gut angelassen und wir wollen jetzt vermehrt im Bereich der beruflichen Ausbildung tätig werden.

Sie sagen, die Stiftungsarbeit wurde professionalisiert. Betrifft das auch die bisherigen Aktivitäten des Hilfswerks?

Ja, zum Beispiel auch die Viehaktion. Hier macht man offizielle Ausschreibungen für die Beschaffung der Tiere. Das bringt auch mehr Transparenz, vor allem finanziell. Auch die Schulgeldverteilung läuft heute viel professioneller ab. Es wurde eine spezielle Kommission geschaffen, welcher der ehemalige Bürgermeister von Gitarama vorsteht. Die Anträge werden genau geprüft, wobei insbesondere kontrolliert wird, dass effektiv die Ärmsten, welche sonst keine Möglichkeiten haben, von den Schulgeldern profitieren. Auch werden alle Schulen, an denen Kinder unterstützt werden, im Laufe des Schuljahres besucht, um sich nach den Kindern zu erkundigen und zu prüfen, ob sie die Schulleistungen erbringen, die man von ihnen erwartet.

Das Hilfswerk bezahlt nur das Schulgeld. Die Schüler besuchen dann staatliche Schulen?

Genau. Zum Teil wurden die Schulhäuser mit unserer Hilfe gebaut. Betrieben werden die Schulen aber vom Staat. Das Problem besteht darin, dass zwar eine offizielle Schulpflicht von neun Jahren besteht und vor allem der Schulbesuch in den ersten Jahren zwar gratis ist, aber die Schüler für Schuluniform und Schulmaterial wie Bücher, Schreibmaterial und dergleichen selber aufkommen müssen. Und wenn sie nach dem sechsten Schuljahr eine weiterführende Schule besuchen wollen, eine Sekundarschule etwa, sind das alles Internate. Das kostet pro Jahr 200 bis 300Franken, da auch für Kost und Logis bezahlt werden muss. Das können sich die allermeisten Familien nicht leisten.

Regula Gloor ist Unternehmerin und Präsidentin der Margrit-Fuchs-Stiftung. Chris iseli

Regula Gloor ist Unternehmerin und Präsidentin der Margrit-Fuchs-Stiftung. Chris iseli

Und der Erfolg ist gut?

Ja, der Erfolg ist wirklich gut. Natürlich gibt es Fälle, wo ein Kind die Leistung nicht erbringt oder auch die Schule abbricht. Aber der allergrösste Teil der Kinder ist sehr motiviert und sehr dankbar, dass sie diese Chance erhalten haben.

Was macht das Hilfswerk noch neben der Viehaktion und dem Schulgeld?

Wir betreiben auch noch ein Waisenhaus und ein Heim für Strassenkinder. Beide sind zwar nicht als Einrichtungen gedacht, wo die Kinder dann bleiben können. Sondern wir versuchen, die Kinder möglichst schnell in Familien zu integrieren, die bereit sind, ein Kind aufzunehmen. Diese Familien werden dann unterstützt, indem sie zum Beispiel an einer Lebensmittelverteilung teilnehmen dürfen. Dann unterstützen wir auch weiterhin die Maternité, die lokale Geburtsstation und Mütterberatung, sowie das lokale Spital. Zur Erfüllung all dieser Aufgaben sind wir auch sehr dankbar für Spenden ausserhalb der Vieh- und Schulgeldspenden. Zentrale Anlaufstelle ist das «Bureau Social» in Gitarama. Hierhin wenden sich auch Mütter, die Mühe haben, ihre Kinder zu ernähren. Oder andere, die Hilfe brauchen. Das Bureau Social ist die wichtigste Anlaufstelle im Bezirk Gitarama für die arme Bevölkerung.

Wie lange machen Sie das schon?

Das Bureau Social de Gitarama wurde von Margrit Fuchs und Père Josaphat, einem lokalen Geistlichen, im Jahr 1987 gegründet. Da war ich noch nicht involviert. Seit 2007 ist das Hilfswerk eine Stiftung, welche nur wenige Monate vor dem Tod von Margrit Fuchs ins Leben gerufen wurde. Und die Aargauer Zeitung – das sollten Sie besser wissen – führt ihre Weihnachtsaktion seit 1993 durch.

Eigentlich wollte ich fragen, ob die Hilfstätigkeit auch sichtbare Spuren hinterlässt?

Sicher. Die Lebenssituation von vielen Hunderten von Menschen und insbesondere von Kindern hat sich stark verbessert. Auch von offizieller Seite wird bestätigt, dass man unsere Hilfe bemerkt und schätzt. Der Bezirk von Gitarama ist übrigens auch derjenige in ganz Ruanda mit dem höchsten Viehbestand pro Kopf.

Man sieht den Erfolg?

Ja, den sieht man. Und dann gibt es auch immer wieder persönliche Begegnungen mit Leuten, die einem erzählen, sie seien früher ein Strassenkind gewesen oder seien auf andere Weise unterstützt worden und hätten jetzt eine Basis für ein besseres und selbstständiges Leben.

Und der Wirtschaft nützt es auch? Gibt es überhaupt Stellen für die Leute, die Sie ausbilden?

Das ist nicht immer einfach, aber auf einigen Gebieten, z.B. mit den Absolventen unserer Haushaltungsschule oder der Ausbildung in der Schreinerei, klappt es recht gut. Auch bieten wir im Bureau Social über 30 Personen eine Stelle und somit ein Einkommen. Und besonders mit den Kleinkrediten versuchen wir das lokale Unternehmertum zu fördern, sodass auch unabhängig von unserer Stiftung Stellen entstehen oder zumindest ein selbstständiges Einkommen erzielt werden kann.

Was machen denn die Leute konkret mit den Kleinkrediten?

Die meisten fangen an als Händler. Sie eröffnen kleine Läden oder einen Marktstand und verkaufen dort landwirtschaftliche Produkte und anderes. Andere machen Viehzucht oder haben sich zum Beispiel eine Nähmaschine angeschafft und betreiben eine kleine Schneiderei. Es ist aber sehr wichtig, dass die Leute begleitet werden, und wir versuchen auch, ihnen etwas betriebswirtschaftliches Denken mitzugeben. Sie sollten ja auch einen kleinen Zins erwirtschaften können und den Kredit innerhalb eines Jahres zurückbezahlen können. Die Betreuung und Beratung der Kreditnehmer ist personalintensiv, einen Mitarbeiter haben wir bereits angestellt, jetzt kommt eine zweite Stelle hinzu. Im Moment haben wir etwa 200 Kreditnehmer bei einem Gesamtvolumen von etwa 40000 Franken.