«Eine Schweiz ohne Freier wäre ...?» Vor dem Streitgespräch haben wir unsere beiden Kontrahentinnen gebeten, vier von uns vorgegebene Sätze zu beenden

«Eine Schweiz ohne Freier wäre ...?»

1942 legalisierte die Schweiz als eines der ersten Länder Europas die Prostitution. War das ein gutes oder ein schlechtes Jahr?

Beatrice Bänninger: Das war ein sehr gutes Jahr. Prostitution ist eine gesellschaftliche Tatsache. Mit der Legalisierung wurde diesem Umstand Rechnung getragen.  
Andrea Gisler: Es war ein gutes Jahr, weil man nach 1942 nicht mehr die Prostituierten bestraft hat. Heute sind wir aber an einem anderen Punkt und der Blick in Länder, die andere Prostitutionsgesetze haben und in Gleichstellungsfragen ein bisschen weiter sind, lohnt sich.

Die Frauenzentrale Zürich lancierte im Juni mit einem provokanten Video die Kampagne «Stopp Prostitution. Für eine Schweiz ohne Freier». Darin werfen uns schwedische Schauspieler vor, wir Schweizer wären Hinterwäldler, weil Prostitution noch immer legal ist – anders als in Schweden. Was halten sie von dem Video, Frau Bänninger?

Bänninger: Ich finde das Video gefährlich. Natürlich, es ist sensationell gemacht und setzt auf bewährte Tricks der Werbebranche, indem beispielsweise Kinder zu Wort kommen. Die Realität in Schweden ist jedoch eine andere. Die Situation der Sexarbeiterinnen, die es trotz dem Gesetz immer noch gibt, ist prekär. Gesundheitsprävention wird vernachlässigt. 

Das Video der Frauenzentrale Zürich – eine Nachricht von Schweden an die Schweiz.

Leben wir Schweizer, was das Sexgewerbe angeht, tatsächlich noch im Mittelalter?

Gisler: Wir sehen uns gerne als aufgeschlossen und modern. Gewisse Schweizer wurden durch das Video tatsächlich in ihrem Selbstbild getroffen. Man hat es nicht gerne, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird.

Was machen die Schweden denn besser als wir Schweizer, Frau Gisler?

Gisler: Viele Untersuchungen zeigen, dass Prostitution und  Menschenhandel zurückgegangen sind. Und – noch wichtiger – es hat ein Umdenken in der Gesellschaft gegeben. In Schweden ist es seit 1998 verboten, für Sex zu bezahlen. Das Verbot hat etwas in den Köpfen der Menschen bewirkt. Bereits Kinder wissen: Man kauft keine Frauen wie Ware. Ich wünschte mir ein solches Umdenken in der Schweiz. 

Bänninger: Die Strassenprostitution ist zurückgegangen, die macht nur einen Bruchteil des Sexgewerbes aus. Fakt ist, dass es den Frauen, die immer noch im Sexgewerbe tätig sind, schlechter geht. Die Freier gehen zudem ein höheres Risiko ein. Und wer ein hohes Risiko eingeht, erwartet auch mehr dafür. Der Freier will so viel wie möglich aus einer Dienstleistung rausholen. Und ob er am Ende überhaupt dafür bezahlt, ist auch nicht sicher. Die Frauen haben dabei kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren.

In Zürich gibt es seit 2013 am Sihlquai keinen offenen Strassenstrich mehr, dafür Sexboxen in Altstetten. Prostituierte werden regelmässig von der Polizei kontrolliert und brauchen eine Bewilligung, um zu arbeiten. Reicht dieser Schutz nicht aus?

Gisler: Wir tun so, als würde das Prostitutionsgewerbe in der Schweiz in einem geschützten, kontrollierten Rahmen ablaufen. Das Rotlichtmilieu wird oft als plüschige, schummrige Idylle beschrieben. Die Realität ist eine ganz andere. Wir wissen oft nicht, was im Verborgenen tatsächlich passiert. Und die Sexboxen in Altstetten sind frauenverachtend. Das muss man sich einmal anschauen. Die Frauen stehen dort wie an Bushaltestellen und werden von Männern wie Ware ausgewählt und in Abstellboxen gefahren, die aussehen wie Autowaschanlagen.

Bänninger: Idylle und Plüsch im gleichen Atemzug wie Prostitution zu erwähnen, ist absolut falsch. Pretty Woman war ein wunderbarer Film, aber der Realität entspricht er nicht. Dass man nicht weiss, was im Milieu passiert, entspricht nicht den Tatsachen. In unserer Beratungsstelle «Isla Victoria» haben wir jährlich über 24’000 Kontakte mit Sexarbeiterinnen aus der Stadt und dem Kanton Zürich. In all diesen Gesprächen erfahren wir viel – und können helfen. Prostitution muss legal bleiben – sowohl das Angebot als auch die Nachfrage.

Viele Prostituierte kommen aus dem Ausland und bleiben nur kurze Zeit in der Schweiz. Alles ist mobiler und flüchtiger geworden. Können Frauen nach einem Freierverbot überhaupt noch geschützt werden?

Gisler: Der Markt wäre sicher viel kleiner. Natürlich muss man sich dann überlegen, wie man an die Frauen und Freier rankommt. Aber darüber zerbrechen wir uns bereits heute den Kopf.

Bänninger: Schweden zeigt: Wer nicht aussteigen will, erhält kaum mehr Beratung und Schutz durch den Staat. Da die Sexarbeit im Verborgenen abläuft, würde es für Beratungsstellen unglaublich schwierig, den Zugang zu Sexarbeitenden zu gewährleisten. Die öffentliche Hand würde wohl die finanzielle Unterstützung einstellen müssen.

Sie haben beide mit Sexarbeiterinnen zu tun. Was halten diese von einem Freierverbot?

Bänninger: Die meisten Sexarbeiterinnen haben Angst, ihr Einkommen und damit ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Menschen in anderen Jobs haben auch Angst vor Veränderungen und Jobverlust, verfügen aber immerhin über Alternativen.

Gisler: Ich glaube, dass die Mehrheit der Frauen aussteigen würde, wenn sie denn könnten. Wenn man die Freier bestraft, müsste man den Fokus noch stärker auf die Betreuung der Prostituierten legen und sie beim Ausstieg unterstützen. 

Prostitution in Europa.

Prostitution in Europa.

Bänninger: Aber genau das ist doch das Problem! Bevor wir überhaupt an ein solches Gesetz denken, brauchen wir konkrete Ausstiegsmöglichkeiten für Prostituierte. Solche Lösungen gibt es nicht. Wer einmal als Sexarbeiterin gearbeitet hat, ist in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Es bräuchte Arbeitgeber, die den Frauen Jobs zur Verfügung stellen.

Haben Prostituierte tatsächlich keine Möglichkeit, den Ausstieg zu schaffen?

Bänninger: Mangels Ausbildung gibt es kaum Alternativen. Wir haben in der Isla Victoria eine hochprofessionelle Nähschule für Frauen, die aussteigen wollen. Damit gewinnen sie Selbstvertrauen und lernen besser Deutsch. Es gibt viele Projekte, die den Ausstieg unterstützen. Schwierig bleibt es trotzdem. Wenn eine Frau dann für 17.90.- in der Stunde von einem Putzinstitut durch Büroräumlichkeiten gehetzt wird, frage ich mich schon, ob das ein attraktiver Ausstieg ist. Mit einem normalen Job verdient eine Prostituierte nicht einmal ansatzweise so viel wie vorher.

Kann Prostitution tatsächlich mit Putzarbeiten verglichen werden? Ist Sexarbeit eine ganz normale Arbeit wie jede andere auch?

Gisler: Es gibt in der Prostitution viele Frauen, die dazu gezwungen werden und sich kaum wehren können. Wenn man einfach sagt: «Sexarbeit ist eine normale Arbeit», gibt es weder Täter noch Opfer – Ausbeutungs- und Machtverhältnisse werden verschleiert. Das ist das Beste, was Zuhältern und Menschenhändlern passieren kann. So sind sie fein raus. Liberale Prostitutionsgesetze sind eine Freikarte für Profiteure und nie ein Schutz für Frauen. 

Bänninger: Mich nervt dieser Opferdiskurs. Nicht jede Prostituierte ist per se ein Opfer von Menschenhandel und Gewalt. Viele Frauen entscheiden selbstständig und aus freien Stücken, wie oft sie ihre Dienstleistungen anbieten – vielleicht nur einmal pro Woche, einmal im Monat, für ein Wochenende. Einige Frauen tun es, um ihr Haushaltsgeld aufzubessern oder weil sie Lust auf ein Abenteuer haben. 

Gisler: Man kann das Ganze schon schön reden und sagen, dass sie mit ihrem Einkommen in ihren Heimatländern ganze Familien ernähren können. Aber wehe, die eigene Tochter würde sich prostituieren. Armutsprostitution- und Zwangsprostitution sind Tatsachen. Die grosse Mehrheit der Prostituierten macht es nicht freiwillig. Für die wenigen Frauen, die aus freien Stücken als Prostituierte arbeiten und auch wirtschaftlich nicht dazu gezwungen sind, wäre das schwedische Modell schlechter. Aber wir sollten uns nicht auf die Ausnahmen konzentrieren. 

Und was ist mit den Freiern?

Bänninger: An die Freier zu gelangen, ist enorm schwierig. Die Gruppe ist sehr heterogen. Einige prahlen, andere machen es still und heimlich. Der offene Diskurs fehlt. Die Seite der Freier meldet sich kaum öffentlich zu Wort. 

Gisler: Wir müssen unbedingt mehr über Freier sprechen. Ohne Nachfrage gäbe es keine Prostitution. Wir müssen uns fragen, ob der Staat tatsächlich so viel Geld in die Hand nehmen muss wie im Beispiel der Sexboxen in Altstetten, um die sexuellen Vorlieben gewisser Männer zu befriedigen. Müssen wir wirklich alle negativen Begleiterscheinungen, die die Prostitution mit sich bringt, in Kauf nehmen, um die Bedürfnisse der Freier zu befriedigen?

Wäre eine Gesellschaft ohne Prostitution wünschenswert?

Bänninger: Es ist absolut in Ordnung, sich eine Gesellschaft zu wünschen, die Prostitution nicht toleriert. Aber eine Schweiz ohne Freier ist eine utopische Vorstellung. Man darf das Sexgewerbe nicht idealisieren. Man darf aber auch nicht die Augen vor der Tatsache verschliessen, dass der Schutz der Sexarbeiterinnen besonders wichtig ist. Und ein solcher Schutz ist in diesem Gewerbe einfach nicht möglich, wenn es im Verborgenen stattfinden muss. 

Gisler: Prostitution ist ein Verstoss gegen die Menschenwürde. Viele Prostituierte sind ungeschützt. Die Preise sind im Keller. Einer Studie zufolge verkehren viele Frauen vermehrt ohne Kondom, weil die Freier das so wollen. Laut Huschke Mau, die zehn Jahre als Prostituierte gearbeitet hat, ist Prostitution Gewalt und jeder Freier ein Täter. Eine Gesellschaft ohne Prostitution ist absolut wünschenswert – und es ist höchste Zeit dafür.