«Uber – das ist rücksichtsloser Raubtierkapitalismus»

«Bevor Uber kam, war mein Lohn viel höher», erzählt Srdjan Velickov, der seit vier Jahren in Zürich unterwegs ist.

«Bevor Uber kam, war mein Lohn viel höher», erzählt Srdjan Velickov, der seit vier Jahren in Zürich unterwegs ist.

Srdjan Velickov (40) fährt seit vier Jahren Taxi in Zürich. Seit es Uber gibt, kann er kaum noch überleben.

«Sehen Sie diesen Toyota Prius dort drüben? Das ist das Auto eines Uber-Fahrers. Tagein, tagaus wartet er hier an dieser Tankstelle in Zürich Altstetten auf Aufträge. Und macht mir mein Geschäft kaputt. Für ihr Geschäftsmodell gibt es nur eine treffende Beschreibung: rücksichtsloser Raubtierkapitalismus. Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen ist stets derselbe: Werde ich genug Geld verdienen, um meine Familie und mich über Wasser zu halten? Heute begann ich um sieben Uhr mit der Arbeit, bis zur Mittagszeit habe ich gerade mal 100 Franken brutto verdient. Bevor Uber nach Zürich kam, war mein Lohn viel höher.
Von Montag bis Mittwoch fahre ich tagsüber, von Donnerstag bis Samstag nachts.

Doch auch an den Wochenenden ist mein Verdienst gering: Letzte Woche etwa arbeitete ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag von 20 Uhr bis 6 Uhr – also zehn Stunden mit einer Stunde Pause – und machte 270 Franken Umsatz. Davon gehen 44 Prozent an mich. Das heisst: Ich habe während der ganzen Nacht gerade mal 119 Franken verdient. Im Monat komme ich auf 2800 Franken netto, obwohl ich sechs Tage die Woche arbeite. Meiner Ex-Frau, die mit meinen zwei 16- und 10-jährigen Söhnen in Düsseldorf lebt, entrichte ich monatlich 900 Franken Unterhalt. Meinen Söhnen bezahle ich zudem Taschengeld von 120 und 80 Franken. Für mich bleibt da kaum etwas übrig.

Ich kann es nicht verstehen: Die Schweiz ist ein ordentliches Land mit guten Gesetzen. Und dann lässt man es zu, dass ein Unternehmen wie Uber Tausende Taxifahrer ins Verderben stürzt. Diese Firma kann tun und lassen, was sie will, obwohl sie praktisch keine Steuern bezahlt. Unsere Branche ist bloss die erste: Heute werden wir attackiert, morgen geht es dem Reinigungsgeschäft ans Lebendige, übermorgen dem Bankwesen.

Uber Pop ist ein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose, Sozialhilfebezüger und Rentner. Die Fahrer verdienen praktisch nichts. Sie lassen sich bloss darauf ein, weil ein minimaler Zustupf immer noch besser ist, als untätig zu Hause rumzusitzen. Sie geben sich mit wenigen hundert Franken im Monat zufrieden und merken nicht, dass der Weltkonzern Uber auf ihre Kosten riesigen Profit macht. Viele Leute behaupten, die etablierten Taxiunternehmen hätten eine Entwicklung verschlafen. Das stimmt nicht. An Uber ist nichts neu. Die Zürcher Firmen 7×7 und 7×4 beispielsweise boten ihre Dienste schon lange vor dem Markteintritt von Uber auch via App an.

Kunden, die sich über die günstigen Uber-Tarife freuen, denken sehr kurzfristig. Sobald Uber alle Taxiunternehmen aus dem Markt gedrängt hat, wird es als Monopolist die Preise beliebig hoch ansetzen können. Abzockerei droht. Viele Taxichauffeure haben Angst, an Demonstrationen teilzunehmen, weil sie bloss über eine B-Bewilligung verfügen, die alle paar Jahre verlängert werden muss. Andere wiederum radikalisieren sich. Sie wollen Brücken und Zufahrtsstrassen in die Zürcher Innenstadt blockieren. Sie haben die Schnauze voll, sie sind psychisch am Ende.

Einen Plan B für mich selbst habe ich nicht wirklich. Mein Elektrikerdiplom, das ich vor 25 Jahren in Serbien erworben habe, wird in der Schweiz nicht anerkannt. Meine Söhne sollen es dereinst besser haben als ich. Mein Älterer besucht in Düsseldorf das Gymnasium. Bald wird
er sich entscheiden müssen, ob er studieren will. Ich rate ihm, später eine Stelle beim Staat anzunehmen. Nur diese Jobs sind richtig sicher und geschützt.»

(Aufgezeichnet: Dennis Bühler)

«Für Uber zu fahren, macht Spass – ums Geld geht es mir nicht»

Walter (69) fährt Uber – weil er gerne im Auto sitzt und nicht «auf der faulen Haut liegen will». Geld verdient er damit kaum.

Walter (69) fährt Uber – weil er gerne im Auto sitzt und nicht «auf der faulen Haut liegen will». Geld verdient er damit kaum.

Walter ist seit vier Jahren pensioniert und mag, wenn «etwas läuft». Mit Uber fährt er Gäste bis nach München.

«Du kannst mir du sagen, ich bin der Walter. So machen das bei Uber alle. Es ist mir sowieso lieber – meinen Nachnamen will ich eigentlich nicht in der Zeitung lesen. Und schaut bitte, dass mein Nummernschild nicht auf dem Foto ist. Sonst pöbeln mich die Taxifahrer am Flughafen oder so noch an. Das ist auch der Grund, warum wir uns vorhin am Hauptbahnhof nicht ganz vorne beim Landesmuseum getroffen haben: Dort hat es gleich daneben einen Taxistand. Da lasse ich mich ungern blicken, die Taxifahrer rufen wie die Rohrspatzen aus, wenn sie merken, dass wir Uber-Fahrer sind.

Für sie sind wir die Bösen, die ihnen das Geschäft kaputtmachen. Dabei stimmt das so nicht. Bis zu einem gewissen Grad sind sie selber schuld: Ich höre immer wieder von meinen Kunden, dass sie unfreundlich behandelt wurden oder die Taxifahrer sie nicht mitnehmen wollten, weil die Strecke zu kurz sei. Damit machen sie die Leute natürlich hässig.

Letztlich sind aber auch sie arme Teufel. Das Problem liegt am System: In Zürich, ja eigentlich in der ganzen Schweiz ist das Taxifahren viel zu teuer. Und es gibt einfach zu viele Taxis, deshalb stehen sich die Fahrer bei den Standplätzen jeweils die Beine in den Bauch. Ich bin überzeugt: Die meisten meiner Kunden würden nicht aufs Taxi umsteigen, wenn es Uber nicht mehr gäbe. Das gilt vor allem für Junge, die es sich nicht leisten können. Und die Touristen und ausländischen Geschäftsleute kennen Uber alle schon aus der Heimat, für sie ist es eine Frage der Bequemlichkeit und der Sicherheit.

Früher war ich selber einer von ihnen, vor etwa 25 Jahren fuhr ich in meiner Freizeit Taxi und habe bis heute die Erlaubnis für berufsmässigen Personentransport in meinem Fahrausweis. Aus diesem Grund habe ich auch keine Angst vor Polizeikontrollen und wäre höchstens froh, wenn die Frage einer allfälligen Fahrtenschreiberpflicht endlich geklärt wäre.

Du bist überrascht, dass ich so alt bin? Ja, gell. Ich gehöre sicher zu den älteren Uber-Leuten. Weisst du, Autofahren macht mir einfach Spass. Ich bin seit vier Jahren Rentner und könnte den lieben langen Tag auf der faulen Haut liegen. Aber das passt mir nicht, mir gefällt es, wenn etwas läuft. Also stehe ich jeweils morgens auf, fahre zu meiner Frau oder gehe einkaufen und schalte mich in der Uber-App auf Online, wenn ich Zeit und Lust habe. So kommen dann die Aufträge rein, ich mach im Schnitt fünf bis zehn Fahrten pro Tag. Zum Flughafen, in der Stadt, manchmal bis ins Ausland. Die weiteste Strecke führte mich nach München. Was ich dabei verdient habe, weiss ich nicht mehr.

Aber glaub mir, wegen des Geldes mache ich das hier nicht. Weil ich halt nicht alle Tage fahre, und vor allem nachts nicht, wenn die Preise höher sind, verdiene ich nur einen kleinen Zustupf zur AHV und zur Pensionskasse.

Schaue ich, was ich monatlich von Uber kriege, und verrechne ich es mit realistischen 70 Rappen pro Fahrkilometer, bleiben mir rund 200 bis 400 Franken im Monat. Viel ist das nicht, einmal war ich am Ende des Monats gar im Minus. Andere Fahrer verdienen sicher mehr, vor allem diejenigen, die Uber X oder Uber Black fahren. Aber ums Geld geht es mir ja eben nicht.
Einen Unfall hatte ich noch nie. Lass mich Holz anlangen, auch wenn das schwierig ist im Auto. Natürlich habe ich eine Vollkasko-Versicherung und eine Insassenversicherung – davon würden auch meine Gäste profitieren, genau so, als ob es Familienmitglieder wären. Das soll ein Problem sein? Ich sehe keines.»

(Aufgezeichnet: Antonio Fumagalli)