Die Generation Tinder scheint ganz brav zu sein. 75 Prozent der Befragten sind in einer Beziehung – obschon sie mitten in den wilden Zwanzigerjahren stehen. Überrascht Sie das?

Dania Schiftan: Ganz und gar nicht, die Menschen binden sich einfach gerne – auch wenn die Beziehung manchmal nur wenige Monate hält. Der Beziehungsstatus sagt nichts über die Dauer der Partnerschaft aus. Wenn es nicht mehr passt, suchen sich die Leute einen neuen Partner. So ist das Leben, das Alter spielt da keine grosse Rolle.

Jede zweite Frau hatte schon Sex mit dem Partner, obschon sie dies eigentlich gar nicht gewünscht beziehungsweise keinen Bock darauf hatte. Ist dies alarmierend?

Grundsätzlich sollte man nie Sex haben, wenn man nicht will. Frauen müssen lernen zu sagen, was sie wollen. Auch Nein zu sagen, wenn sie begonnen haben oder schon mitten drin steckten – egal wie enttäuscht der Freund oder die Affäre dann ist.  Wenn etwas ganz ohne Einverständnis passiert, dann geht das natürlich gar nicht und muss bestraft werden.

In der Umfrage erklärt jede sechste Frau, dass sie sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden ist. Ist das nur die Spitze des Eisbergs?

Jede Frau hat das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Es darf keine sexuelle Gewalt geben! Die Dunkelziffer ist sicher höher als in der Umfrage angegeben. Denn sexuelle Gewalt ist ein Thema, über das man viel zu wenig redet und ahndet. Schon ein aufdringlicher Blick kann übergriffig sein. Wenn sich eine Frau im subjektiven Empfinden missbraucht fühlt, dann ist dies schlimm.

Aller Anfang ist schwer: Nur jede dritte Frau findet das erste Mal toll. Bei den Männern ist der Anteil mehr als doppelt so hoch. Was läuft schief?

Für die jungen Frauen ist der Schritt oft grösser als für die Burschen. Männer sind es sich gewohnter, den Penis in die Hand zu nehmen. Mädchen haben oft kaum Erfahrung, sich etwas in die Scheide einzuführen. Darum ist es wichtig, dass junge Frauen ihre Geschlechtsorgane vorher erkunden. Dann kennen sie ihren Körper besser und das Selbstbewusstsein steigt. Den Mädchen wird oft Angst gemacht wegen der Schmerzen, die nicht immer auftreten. Sowieso ist es nicht so schlimm, wenn der erste Sex nicht wahnsinnig toll ist, das ist völlig okay. Und sie darf ja danach ganz viel üben.

Jede zweite Person hat Analsex ausprobiert – egal ob Mann oder Frau. Sind die Schweizer versauter als gedacht?

Die Zahl schätze ich nicht als hoch ein, das ist absoluter Durchschnitt. Es ist wichtig, im Bett alles Mögliche auszuprobieren. Denn es ist schwierig zu sagen, ob man etwas mag oder nicht, wenn man es nicht erlebt hat. Danach darf natürlich jeder wieder entscheiden, ob er es wiederholen möchte

Nur 26 Prozent der Frauen hingegen finden Analsex toll, bei den Männern sind es mehr als doppelt so viele. Spielt da der Pornokonsum eine Rolle?

Pornos haben darauf nicht einen massgeblichen Einfluss. Vielmehr die Anatomie: Für Männer fühlt sich der Anus mehr an wie die eigene Hand und sie spüren mehr als beim feuchten, vaginalen Geschlechtsverkehr. Frauen wie Männer hingegen sind sich nicht gewohnt, ihren Anus zu entspannen. Für sie braucht es mehr Aufwand, damit Analsex für sie zumindest okay ist. Grundsätzlich ist der Anus mit viel Übung aber genau auch eine Region, die hoch erregbar ist ...

Stichwort Sexting: Die Hälfte der Befragten gibt an, ein Sexfoto oder -video von sich verschickt zu haben. Sind die Leute zu leichtsinnig?

Natürlich ist es spannend und verführerisch, die Hüllen fallen zu lassen und intime Nachrichten an den Schwarm zu schicken. Noch immer machen sich die Leute jedoch viel zu wenig Gedanken über die möglichen Konsequenzen. Selbst der treuste Freund oder die Freundin kann sich im Laufe der Zeit verändern – und ein intimes Bild ins Netz laden oder an Bekannte schicken. Diese Fotos können überall landen. Für Sexting-Opfer kann dies traumatische Folgen haben.

22 Prozent der Frauen und 35 Prozent der Männer hatten Sex mit einem Tinder-Date. Wie verändert das Internet unsere Sexualität? Leben wir in der Zeit der freien Liebe 2.0?

Internet-Dating erhöht den Pool der Möglichkeiten, das ist positiv. Dennoch haben die Leute wie erwähnt nach wie vor das Bedürfnis, sich zu binden. Die Menschen werden wegen Tinder nicht plötzlich zu einer Horde von Sex-Robotern. Wenn es im Chat funkt, heisst das noch lange nicht, dass dies auch in der Realität so ist. Wenn man sich trifft, Sex hat und es dann für einen nicht passt, muss man es sagen. Auch wenn die andere Person enttäuscht ist.

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Ist es wegen Tinder und den schier unbeschränkten Möglichkeiten nicht schwieriger geworden, sich auf eine richtige Beziehung einzulassen?

In einer Beziehung zu bleiben, das muss man so oder so lernen. Wer sich nach einer gewissen Zeit mit einer Person immer langweilt und darin ein Muster erkennt, sollte die Sache selbst angehen.