«Mitten in der Nacht werden wir kommen und dich richten»: Auch wenn der Tweet, gegen den «Arena»-Moderator Jonas Projer Anfang Woche Strafanzeige eingereicht hat, besonders perfid und aggressiv ist – er ist kein Einzelfall. Der Abstimmungskampf in den sozialen Medien nämlich tobt so heftig wie nie zuvor: «No Billag setzt punkto Intensität und Gehässigkeit neue Massstäbe», schreiben die Politologen Thomas Lo Russo und Thomas Willi in einer Analyse auf dem Politblog «politan.ch». Seit Anfang September seien weit über 60'000 Tweets mit dem Hashtag #nobillag verschickt worden, so die beiden Forscher der Universität Zürich. «Das ist rekordverdächtig.»

Mithilfe eines Machine-Learning-Algorithmus haben Lo Russo und Willi jeden einzelnen Tweet der Pro- oder der Kontra-Seite zugeordnet. Die Auswertung zeigt: Bis Weihnachten stiessen die Initiativgegner auf Twitter auf verhältnismässig wenig Gegenwehr. In den letzten Wochen aber haben die Befürworter eine Aufholjagd hingelegt und inzwischen fast zu ihren Widersachern aufgeschlossen.

Die 20 eifrigsten Twitterer haben den Hashtag #nobillag in den vergangenen fünf Monaten insgesamt fast 10'500 Mal verwendet. Viele von ihnen twittern anonym, manche tun es aggressiv und nicht selten beleidigend. Zwei, die mit ihrem Klarnamen hinstehen, sind die beiden Zürcher Alexander Müller (@dailytalk) und Heinz Lindenmann (@HeinzLindenmann). Der eine bezeichnet sich als «rechter Freigeist und Agnostiker» und hat bis Donnerstagabend 691 Tweets zur Abstimmung vom 4. März abgesetzt, der andere bezeichnet sich als «Atheist» und hat 450 Tweets verschickt. Die «Nordwestschweiz» wollte von ihnen wissen, weshalb sie einen derart grossen Aufwand für respektive gegen No Billag betreiben.

«Im Widerspruch zum liberalen Geist»

«Weil ich die Initiative gut finde», sagt Müller schlicht. Das gegenwärtige Zwangsgebührensystem sei undemokratisch und stehe im Widerspruch zum liberalen Geist der Schweiz. «Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es viele Wege, um sich zu informieren, man ist nicht auf einen einzigen Fernsehsender angewiesen.» Ihn störe es zudem, dass das Schweizer Fernsehen SRF einseitig und nicht ausgewogen informiere. Müller ist auf Twitter kein Unbekannter: Im Juni 2012 geriet er mit einem Tweet in die Schlagzeilen, in welchem er schrieb, vielleicht brauche es «wieder eine Kristallnacht … diesmal für Moscheen». Hierfür wurde Müller rechtskräftig wegen Rassendiskriminierung verurteilt.

Die sozialen Medien würden es ihm ermöglichen, mit verschiedenen Menschen aus verschiedenen Landesteilen über eine nationale Vorlage zu diskutieren, sagt Müller. «Es ist nicht mehr wie früher, als in den Zeitungen einfach die Ansichten von Parteisprechern, Behördenvertretern und Fachleuten verbreitet wurden.»

Vom Radiopirat zum SRG-Fan

Zum Lager der No-Billag-Gegner hingegen gehört Lindenmann, der sich der politischen Mitte zugehörig erklärt. «Ich kämpfe gegen diese radikale Vorlage, die unter dem Motto ‚Geiz ist geil’ das bewährte Mediensystem zerstören möchte», sagt der 66-jährige ehemalige Banker, der sich auch im Vorstand einer Sektion der SRG-Trägergesellschaft engagiert. Momentan wende er täglich drei bis vier Stunden für den Abstimmungskampf auf. «Ich recherchiere Informationen, Hintergründe und heikle Verstrickungen bei den Befürwortern, um sie danach auf Twitter, Facebook und Google+ zu verbreiten sowie Leserbriefe an Zeitungen zu verfassen.»

In den Siebzigerjahren habe er noch gegen die SRG respektive zumindest gegen ihr Monopol gekämpft, erzählt der Rentner. «Ich half, das Programm des Piratensenders ‚Radio City – d’Stimm vo Züri’ zusammenzustellen. Oft war ich mit Autobatterien, Schraubenziehern und Kassetten auf dem Üetliberg und anderen Gipfeln, von wo wir – damals illegal – unsere Sendungen verbreiteten und flüchten mussten, wann immer Piratenjäger im Anmarsch waren.» Leider hätten sich die privaten Stationen in den letzten Jahren nicht nach seinem Gusto entwickelt, sagt Lindenmann. «Mein Kampf gegen No Billag ist auch ein Kampf gegen die totale Kommerzialisierung.»

Und der Tweet gegen Projer?

Und was halten die beiden eifrigen Twitterer von Drohungen wie jener gegen SRF-Moderator Projer? «Solche Anwürfe sind zwar primitiv und total daneben», sagt Lindenmann, der in den sozialen Medien nach eigenen Aussagen regelmässig als «linkes Arschloch» und dergleichen tituliert wird. «Aber ich lache darüber, wenn mir solch unqualifizierte Beleidigungen entgegen geschleudert werden. Ernst nehme ich so etwas nicht.» Müller hingegen findet, dass der Tweet gegen Projer überbewertet und aus politischen Gründen hochgeschaukelt werde. Denn: «Hunde, die bellen, beissen nicht.»