Herr Leuenberger, nehmen wir an, es gäbe in der Schweiz noch keine Empfangsgebühren und man müsste ein neues System entwerfen. Hätte unter diesen Umständen die geplante flächendeckende Abgabe von jährlich 400 Franken eine Chance?

Moritz Leuenberger: Würden wir auf dem Reissbrett die Finanzierung von Radio und TV entwerfen, kämen wir wohl zu einem anderen Modell. Wie es aussehen würde, überlege ich mir nicht lange. Denn so ist das in der Politik: Ein System wächst über Jahrzehnte und man baut auf ihm auf. 

Das ist doch der Beweis dafür, dass die SRG mit ihrem Angebot überbordet – sie definiert den Service public viel zu breit.

Nein, das sehe ich nicht so. Dass wir eine nationale Rundfunkgesellschaft brauchen, ist breit anerkannt. Service public ist keine mathematische Formel, sondern eine Umschreibung, die von vielen politischen und kulturellen Elementen geprägt wird. Diese werden ständig diskutiert und verändern sich auch.

Was sind denn für Sie die absoluten Kernbegriffe dieses Service public?

Die Pflege der direkten Demokratie durch kontroverse Diskussionen über Abstimmungen und alle Themen, die uns beschäftigen. Der Beitrag zu unseren kulturellen Grundlagen, da gehören die vier Sprachregionen dazu. Dann die Weiterbildung – früher gab es Schulfernsehen heute Sendungen wie «Menschen, Technik, Wissenschaft».

In dieser Definition fehlt nun aber die Basis für – sagen wir – eine Quizshow oder ein Fussballspiel.

Halt. Das waren jetzt mal die Grundsäulen. Diese muss man dann mit einzelnen Sendungen konkretisieren und dabei merken wir, dass auch Unterhaltung dazugehört, wenn sie dem nationalen Zusammenhalt dient. Das kann durchaus der Fall sein – auch wenn man sie persönlich nicht mag.

Warum soll sich die SRG nicht einfach auf das beschränken, was die privaten Sender nicht anbieten würden?

Dann würde man im Schweizer Fernsehen nur noch «Kulturplatz» und «Sternstunde Philosophie» sehen. Es braucht auch Quotenschlager, welche die Leute an den Sender binden. Sport und Unterhaltung gehören auch zum Zusammenhalt. Wenn das nur noch die Privatsender bieten, wandern die Zuschauer ab. Man muss sie auch an die SRG binden.

Ist eine schwammige Definition des Service public nicht eine Steilvorlage, um alles Mögliche hineinzupacken? Oder anders gefragt: Wo liegt die finanzielle Schmerzgrenze?

Der Begriff kann ausufern, das stimmt. Daher sollte er immer diskutiert werden, nicht nur vor der Abstimmung. Die Höhe der Gebühren wird vom Bundesamt für Kommunikation kontrolliert. Man kann sie doch nicht einfach aus dem hohlen Bauch festlegen. Sonst würde das Zugbillett von Zürich nach Aarau zwei Franken kosten.

Machen wir ein konkretes Beispiel: Braucht es einen Sender wie SRF 4 News, der rund um die Uhr nur Informationen liefert, wirklich?

Ja, das sind Beiträge zum Service public. Dieser Sender berichtet zum Beispiel auch in der Deutschschweiz über kantonale Wahlen in Genf – was auf einem lokalen Privatsender nie kommen würde. Es geht um die nationale Kohäsion, um die Willensnation. Fragezeichen setze ich eher bei Musik-Spartensendern wie Swiss Pop oder Swiss Classic. Sie atomisieren eher, als dass sie verbinden. Mir sind Sender lieber, die ein breiteres Spektrum anbieten.

Das Tessiner Fernsehen hat über 1000 Vollzeitstellen. Warum ist das so sakrosankt?

Über den Umfang darf man getrost diskutieren, aber im Grundsatz braucht die italienische Schweiz eine starke SRG. Im freien Markt wäre dort ein gleiches Angebot niemals erhältlich. Die Kosten werden durch Gebühren aus der Deutschschweiz quersubventioniert. Auch das ist Service public.

Stets wird der nationale Zusammenhalt beschworen. Aber gibt es den wirklich? Die Deutschschweiz interessiert sich letztlich herzlich wenig für die Romandie und umgekehrt.

Ich sehe hier leider auch einen Graben und er ist für die Schweiz ein Problem. Aber dafür kann man doch nicht die SRG verantwortlich machen. Sie bemüht sich sehr um die Kohäsion über den Röstigraben.

Hier spricht ein echter Fan der SRG!

Ein Fanatiker bin ich sowieso nie und mit vielem, was die SRG produziert, nicht einverstanden. Das Bolzen um Einschaltquoten ging mir insbesondere in der Ära Walpen/Deltenre zu weit. Wir hatten manchmal handfeste Auseinandersetzungen, aber deswegen hätten wir doch der SRG nicht den Geldhahn zugedreht. Glücklicherweise muss nicht alles, was ausgestrahlt wird, dem Medienminister passen.

Welche Sendungen schauen Sie denn besonders gern – und welche gar nicht?

Dazu möchte ich mich jetzt nicht äussern, weil ich meine Meinung nicht für das Mass aller Dinge halte. Vor der Abstimmung kann das heikel werden.

Sie waren 15 Jahre lang Medienminister. Erstaunt es Sie, dass die Debatte rund um die SRG nun so virulent geführt wird?

Mediendebatten sind immer heftig, es sind Auseinandersetzungen unter Journalisten. Alle glauben zu wissen, wie man Radio und TV machen müsste. Der Gewerbeverband führt sich nun aber auf wie die Piratenpartei und alle Wutbürger zusammen: Einerseits soll alles gratis sein, obwohl man davon profitiert. Zudem will man es «denen da oben in der SRG und in Bern» mal wieder zeigen. Das ist mir etwas gar einfach. Die Debatte müsste zwar ständig geführt werden, aber das ist eher eine Schlammschlacht.