Es muss schon etwas Besonderes auf sich haben, wenn sich der Bildungsminister mit einem offenen Brief zu Wort meldet. Für Johann Schneider-Ammann geht es um eine Herzensangelegenheit. Um die duale Berufsbildung, dieses viel gepriesene Erfolgsmodell. «Die Berufslehre ist ein grosser Schweizer Trumpf», richtete er sich im vergangenen Sommer an die Zehntausenden Lehrabgänger hierzulande. Wer sein Fähigkeitszeugnis in den Händen halte, dem sei der erste Schritt ins Arbeitsleben geglückt.

Die Gratulationen des FDP-Bundesrats dürften auch die Lehrabgänger der Eidgenossenschaft zur Kenntnis genommen haben. Mit Freude oder mit Groll? Von Logistikern über Kaufleute bis zu Informatikern: Die Bundesverwaltung gehört mit 1110 Lernenden in rund 40 Berufen zu den grössten Lehrstellenanbietern. Der Anteil der Lernenden am gesamten Personalbestand beträgt 5,1 Prozent. Doch nur ein Bruchteil erhält nach der Lehre eine feste Stelle.

Bei der Bundesverwaltung ist die Verbleibquote seit Jahren verhältnismässig tief. Sehr tief sogar. 2017 lag sie bei 17,2 Prozent, wie der aktuelle Personalreport des Bundes zeigt. Die Verbleibquote ist ein wichtiger Gradmesser in der Berufsbildung. Sie zeigt, wie viele Lehrabgänger ein halbes Jahr nach dem Ende ihrer Ausbildung weiterhin im Betrieb arbeiten. Anders ausgedrückt: Nur etwas mehr als jeder sechste Lernende blieb nach abgeschlossener Ausbildung bei der Bundesverwaltung. 68 Personen kamen im Programm «Ponte» unter, in dem Abgänger mit befristeten Praktika die Zeit bis zum Antreten einer festen Stelle überbrücken können. Anspruch auf solche besteht jedoch nicht.

Anderswo bleiben mehr

Die Zahlen erstaunen. Denn über alle Branchen betrachtet, liegt die Verbleibquote jeweils bei 30 bis 40 Prozent. Im oberen Bereich dieser Bandbreite befinden sich die kaufmännischen Berufe, die beim Bund den Löwenanteil des Lehrstellenangebots ausmachen.

Pikant ist: Seit diese Zeitung die Situation vor zwei Jahren erstmals publik machte, ist die Verbleibquote weiter gesunken. Das Eidgenössische Personalamt (EPA) kündigte 2017 in einem Bericht an, die Entwicklung gemeinsam mit den Departementen zu analysieren. Erst recht, weil das vom Bundesrat gesteckte Ziel in weite Ferne gerückt ist. 30 bis 40 Prozent der eigenen Lehrabgänger sollten demnach beim Bund angestellt werden. Letztmals näherte sich die Verbleibquote 2013 der 30-Prozent-Marke; damals lag sie bei 28,3 Prozent.

Warum kehren so viele Junge der Bundesverwaltung den Rücken? Beim EPA ist Ursachenforschung angesagt. Näher wollen sich die Verantwortlichen noch nicht dazu äussern. «Die Abklärungen mit den Departementen werden in diesem Jahr durchgeführt», sagt EPA-Sprecher Anand Jagtap. Erst danach könne über Massnahmen diskutiert werden. Man wolle «vertieft abklären», wie sich die Verbleibquote in einzelnen Bereichen konkret entwickelt. Klar ist: Gemäss internen Befragungen sucht ein «grosser Teil der Lernenden nach der Lehre nicht eine Festanstellung in der Bundesverwaltung». Weil die Abgänger genau wissen, dass es ohnehin keine Stellen für sie gibt?

Viele Stellen für Akademiker

Beim EPA heisst es, im Vordergrund stehe bei vielen das Ziel, eine höhere Ausbildung wie die Berufsmaturität in Angriff zu nehmen oder einen Sprachaufenthalt im Ausland zu absolvieren. Rund ein Drittel der Abgänger ziehe es in die Privatwirtschaft. Fast die Hälfte der Männer plane ferner, nach der Lehre den Militärdienst zu absolvieren. Gerade dieser Grund betrifft andere Lehrbetriebe aber gleichermassen und taugt nur bedingt als Argument.

Das betonen auch die Personalverbände. Christof Jakob, bei der Gewerkschaft VPOD für das Bundespersonal zuständig, sieht die tiefe Verbleibquote der Lehrabgänger zweischneidig. Zum einen sei es eine Realität, dass viele ihre Ausbildung primär als Einstieg in die Berufswelt betrachten und gleich danach eine Weiterbildung planen. Zum anderen dürften die Ursachen durchaus der Personalpolitik geschuldet sein, sagt er. «Die Lehre gilt nicht mehr als Vorbereitung auf eine Karriere in der Bundesverwaltung.»

Dass überdurchschnittlich viele Stellen einen Studienabschluss erfordern, kommt laut Jakob erschwerend hinzu. Umso mehr stehe der Bund in der Verantwortung, «all jenen Lernenden eine Anschlusslösung zu bieten, die eine wünschen oder brauchen».

Verwaltung im Umbruch

Tatsächlich ist die Frage, ob Lehrabgänger weiterbeschäftigt werden können, letztlich eng an das Stellenangebot gekoppelt. Das räumt auch das EPA ein, wenn es auf die diversen Stabilisierungspakete beim Bund verweist. Deswegen könnten «teilweise frei werdende Stellen nicht mehr besetzt werden». Die Bundesverwaltung befinde sich in einer Umbruchphase, sagt Sprecher Jagtap. Laut ihrer jüngsten Personalstrategie will die Bundesverwaltung das Lehrstellenangebot vermehrt nach Berufen ausrichten, in denen die Rekrutierung von geeignetem Personal schwierig ist.

Wie schrieb Bundesrat Schneider-Ammann in seinem Brief an die Lehrabgänger? Der duale Berufsbildungsweg müsse das vermitteln, «was auf dem Arbeitsmarkt auch wirklich gefragt ist».