Soll Sterbehilfe auch für Gesunde möglich sein? Mit dieser Frage befasste sich jüngst das Bundesgericht. Und kam zu einem eindeutigen Schluss: Es stützte die Ansicht der Vorinstanz und trat gar nicht erst auf das Begehren ein. Dies, weil der Verein «Echtes Recht auf Selbstbestimmung» mit Sitz in Gossau keinen konkreten Fall beurteilt haben wollte, sondern eine abstrakte Klärung des Sachverhalts anstrengte.

Aktuell bleibt die Frage der Suizidhilfe trotzdem. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat Anfang Juni die revidierten Richtlinien zum Umgang mit Sterben und Tod vorgestellt. Neu dabei ist, dass sich deren Geltungsbereich nicht mehr nur auf sterbende Menschen beschränkt, sondern auch solche erfasst, die an einer wahrscheinlich tödlich verlaufenden Krankheit leiden.

Die Rede ist dabei von urteilsfähigen Patienten, deren Krankheitssymptome oder Funktionseinschränkungen unerträglich sind – nachdem Heilungsversuche entweder nicht erfolgreich waren oder aber nicht zumutbar sind. Konkret geht es um den Begriff des «unerträglichen Leidens»; zum Beispiel im Fall von Patienten, die unter einer schweren Depression leiden, Hilfe ablehnen und ihren Zustand als unerträglich bezeichnen.

Ein grosser Graubereich

Die Erweiterung der SAMW-Richtlinien wird kontrovers diskutiert, sowohl in kirchlichen als auch in ärztlichen Kreisen. Vor allem in der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) ist das medizinethische Dokument ein heisses Thema. Was insofern nicht erstaunt, als der Zentralvorstand in der Vernehmlassung klar Stellung gegen die Neufassung bezog, wogegen zahlreiche Fachgesellschaften dafür votierten.

Was in Ärztekreisen vor allem für Diskussionen sorgt, ist die Tatsache, dass das «unerträgliche Leiden» kein definierter Rechtsbegriff ist und damit potenziell ein kaum abgrenzbarer Graubereich geschaffen wird. Die Sache ist denn auch nicht ausgestanden. Es stellt sich nämlich die Frage, ob die Richtlinien zum Standesrecht erhoben werden oder nicht.

Umstrittenes Kriterium

Als sicher gelten darf die Übernahme der SAMW-Richtlinien in den Anhang der Standesordnung zum heutigen Zeitpunkt deshalb nicht. Umso weniger, als der Zentralvorstand nicht befinden darf. Vielmehr ist die Ärztekammer zuständig, sozusagen das Parlament der FMH.

Was die Sache zudem nicht einfacher macht: Zwar wäre es nach Aussage von Präsident Jürg Schlup möglich, die Richtlinien – die allerdings viel Unbestrittenes enthalten – ohne die Regelung zur Suizidbeihilfe aufzunehmen. Allein das Kriterium des «unerträglichen Leidens» aus den Richtlinien zu streichen, ist laut Schlup aber nicht statthaft, weil es Bestandteil der Voraussetzungen für die Zulässigkeit der Suizidbeihilfe gemäss SAMW bildet.

Urabstimmung bei den Ärzten

Angesichts der Umstrittenheit der Regelung innerhalb der Ärzteschaft ist schwer absehbar, wie die Auseinandersetzung ausgehen wird. Vorstellbar ist gar, dass die Frage der Aufnahme des Kriteriums «unerträgliches Leiden» der Urabstimmung unterworfen wird. Konkret: Wenn die stimmberechtigten Mitglieder der FMH mit einem Beschluss der Ärztekammer nicht einverstanden sind, können sie eine Urabstimmung in der Sache verlangen.

Der Antrag muss dabei von mindestens 2500 Mitgliedern oder einer bestimmten Anzahl der 71 Ärzteorganisationen unterzeichnet werden. Das ist der eine mögliche Weg. Der andere: Die Ärztekammer unterwirft den von ihr gefassten Beschluss von sich aus mit zwei Dritteln der Stimmenden der Urabstimmung.

Eine Prognose über den Ausgang abgeben mag FMH-Präsident Schlup zum heutigen Zeitpunkt nicht. Der interne Meinungsbildungsprozess sei in Gang und werde noch bis Ende dieses Jahres Zeit beanspruchen, sagt er. Und die Medizin-Akademie? «Wir würden einen negativen Entscheid bedauern, aber respektieren», sagt Franziska Egli von der SAMW.