Die Schweiz ist weltweit das einzige Land, das den Schutz der Wanderwege in der Verfassung verankert hat. Vor vierzig Jahren wurde die entsprechende Volksinitiative mit grossem Mehr angenommen. Der 83-jährige Hugo Bachmann war der Leiter des Initiativkomitees. Der in Dübendorf wohnhafte emeritierte ETH-Professor erinnert sich: «Die Wanderwege in unserem Land waren schutz- und rechtlos: Man konnte sie nach Belieben vergammeln lassen oder asphaltieren und dem motorisierten Verkehr opfern.»

Diese Erfahrung hatte er mit seiner Familie auf einer «Fusstour de Suisse» gemacht. Aus staatsrechtlichen Vorlesungen während seines Bauingenieurstudiums wusste er, dass nur ein Verfassungsartikel Abhilfe schaffen konnte. So gründete er 1972 – zusammen mit dem damaligen Zürcher Stadtpräsidenten und Landesring-Nationalrat Sigi Widmer und dem technischen Leiter der Zürcher Wanderwege Hans Ehrismann – die «Arbeitsgruppe zur Förderung der Schweizer Fuss- und Wanderwege». Mit einer Initiative wollten sie den Bund zu Planung, Bau und Unterhalt eines Netzes von Wander- und Fusswegen verpflichten. Und dies in einer Zeit der Autobegeisterung.

«Wir realisierten zum Glück nicht, was wir uns da aufluden», sagt Bachmann. «Erbitterter Widerstand kam von den Föderalisten, die jedes Bundesdiktat ablehnten, und von den Bauern, die ihre Feld- und Alpwege weiterhin asphaltieren wollten.» Bachmann erzählt: «Wir hatten weder Geld noch Infrastruktur. Doch mithilfe von Freiwilligen konnten wir einen Pressedienst und eine Sammelstelle für Unterschriftenkarten einrichten.» Ihre Familien zogen mit: Die Ehefrauen und Eltern sammelten Zehntausende Unterschriften. Und zahlreiche Organisationen engagierten sich: Natur- und Heimatschutz, WWF, der Gewerkschaftsbund und sogar der Automobil Club der Schweiz. So kamen in Rekordzeit statt der nötigen 50 000 über 120 000 Unterschriften zusammen, die im Februar 1974 eingereicht wurden.

Bundesrat schlug Kuhhandel vor

Trotz der erfolgreichen Unterschriftensammlung kommentierte man kritisch bis spöttisch: «Fuss- und Wanderwege gehören doch nicht in die Verfassung! Wo kämen wir hin? Dann würden bald auch die Velofahrer eigene Wege fordern», bekamen die Initianten etwa zu hören. Die Landesregierung stellte sich ebenfalls quer. Der zuständige Bundesrat Hans Hürlimann (CVP) schlug einen Kuhhandel vor: eine jährliche Subvention für die Organisation der Wanderwege gegen den Rückzug der Initiative. Darauf gingen die Initianten nicht ein, sondern verstärkten ihre Überzeugungsarbeit. «Ich spach mit 143 National- und Ständeräten», erinnert sich Bachmann. So entstand ein föderalistischerer Gegenvorschlag, der den Kantonen die Ausführung überliess. Dem stimmte schliesslich auch der Bundesrat zu.

Am 18. Februar 1979 nahm das Schweizer Volk den neuen Verfassungsartikel an – mit 77 Prozent Ja-Stimmen. Jahrelange Anstrengung brauchte es aber nochmals, um zu verhindern, dass Bauernvertreter und Föderalisten das entsprechende Gesetz verwässerten. 1987 trat es in Kraft. «Es hat viel gebracht», ist Hugo Bachmann überzeugt. Die Umsetzung sei zwar je nach Kanton unterschiedlich gut: In Zürich und Bern etwa besser als im Wallis, das sich traditionell gegen Bundesbern wehrt. Aber die Mentalität der meisten Behörden habe sich entscheidend gewandelt. Viele kantonale Raumplanungs- und Baugesetze wurden angepasst.