Euphorie! Während Monaten versuchte Hans Stöckli, die Walliser für die Olympischen Spiele zu begeistern. Als Berner, Städter und Linker. Der SP-Ständerat und Vizepräsident von «Sion 2026» ist überzeugt, dass solche Grossveranstaltungen gut sind für den Kitt in der Schweiz.

Den ehemaligen Stadtpräsidenten von Biel hat die Erfahrung der Expo 02 geprägt. Gestern Morgen war der Daueroptimist jedoch bereits skeptisch: «C’est foutu», sage er, noch bevor er in Bern den Zug nach Sion bestieg.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen wurde erwartet, doch schnell zeichnete sich ab, dass die Walliser keine Olympischen Spiele durchführen wollen. Eine knappe Zustimmung für den 100-Millionen-Kredit gab es nur im deutschsprachigen Oberwallis. Die grösseren Städte sagten allesamt Nein – Sion, die Namensgeberin des Projektes – mit knapp 61 Prozent. Die grosse Konfliktlinie verlief zwischen den Tourismusorten und den Zentren im Tal.

Allerdings sagten auch die grossen Destinationen Zermatt und Nendaz Nein. Am Ende Betrug der Nein-Anteil 54 Prozent. Die Stimmbeteiligung war mit 62 Prozent für eine Abstimmung sehr hoch. Zuletzt begaben sich mehr als 60 Prozent der Walliser bei der Zweitwohnungs-Initiative von Franz Weber an die Urne, die den Kanton wirtschaftlich stark betraf.

Geld, Geld, Geld

Bei der Analyse des Resultates waren sich die Kontrahenten einig. Es ging vor allem um das Geld. «Wir konnten aufzeigen, dass das Projekt ein finanzielles Risiko ist», sagte der grüne Grossrat Thierry Largey, der die Nein-Kampagne orchestriert hatte. Auch Staatsrat Christophe Darbellay nannte das Geld als wichtigsten Grund. Allerdings warf er den Gegnern eine Angstkampagne vor: «Sie verglichen unser Projekt mit Sotschi oder Vancouver – Olympische Spiele der alten Schule.»

«Sion 2026» hingegen hätte die ersten Spiele nach der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden sollen: Nachhaltiger, günstiger, weniger gigantisch. So hätte «Sion 2026» auf bestehende Infrastrukturen und den öffentlichen Verkehr gebaut. «Spiele, wie wir sie wollen», lautete der Slogan der Ja-Kampagne. Damit wird nun nichts. Und das hat auch mit dem IOC zu tun: «Das Misstrauen gegenüber dem IOC ist gross», sagten Darbellay und Largey unisono.

Und dann gibt es noch die Walliser Faktoren. Hinter dem Projekt standen FDP und CVP, Regierung und Kantonsparlament, die Wirtschafts- und Sportverbände. «Das Nein ist eine Rache des Volkes an der Elite», sagt Jean-Luc Addor. Der Nationalrat und Co-Präsident der SVP Unterwallis kämpfte an der Seite der Grünen und der Unterwalliser SP gegen die Olympischen Spiele. Seine Partei, sagt Addor in Anspielung auf die linken Gegner, sei nicht aus ideologischen Fragen gegen Olympia.

Doch das Projekt sei falsch aufgegleist und von den falschen Personen getragen worden. Er wertet deshalb das Abstimmungsergebnis als «Misstrauensvotum gegen die Walliser Regierung.» Dazu muss man wissen, dass die SVP seit der Abwahl von Oskar Freysinger nicht mehr in der Regierung vertreten ist.


Schliesslich stellt sich auch noch die Frage, wie optimal die Ja-Kampagne verlaufen war. «Wo gearbeitet wird, passieren Fehler», sagt FDP-Staatsrat Frédéric Favre. Eine sehr wohlwollende Formulierung. Denn «Sion 2026» kämpfte mit personellen Problemen.

Die eigentlichen Urheber der Pläne, Jean-Philippe Rochat und FC-Sion-Präsident Christian Constantin, mussten das Komitee verlassen. Rochat wegen seiner Verstrickung in die Panama-Papers, Constantin war nach seiner Attacke auf Rolf Fringer nicht mehr tragbar. Dazu kam ein Streit um die Namensrechte zwischen Constantin und den Olympiapromotoren.

Tiefpunkt der Kampagne war schliesslich, als Ex-Skifahrer Pirmin Zurbriggen mit dem Helikopter auf das Matterhorn geflogen wurde, um die olympische Fackel zu entzünden. Für ein Projekt, das mit Nachhaltigkeit wirbt, ein PR-GAU. Olympiasieger Zurbriggen, der im Wallis nach wie vor ein Mythos ist, war nach dieser Aktion als Werbeträger wörtlich «verbrannt».

Profitieren die Österreicher?

Mit dem Walliser Nein ist eine Olympiakandidatur vom Tisch – damit werden auch die Bundesmilliarde und die Beratung im Bundesparlament obsolet. Hans Stöckli hätte diesen Kampf gerne ausgefochten – und wäre dabei auf Silva Semadeni getroffen.

Die Bündner SP-Nationalrätin hatte bereits mitgeholfen, die Olympiapläne in ihrem Kanton zu bodigen. Und im Frühling überzeugte sie den Nationalrat davon, dass es für die Bundesmilliarde eine nationale Abstimmung bräuchte. Semadeni ist froh über das Walliser Nein. «Das Resultat zeigt, was sich schon anderswo gezeigt hat, in Graubünden, in München, in Tirol: Beim Volk ist der Enthusiasmus für Olympische Spiele bei weitem nicht so gross wie in den Regierungen und der Wirtschaft.» Wenn man in einem demokratischen Land solche Spiele durchführen wolle, dann könne man das nicht so machen, wie es dem IOC vorschwebe. Semadeni ist überzeugt: «Ich denke, in der Schweiz sind Olympia-Pläne nun für mindestens eine Generation hinfällig.»

Auch Christophe Darbellay geht davon aus, dass Olympia-Pläne für die nächsten Jahre und Jahrzehnte vom Tisch sind. Das Wallis werde sich trotzdem weiterentwickeln: «Wir gehen nun etwas weniger schnell, dafür weiter», sagte der ehemalige CVP-Präsident. Er konnte allerdings nicht verbergen, dass er das Nein für eine verpasste Chance hält. Darbellay rechnet damit, dass die Olympischen Winterspiele 2026 nach Europa zurückkehren. Im Vordergrund stehe nun Österreich: «Unser härtester Konkurrent im Wintertourismus.»

Friedens-Apéro in Sion

1999 stimmten noch 62 Prozent der Walliser für eine Olympiakandidatur, gestern waren es 16 Prozent weniger. Weshalb? «Das Wallis hat sich verändert», resümiert der Grüne Largey. Bei der letzten Abstimmung blieb der Widerstand sehr diskret, offiziell hatte sich kein Gegenkomitee gebildet. Der Grossrat stellt eine wirtschaftliche Dynamik fest.

Mittlerweile habe auch die ETH Lausanne einen Ableger im Wallis. «Wir können uns aus eigener Kraft entwickeln und brauchen dazu Olympia nicht.» Es gebe bessere Projekte, die dem ganzen Kanton nützen und nicht nur zwei, drei Skistationen wie die Olympischen Spiele. Staatsrat Favre liess denn auch keinen Zweifel daran, dass der Kanton weitere ambitionierte Projekte verfolge. Und er rief die Walliser dazu auf, gemeinsam ein Glas Wein zu trinken und über anderes als Olympia zu diskutieren.

Der Abstimmungskampf war intensiv und emotional. Risse gingen durch Parteien, Vereine und Familien. Deshalb organisierte der Komiker Frédéric Recrosio gestern in der Sittener Altstadt einen «Friedens-Apéro». Damit sich die Walliser wieder entspannen. Und lachen.