Sie sind gnadenlos zweckmässig und klobig. Manche empfinden nur schon ihre grobe Anmutung als Bedrohung. Ihr schwarzes, glattes Rindsoberleder ist steif und hart, eine Innenpolsterung fehlt ebenso wie eine ergonomische Sohle. Und doch sind sie nicht wegzudenken aus dem kollektiven Schuhgedächtnis des Landes: die Kampfstiefel 90 der Schweizer Armee.

Ihre Passform basiert auf einem Entwurf aus den 1950er-Jahren. Kein Wunder, erhalten Rekruten die Stiefel schon vor dem ersten Diensttag – verbunden mit der Aufforderung, sie möglichst lange einzulaufen. Nur noch «bedingt» erfüllten die KS 90, wie sie gemeinhin genannt werden, die Anforderungen an einen modernen Schuh, räumt selbst das Verteidigungsdepartement ein. Deshalb ist bald Schluss: Im Jahr 2020 plant die Armee die Ausmusterung der Kampfstiefel, das bestätigt die Rüstungsbehörde Armasuisse. Das Ende einer drei Jahrzehnte währenden Ära naht.

Die KS 90 sind nicht nur die bekanntesten und umstrittensten Schuhe der Schweiz, sie sind zwangsläufig auch die erfolgreichsten: Gegen 600'000 Paar hat die Armee fertigen lassen, seit die Stiefel im Jahr 1990 ihren Dienst angetreten haben. Ein halbes Dutzend Textilfirmen mit klingenden Namen wie Lowa oder Meindl waren im Lauf der Zeit mit der Herstellung betraut. Zuletzt lieferte der Schuhproduzent Minerva den Stiefel. Wie viel die Armee dafür hingeblättert hat, ist geheim. Intern werden für ein Paar Stiefel je nach Grösse zwischen 90 und 110 Franken verrechnet.

Stoff für Juristen und Politiker

Nach einem langen Marsch mit blutigen Füssen in die Kaserne zurückkehren? Den Dreck mühsam aus dem Sohlenprofil kratzen? Jeder hat zu den Kampfstiefeln etwas zu erzählen, unabhängig davon, ob er selbst Militärdienst geleistet hat oder nicht.

Immer wieder mussten die Kampfstiefel auch als politische Projektionsfläche herhalten. Sie beschäftigten Juristen und riefen Parlamentarier auf den Plan. Nachdem ein Veganer sich geweigert hatte, Stiefel aus Leder zu tragen, forderte SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor mittels Vorstoss, Veganer gar nicht mehr zum Militär zuzulassen. Der Bundesrat allerdings sah «keinerlei stichhaltigen Grund, derartige Regelungen zu schaffen».

Die Ausrüstung eines Schweizer Rekruten:

Diese 6 Abdrücke hinterlässt der Stiefel

1. Felddiensttauglich gestiefelt

Soldaten lernen, ihre zivilen Reflexe zu unterdrücken. Wer sich eine Uniform überstreift, soll sich gedanklich in den Dienst versetzen. Uniformität statt Individualität: Diese Prämisse ist in Paragrafen gegossen. Das 80 Seiten starke Reglement 51.009 d versammelt die Tenüvorschriften für Soldaten. Gleich nach den Kapiteln zu Grundsätzen wie «Einheitlichkeit» folgen in Artikel 5 erste Ausführungen zum militärischen Schuhwerk. Kampfstiefel werden im Reglement vierzigmal genannt, sie fallen in die Kategorie der Ordonnanzschuhe und wiegen regulär 2,27 Kilogramm.

Jeder Armeeangehörige bekommt zwei Paar KS 90. Wichtig ist, was in Artikel 38 steht: «Es ist zu beachten, dass beim Tragen von Kampfstiefeln das Beinelastik immer verwendet wird.» Also die Gummibänder, welche die Tarnanzugshosen über den Stiefeln halten. Im Militärjargon: Beingümmeli.

2. Für das saubere Daher

Solides Schuhwerk ist das eine. Für das saubere Daher, wie Gruppenführer es nennen, muss es auch gut geputzt sein. Details sind im Artikel 54 des Reglements beschrieben. Die Rekruten lesen dort, dass die Stiefel je nach Verschmutzung mit der «Schuhbürste trocken oder nass gereinigt werden». Nasse Exemplare seien «zuerst mit Papier auszustopfen und anschliessend bei guter Luftzirkulation, allenfalls aufgehängt, zu trocknen».

Wichtig ist das Einfetten: nicht viel, sondern oft. «Besser dünn auftragen», empfiehlt ein mit der Materie vertrauter Adjutant-Unteroffizier. «Wer zu viel Creme verwendet, muss länger polieren.» So oder so gehe nichts über «putzen, putzen, putzen». Jeder Angehörige verfügt über sein persönliches Mannsputzzeug. Im Set enthalten sind unter anderem eine Glanzbürste und ein Fettbürstchen.

3. Die ewige Blasenplage

Eine kaum beachtete Errungenschaft der Armee ist, dass sich dank ihr ein namhafter Teil der Bevölkerung schon mal die Füsse malträtiert hat. Wobei man nun zurecht einwenden könnte, dass es Moden gibt, unter denen die Füsse mehr leiden. Trotzdem: Man kann nicht über Kampfstiefel reden, ohne auf Blasen zu sprechen zu kommen. Nach Märschen schleppen sich viele Soldaten mit offenen Blasen an den Füssen auf die Krankenstation.

Besser als Blasen zu behandeln, ist natürlich, erst gar keine zu bekommen. Jeder Soldat – und jede der wenigen Soldatinnen – kennt dafür den vermeintlich perfekten Trick. Auf einschlägigen Websites wie Armeeforum.ch finden sich unzählige Einträge dazu. Grosser Beliebtheit erfreut sich etwa der Ansatz, Damenstrümpfe unter den Socken zu tragen. Andere schwören darauf, ihre Füsse mit Hirschtalg einzucremen. Wer zu fest leidet, bekommt vom Truppenarzt einen «Kampfstiefel-Dispens» und darf danach in leichteren Schuhen herumhumpeln.

4. Probleme der Generation Turnschuh

Wie viele Dispense ausgestellt werden, ist nicht bekannt. Doch allein die gefühlte Tendenz, dass es mehr Suspendierungen gibt, reichte 2016 aus, um eine mediale Debatte über den Zustand des militärischen Nachwuchses zu entfachen. Die KS 90 fungierten dabei als Kronzeugen.

Die als Experten beigezogenen Orthopäden vermuteten: Viele junge Menschen seien sich schweres Schuhwerk nicht mehr gewohnt, weil sie meist Sneakers trugen. Deshalb bekämen sie zusehends Blasen, ebenso Probleme mit den Sehnen und den Fersen. Manche Armeefreunde sahen darin den Auswuchs einer über empfindsamen, verwöhnten Generation. «Riesige Blasen sind das häufigste Leiden der Generation Turnschuh», diagnostizierte schliesslich die Pendlerzeitung «20 Minuten».

Die Armeespitze nimmt die Fussprobleme ernst und beugt sich dem Zeitgeist. Seit Anfang 2018 gilt in der Rekrutenschule ein neues Regime, es soll Novizen sanfter an den militärischen Alltag heranführen. Die Marschstrecken zu RS-Beginn wurden verkürzt.

5. Das Primat der Politik

Bei Beschaffungen haben sich die Behörden nach den Spielregeln der Welthandelsorganisation zu richten. Ab gewissen Schwellenwerten müssen Aufträge international ausgeschrieben werden. Dass sich eine breite Öffentlichkeit überhaupt je damit auseinandergesetzt hat, daran tragen die Kampfstiefel grossen Anteil. Im Jahr 1998 wurde publik: Der damalige Hersteller liess die Kampfstiefel zum Teil in Ungarn fertigen. «Ein Billiglohnland!», empörten sich Politiker aller Couleur. Der Skandal schien perfekt. Bis der Bundesrat in seiner Antwort auf einen SP-Vorstoss lapidar darauf hinwies, dass eine Bevorzugung von inländischen Anbietern nun mal nicht zulässig sei.

Regelmässig marschieren die Kampfstiefel aufs politische Parkett. Zuletzt war es 2016 so weit, als sich ein Veganer aus dem Wallis weigerte, Kampfstiefel aus Leder zu tragen. Man könne keine Ausnahme machen, fand die Armee. Der junge Mann wurde bei der Rekrutierung für untauglich erklärt. Nach einem Rekurs und erneuter Musterung klappte es doch noch – der Walliser durfte seinen Dienst in Kunstlederstiefeln antreten.

6. Die letzte Salbung

Nun werden also die Kampfstiefel 90 zeitgemässer Fussbekleidung weichen, daran gibt es nichts mehr zu rütteln. Den direkten Nachfolger des KS 90 fand die Armasuisse nach einer dreijährigen Evaluation. Man wolle den heutigen Anforderungen an «Thermophysiologie, Biomechanik und Wasserdichtigkeit gerecht werden». Derzeit fahndet sie in einer öffentlichen Ausschreibung nach mehreren Herstellern für die Stiefel, die sinnigerweise als KS 19 bezeichnet werden. Schon bekannt ist: Die neue Fussbekleidung hat ein weicheres Leder und eine Laufsohle für «das optimale Abrollen des Fusses». Einlaufen soll nicht mehr nötig sein.
Noch müssen jedoch Zehntausende Soldaten mit KS 90 ihre Diensttage abstottern. Sie sollen wie gewohnt das Rindsoberleder ihrer Stiefel polieren können. Die Armee sah sich deswegen wiederum zum Handeln gezwungen. «Zur Sicherstellung der Folgeversorgung» bestellte sie nochmals eine Ladung der eigens dafür abgemischten Schuhwichse. Kostenpunkt: 1,9 Millionen Franken. Die Creme ermöglicht die letzte Salbung der Kampfstiefel 90.