Der Vergleich ist überraschend: Auf Schweizer Wiesen weideten 2015 fast gleich viele Rinder wie 1915, etwas mehr als 1,5 Millionen Tiere. Allerdings versteckt sich hinter den vergleichbaren Ziffern die Dynamik eines ganzen Jahrhunderts. Bis in die 80er-Jahre wuchs die Zahl aller Nutztiere im Gleichschritt mit der Bevölkerung. 1980 war der Bestand mit 4,3 Millionen Tieren doppelt so hoch wie 1905. Danach sank die Zahl auf 3,1 Millionen (2015), obwohl die Bevölkerungszahl gleichzeitig munter zunahm. Der Grund? Die Milchleistung der Kühe hat sich verbessert, dank Zuchterfolgen konnte die Fleischproduktion erhöht werden, zudem nahmen auch die Lebensmittelimporte zu. Dass sich in der Schweiz nicht alles so rasant verändert wie gemeinhin angenommen, zeigt indes vor allem ein Blick auf das Schweizer Münz – das älteste weltweit, das heute noch in Umlauf ist. Auch geheiratet wird in der Schweiz heutzutage noch gleich häufig wie vor hundert Jahren. Allerdings hat sich die Scheidungsrate in der Zwischenzeit verfünffacht.

Eine Konstante ist zudem das heimische Eisenbahnnetz, das zwar heute viel reger genutzt wird, dessen Länge in den vergangenen hundert Jahren aber um zehn Prozent geschrumpft ist. Diese Beispiele von Wandel und Kontinuität lassen sich anhand der öffentlichen Statistik, die seit 1860 dank der Gründung des Statistischen Bureaus geführt wird, nachvollziehen.

Der Geograf Viktor Goebel und der Kartograf Thomas Schulz haben das Zahlenmaterial aufgearbeitet und Daten von 1915 mit jenen von 2015 verglichen. Den dabei gehobenen Schatz präsentieren sie nun in ihrem Buch «Die Schweiz in Bild und Zahl. Heute und vor 100 Jahren». Darin veranschaulichen Simone Farner und Roger Conscience mit unkonventionellen Grafiken und Darstellungen die soziale, wirtschaftliche, landschaftliche und politische Entwicklung des Landes. Das Buch erscheint im Verlag «Hier und Jetzt» und ist ab Ende August erhältlich.

Vor 100 Jahren und heute: So hat sich die Schweiz verändert

Menschen: Der Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung hat sich in den vergangenen hundert Jahren dank medizinischem, wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt gewaltig verbessert. So sind etwa Todesfälle bei Grippe stark zurückgegangen, und die Lebenserwartung ist um mehr als 30 Jahre gestiegen. Die Heiratsquote war in dem Jahrhundert dazwischen zwar schwankend, in den Stichjahren 1915 und 2015 war sie jedoch nahezu identisch. Unterschiede zeigen sich in den Kantonen: Waren früher die Genfer besonders heiratsfreudig, sind es heute vor allem die Zürcher. Geschieden wird indes deutlich mehr. In hundert Jahren hat sich die Scheidungsrate verfünffacht: Sie stieg von 0,4 auf 2,0 Scheidungen pro 1000 Einwohner.

Landschaft: Vor hundert Jahren war die Schweiz von der Alp- und Landwirtschaft geprägt. Deren Flächenanteil ist aber seither von 55,8 auf 35,9 Prozent geschrumpft. Der Waldanteil hingegen ist von 21,4 auf 31,3 Prozent gewachsen. Die Siedlungsfläche samt Verkehr und Industrie hat sich rund versiebenfacht, von 1,1 auf 7,5 Prozent. Das Eisenbahnnetz wurde abgebaut: Im Jahr 1915 umfasste es über 5691 Kilometer Eisenbahnstrecke, 10 Prozent mehr als heute. Das Netz ist jedoch viel stärker ausgelastet: Pro Kilometer sind heutzutage zehn Mal mehr Personen unterwegs.

Landwirtschaft: Entgegen ihrem Ruf ist die Schweiz kein Weisswein-Land mehr: Die Winzer bauen mehrheitlich Rotwein an. 1915 produzierten sie über alle Weinsorten hinweg rund 200 000 Hektoliter weniger als heute. Derzeit werden 850 449 Hektoliter produziert und hauptsächlich von Schweizern konsumiert. Beinahe konstant ist hingegen die Zahl der Rinder geblieben. Pferde wurden früher oft in der Landwirtschaft, im Gewerbe und im Transportwesen genutzt. Mit der Massenmotorisierung verringerte sich ihre Zahl auf 55 000. Hingegen hat sich jene der Schweine auf 1,5 Millionen fast verdreifacht. Heute führen vier Mal weniger Bauern einen Hof, dafür sind diese grösser als früher. 

Wirtschaft: Das gibt es nur in der Schweiz: Münz, dessen Motiv seit 1874 unverändert ist und bei der Nationalbank noch immer zum vollen Nennwert getauscht werden kann. Das gilt für den Zweifränkler, bis 1967 aus Silber hergestellt, seither aus einer Kupfer-Nickel-Legierung. Die Wirtschaft änderte sich derweil stark: Dass die Schweiz Exportüberschüsse erzielt, ist ein neues Phänomen, weil das rohstoffarme Land viel importieren muss. Erst seit 2002 übersteigen die Ausfuhren die Einfuhren. Käse indes wurde bereits 1915 zum selben Anteil exportiert wie heute.

Quelle für Grafiken: Viktor Goebel, Thomas Schulz (2018): Die Schweiz in Bild und Zahl. Heute und vor 100 Jahren.