Lange mussten sie sich gedulden, die Diepoldsauer. Erst mit dem dritten Versuch gelang es Gemeindepräsident Roland Wälter, den prominenten Bürger seines Dorfes an die schweizerisch-österreichische Grenze zu lotsen. Dort, wo Bundeskanzler Walter Thurnherr sein Heimatrecht hat: in 9444 Diepoldsau, der Gemeinde im St. Galler Rheintal, die auch Diepoldsau-Schmitter genannt wird, weil sie aus den beiden Ortsgemeinden entstanden ist.

An diesem 1. August ist Walter Thurnherr tatsächlich nach Diepoldsau gekommen. Er tritt an der Feier im Strandbad auf, das sich direkt am Rhein befindet, auf Schmitter Boden, auf dem Thurnherrs Vater aufwuchs, wie die Schmitter Mundart-Autorin Berta Thurnherr erzählt. Der Bundeskanzler ist für die Ansprache nicht alleine angereist. Eine ganze Delegation begleitet ihn: die Weibelin, der Chauffeur und rund zwanzig Mitglieder der Grossfamilie Thurnherr. Es sind die katholischen Thurnherrs, deren Name mit zwei «r» und einem «e» geschrieben wird und die aus Diepoldsau-Schmitter stammen, wie Autorin Thurnherr sagt. Die Thurnheers mit einem «r» und zwei «e» sind Protestanten und stammen aus dem Nachbardorf Berneck.

Walter Thurnherrs Auftritt im Strandbad von Diepoldsau erhält schnell den Charakter der Rückkehr des verlorenen Sohns. Diepoldsau ist stolz auf seinen prominenten Bürger. Er gilt nicht nur als einer der besten Bundeskanzler, welche die Schweiz bisher hatte. Die Medien sehen in ihm seit Ende 2016 auch immer wieder den idealen Kandidaten, wenn es darum geht, wer aus der CVP die Nachfolge von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard antreten soll. Ein Karriereschritt, der in der Schweizer Geschichte aber bisher noch keinem Bundeskanzler gelang.

Anzug und Krawatte trotz Hitze

Der Bundeskanzler ist der Hitze zum Trotz sehr offiziell gekleidet: schwarzer Anzug, weinrote Krawatte. Und er fesselt die Zuhörer sofort mit einem rhetorischen Feuerwerk, das er dem Begriff «Humor» entlang aufbaut. «Ich habe gelernt, dass die Diepoldsauer einen ziemlich direkten Humor haben», sagt er. In der übrigen Schweiz frage man bei jemandem, der schlecht aussehe, höflich nach, ob er noch ein wenig müde sei. Nicht so in Diepoldsau. Dort rede man – im Sinne einer klärenden Feststellung – Tacheles: «Hey, hesch du wieder an wüeschte Grind.»

Humor sei «ein wichtiges Element für die Politik», sagt Thurnherr. «Man denkt nach, man hinterfragt.» Humor berge die banale Wahrheit in sich, dass Fehler dazugehörten. Humor sei keine Oberflächlichkeit, sondern im Gegenteil eine Kraftquelle, um mit schwierigen Umständen fertig zu werden. Schweizer klagten oft auf hohem Niveau, sagt Thurnherr. Und wird ernst.

«Schweizern, die nostalgisch an der Gegenwart herumnörgeln, würde es gut anstehen, das Geschichtsbuch zu konsultieren.» Man müsse gar nicht so weit zurückblättern. Vor 200 Jahren habe die Schweiz eine brutale Hungersnot erlebt. «Damals erhielten wir humanitäre Hilfe, als wir noch keine leisteten.» Und vor 80 Jahren, 1938, sei der Lebensstandard von Diepoldsau, dem es heute gut gehe, «als der niedrigste der Schweiz» beschrieben worden.

Humor mache Platz für den gesunden Menschenverstand und dieser sei wichtig für die direkte Demokratie, sagt Thurnherr. In Europa hingegen warteten immer mehr Politiker mit «einfachen und süffigen Wahrheiten» auf. Man dürfe eines nie vergessen: «Es gibt nichts Selbstverständliches. Weder Wohlstand, Friede in Europa noch Friede in unserem Land.» Europa sei «nicht in einer sehr guten Verfassung, weder wirtschaftlich noch politisch».

Hätte er vor sieben Jahren gesagt, man werde in Europa 1,4 Millionen Flüchtlinge in zwölf Monaten registrieren, russische Truppen stünden auf der Krim, in der Türkei und in Osteuropa seien autoritäre Regierungen an der Macht und Grossbritannien trete 2019 aus der EU aus, hätte man ihm entgegnet, diese Rede könne er in Widnau halten. Im Nachbardorf.

Als Diepoldsaus Gemeinderätin Karin Aerni-Stricker den Ehrengast zu Beginn vorgestellt hatte, lauschte neben der Festgemeinde auch die Delegation der Thurnherrs gespannt ihren Worten. Er sei ein «guter Schüler» gewesen, sagte Aerni – und löste schallendes Gelächter aus. Wer im Festzelt sass, spürte: Dieser Satz war eine massive Untertreibung. Das zeigt sein Lebenslauf. Er gleicht einer Bilderbuchkarriere, obwohl Thurnherr sich nur ein einziges Mal selber beworben hatte: für seine Wahl zum Bundeskanzler vom 9. Dezember 2015. Zuvor hatte er theoretische Physik an der ETH Zürich studiert. Mit 25 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein und war an der Schweizer Botschaft in Moskau tätig. Der damalige Aussenminister Flavio Cotti holte ihn persönlich nach Bern zurück und machte ihn zu seinem Mitarbeiter, weil er dessen kluge Analysen schätzte. Danach steuerte Thurnherr als Generalsekretär drei Departemente: das Aussen-, das Wirtschafts- und das Verkehrsdepartement.

Walter Thurnherr erhält gute Noten von links bis rechts. Er sei «der fähigste Bundeskanzler seit langem», hielt Hotelier Peter Bodenmann in seiner Analyse zum Bundesratsfoto 2018 fest. Die «Weltwoche» schrieb ein wohlwollendes Porträt («Einer, der sich einmischt») über den Bundeskanzler, der die Berner Machtzentrale so gut kenne wie kaum ein anderer. Und SVP-Wahlkampfleiter Adrian Amstutz meinte in der «NZZ am Sonntag»: «Thurnherr wäre der beste Bundesratskandidat, den die CVP momentan noch hat.» Am Tag vor dem Artikel hatte CVP-Präsident Gerhard Pfister in der NZZ erklärt, er stehe nicht zur Verfügung für die Nachfolge von Doris Leuthard.

Wäre also Walter Thurnherr ein idealer Bundesrat? In seiner Rede kommt er – indirekt nur – auf das Thema zu sprechen, das in der Luft liegt: auf das Thema Bundesrat. «Humor stellt Distanz zur Macht her», sagt er. In Ländern wie den USA verehre man bis heute Präsidenten wie John F. Kennedy und Franklyn D. Roosevelt, in Grossbritannien Winston Churchill und in Frankreich Charles de Gaulle und François Mitterrand. Doch wer schwärme in der Schweiz von den Bundesräten Jakob Stämpfli (BE, 1855–63), Rodolphe Rubattel (VD, 1948–54) oder Hans Streuli (ZH, 1954–59), alles FDP-Bundesräte notabene. Seine Folgerung: «Bundesräte kommen und gehen.»

Nur: Reizt ihn eine Bundesrats-Kandidatur nicht trotzdem? Thurnherr schüttelt am Rande der Veranstaltung den Kopf. «Ich möchte nicht Bundesrat werden. Ich fühle mich wohl als Bundeskanzler und sehe nicht, weshalb man diese Situation ändern sollte.»

Das zumindest sehen die Diepoldsauer anders, spätestens seit dem 1. August. Könnten sie einen Bundesrat wählen, hätte Walter Thurnherr ihre Stimmen auf sicher. Das zeigte der Applaus nach seiner Rede. Er war tosend, mit Jubelschreien durchmischt, ging dann in rhythmisches Klatschen über und dauerte ganz genau 60 Sekunden.