«Blödsinn.» So viel Dieter Spiess von klaren Aussagen hält, so wenig hält er von Mindestlöhnen. Der Staat habe sich nicht einzumischen, sagt der Präsident des Schweizerischen Schuhhändlerverbands. Die Arme vor der Brust verschränkt, die blauen Augen hinter der eckigen Brille leicht zusammengekniffen, der Tonfall schärfer – sobald sich das Gespräch um Mindestlöhne und Gesamtarbeitsverträge dreht, zeigt sich schon an der Körpersprache, dass dieses Thema den 65-Jährigen umtreibt.

Die Schuhbranche vor staatlichen Eingriffen schützen, das ist seine Mission.

Eine Branche, die immer wieder mit tiefen Löhnen für Schlagzeilen sorgt. «Wegen einiger weniger Fälle darf man nicht eine ganze Branche in ein schlechtes Licht stellen», sagt Spiess, der in Gelterkinden ein Schuhgeschäft führt.

Er empfängt in seinem Büro, das aussieht wie so viele andere auch. Der Mann, der von sich selber sagt, daheim Wert auf modische Hausschuhe zu legen, arbeitet an einem unscheinbaren Schreibtisch, bedeckt mit Papierstapeln, Ordnern, Plastikmäppchen. Seine braunen Halbschuhe sind das einzige Designerstück im Raum. An der Wand ein Zirkuspferd, farbenfroh inszeniert von Rolf Knie, seinem Lieblingsmaler.

Der Rat des Patrons

«Bei mir verdient niemand unter 4000 Franken im Monat», sagt Spiess, der sich als Patron bezeichnet. Längst nicht alle Chefs zahlen Löhne in dieser Grössenordnung. Eine Studie der Universität Genf zeigt: Jede dritte Verkäuferin verdient pro Monat weniger als 4000 Franken, jede zehnte gar weniger als 3400 Franken.

Spiess’ Rat an Betroffene: «Ich empfehle jenen, die mit ihrem Lohn unzufrieden sind, sich nach einer neuen Stelle umzuschauen.»

Fälle wie diese liessen sich nie ganz verhindern, sagt er. «Wir müssen versuchen, sie zu minimieren.» Sein Rezept dazu liegt ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch: vier ausgedruckte A4-Seiten. Die Empfehlungen des Verbandes zu den Anstellungsbedingungen.

Demnach müsste der Einstiegslohn nach der dreijährigen Lehre zur Detailhandelsfachfrau inklusive Provisionen bei rund 4000 Franken liegen. Sie sind allerdings unverbindlich, Sanktionen drohen keine. Aber Spiess sagt: «Empfehlungen werden genauso ernst genommen wie ein Gesamtarbeitsvertrag.» Könne ein Geschäft nicht mehr zahlen, ändere daran auch ein solcher Vertrag nichts. «Die Mitglieder zahlen Löhne, die standortgerecht und wirtschaftlich vertretbar sind.»

Der Ärger der Gewerkschafter

Den Gewerkschaftern reichen die Empfehlungen bei weitem nicht. Für eine «billige Ausrede» hält sie Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Und auch Natalie Imboden von der Gewerkschaft Unia gehen die Empfehlungen nicht weit genug: «Es gibt genügend Beispiele von Geschäften, die sich nicht daran halten.» Für beide ist deshalb klar: Das Problem lässt sich nur mit einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) lösen. «Das ist das richtige Instrument, um die schwarzen Schafe in der Branche in den Griff zu bekommen», sagt Lampart.

«Auslaufmodelle» sind Gesamtarbeitsverträge hingegen für Spiess. «Sie sind unnötig, kosten Geld und nützen letztlich niemandem.» Für seine eigene Branche schliesst er einen GAV kategorisch aus. Es sind Aussagen wie diese, die ihn bei linken Politikern und Gewerkschaftern zum Feindbild werden liessen. Dieter Spiess liefert ihnen willkommenes Anschauungsmaterial, um die Schwächen der heutigen Sozialpartnerschaft aufzuzeigen.

So bezeichnete ihn der St. Galler SP-Ständerat und Gewerkschafter Paul Rechsteiner in der Ratsdebatte zur Mindestlohninitiative als «krasses Beispiel eines Feindes der Sozialpartnerschaft». Und die Gewerkschaftszeitung «Work» nahm Dieter Spiess in die Galerie der Anti-Sozialpartner auf. Unter dem Titel «gegen Gewerkschaften und faire Löhne» sind dort Wirtschaftsvertreter mit Bild und Firmennamen aufgeführt.

Der Ärger mit Gewerkschaftern

«Reizfiguren» nennt Dieter Spiess die Gewerkschafter, die es seiner Meinung nach gar nicht brauchte. «Mit ihren Hetzkampagnen verunsichern sie die Leute, um ihre Institution zu stärken und zu rechtfertigen.» Die Abneigung gegen die Arbeitnehmerorganisationen sitzt tief – sie geht bis in die 1990er-Jahre zurück. Damals war Spiess damit beauftragt, mit der Gewerkschaft jedes Jahr aufs Neue die Bedingungen des Gesamtarbeitsvertrags auszuhandeln. Noch heute macht er die Forderungen der Gewerkschafter für den Niedergang der hiesigen Produktion mitverantwortlich. Sie hätten nach immer höheren Löhnen verlangt und dadurch die Auslagerung ins Ausland zusätzlich beschleunigt, sagt Spiess.

Davon betroffen war ein Handwerk, mit dem er seit frühester Kindheit verbunden ist. Sein Grossvater und sein Vater waren Schuhmacher in Gelterkinden. Nach dem Unterricht schaute er jeweils in der väterlichen Werkstatt vorbei, die direkt am Schulweg lag. Er habe in der Klasse immer die besten Schuhe getragen, erzählt Spiess. Im Skilager war er der Erste mit Schnallenskischuhen, während alle anderen noch mit Schnürschuhen die Piste runterfuhren.

Die Liebe zu den Schuhen

«Schuhverliebt» sei er bis heute, sagt er. Um die hundert Paar stehen bei ihm zu Hause. Bei beiden Treffen trägt er andere braune Halbschuhe – blank poliert, in tadellosem Zustand, als kämen sie direkt aus den Regalen mit den Designerschuhen in seinem Geschäft. Dass ihm alle besonders genau auf die Schuhe schauen, störe ihn nicht, schliesslich tue er das bei seinen Gegenübern auch. Schlecht sitzende Schuhe findet er schlimmer als ein schlecht sitzendes Hemd. Abgelaufene Absätze, dreckige Schuhe deutet er als Zeichen dafür, dass beim Besitzer etwas nicht stimmt. «Auf eine Person mit schlechtem Schuhwerk verlasse ich mich nicht», sagt er.

Jedes Jahr im Frühling und Herbst reist Spiess zu den Modeschauen nach Düsseldorf, Mailand, Paris, damit die Trends nicht an Gelterkinden vorbeiziehen. Das halte ihn jung, sagt er. Auch wenn er heute den Verkauf seinen Angestellten überlässt – sobald er im Laden steht, ist er in seinem Element: Er schwärmt von einem holländischen Designer, den er erst kürzlich entdeckt hat. Er mahnt, einen Schuh nicht zwei Tage nacheinander zu tragen, damit er sich erholen kann. Und er schlägt dem Besucher nach einem kurzen prüfenden Blick eines der neuen holländischen Modelle vor.

Wo im Regal nun Designerschuhe stehen, standen bis vor einigen Jahren noch Sportschuhe. Auch bei ihnen weiss Dieter Spiess Bescheid – aus eigener Erfahrung. Er sei ein guter Läufer gewesen, sagt er. Um die 100 Rennen kamen zusammen, darunter der Marathon in New York. Ganz auf sich allein gestellt zu sein, das ist es, was ihn am Ausdauersport reizt. «Ich war schon immer ein Einzelkämpfer.» Gegen die altersbedingten Abnützungen des Körpers kam aber auch er nicht an. Heute tauscht er seine Halbschuhe nur noch selten gegen die Joggingschuhe.

Seit er auf Wettkämpfe verzichtet, bietet er keine Sportausrüstung mehr an. «Man soll nur das verkaufen, was man auch selber aus eigener Erfahrung kennt.» Aus dem Sportgeschäft machte er vor sechs Jahren kurzerhand eine Boutique.

Der Dämon der Schuhbranche

Trotz Faszination für Schuhe schlug Dieter Spiess vorerst einen anderen Weg ein als Grossvater und Vater. Er machte in Basel eine Lehre als Laborant, worauf drei Jahre beim Militär folgten. Danach zog es ihn doch in den Schuhhandel, erst als Direktionsassistent einer Berner Firma, dann als Einkäufer bei Bata. Später gründete er in Gelterkinden sein eigenes Geschäft, das er nun seit fast 40 Jahren leitet. Wer einmal in der Schuhbranche gewesen sei, komme kaum mehr davon weg. «Das ist wie ein Dämon, der einen nicht mehr loslässt.»

Das Schuhbuch für China

Die Familientradition endet, wenn sich Dieter Spiess dereinst aus dem Geschäft zurückzieht. Eigene Kinder hat er keine. Vor einem Jahr hat er seine Frau Esther geheiratet, die eine 20-jährige Tochter und einen 14-jährigen Sohn mit in die Ehe bringt. Beide werden kaum in seine Fussstapfen treten. Spiess sagt, das sei kein Problem für ihn. «Kinder soll man nicht steuern, sondern ihren eigenen Weg gehen lassen.» Vorerst wird er nichts an seiner Sechs-Tage-Arbeitswoche ändern. Was danach kommt, lässt er offen. Womöglich ziehe es ihn noch an die Altersuni, sagt Spiess. Philosophie würde ihn reizen. Fest geplant ist das aber ebenso wenig wie die Nachfolgeregelung für seine Geschäfte.

«Er ist ein Gewerbler mit Herz und Blut», sagen jene, die ihn schon länger kennen. Wie zum Beweis legt Dieter Spiess eine Visitenkarte nach der anderen vor sich auf den Tisch. Fein säuberlich in einer Reihe, wie bei einem Kartenspiel, zu jedem Kärtchen gibt es viel zu erzählen: Schuhgeschäft in Gelterkinden, Präsident des Schuhhändlerverbands, Firma im Bereich Berufsbildung, Lehrmittelverlag. «Alles über Schuhe», das Lehrbuch aus seinem Verlag, werde inzwischen sogar in China eingesetzt, sagt er. Es sind Themen, über die er gerne spricht.

Der Entscheid in Afrika

Zugunsten des Geschäfts hat er einst seine politische Karriere ausgesetzt. Vier Jahre sass er für die SVP im Landrat des Kantons Baselland. Die Politik gefiel ihm, doch das Geschäft beanspruchte viel Zeit. Die Schicksale von Politikern, die wegen ihres aufwendigen Amts in Konkurs gingen, waren Warnung genug. Den Entscheid zum Rücktritt aus dem Landrat fällte er schliesslich während des Aufstiegs auf den Kilimandscharo – «nicht wegen der dünnen Höhenluft», sagt er und lacht. Nicht alle verstanden ihn damals, er sah sich mit Kritik aus den eigenen Reihen konfrontiert. Dennoch schaffte er 15 Jahre später die Rückkehr auf die politische Bühne.

2005 wählte ihn die Baselbieter SVP zu ihrem Präsidenten, 2011 kandidierte er für den Nationalrat. Das dreirädrige Piaggio-Fahrzeug vor seinem Haus mitten in Gelterkinden erinnert noch heute an den Wahlkampf. Damit tuckerte er durch den Kanton und warb um Stimmen. Darauf angesprochen, beginnt er zu schwärmen, wie er quer durchs Baselbiet fuhr und mit allen möglichen Menschen sprach. Die Zeit ist ihm in positiver Erinnerung geblieben – auch wenn der Wahlkampf ohne Erfolg endete. Die beiden SVP-Sitze gingen an Caspar Baader und Thomas de Courten.

Die harsche Kritik

Er sehe das Resultat nicht als Niederlage, sagt Spiess. De Courten, der ihn aus der gemeinsamen Zeit in der Baselbieter SVP kennt, sagt hingegen: «Wenn er zu einer Wahl antritt, will er auch gewinnen.» Das sei auch im Nationalratswahlkampf nicht anders gewesen. Spiess habe das Ergebnis aber sportlich akzeptiert. 2012 trat Dieter Spiess als Parteipräsident zurück. Zurückhaltender in seiner Wortwahl wurde er deswegen nicht. Scharfe Kritik an seinen Nachfolgern kostete ihn ein halbes Jahr nach dem Rücktritt beinahe die Parteimitgliedschaft.

«Nicht unabhängig» sei der neue SVP-Präsident Oskar Kämpfer, weil er im Landrat sitze, sagte Spiess in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Im gleichen Gespräch warf er der Parteispitze vor, die Jugend zu vernachlässigen – ausserdem dringe das nationale Gedankengut der Mutterpartei kaum mehr durch. Der Parteiausschluss drohte, doch nach einer Aussprache verzichtete die Parteileitung auf diesen Schritt.

Auf die Frage, ob er sich zu Dieter Spiess äussern möchte, lautet Oskar Kämpfers knappe Antwort: «Ich bin heute SVP-Präsident, er war es früher.» Ergänzt dann aber doch, er könne mit der Kritik sehr gut leben. «Dieter Spiess kann sich äussern, wie er will. Klare Worte sind typisch für ihn.» Parteikollege Thomas de Courten sagt zur Kritik: «Dieter Spiess weiss selbst, dass ein ehemaliger Präsident besser darauf verzichtet, die neue Parteileitung öffentlich zu kritisieren. Aber den Mund verbieten lässt er sich deshalb nicht.»

Das tote Huhn

Man möge ihn oder man möge ihn nicht, sagt Spiess. «Ich kann es nicht mit allen gut haben, aber das stört mich auch nicht.» Vor Jahren erhielt er einmal von einer wütenden Bürgerin ein totes Huhn zugeschickt. Sie empörte sich über Spiess’ Einsatz für die Aufhebung des Gleichstellungsbüros. Die meisten Kunden liessen sich aber von seinen politischen Ansichten nicht vom Einkauf in seinem Geschäft abhalten.

Auch das Verhältnis zu seinem besten Freund Ernst Rüdin vermögen die politischen Differenzen nicht zu trüben. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Kindheit, waren zusammen in der Pfadi. Freunde wurden sie erst später, davor hatten sie wenig Kontakt. «Weil er so rechts war und ich so links», sagt Rüdin mit einem Augenzwinkern. Bis vor einigen Jahren zogen sie an der Gelterkinder Fasnacht zu zweit als «Spitzköpfe» von Beiz zu Beiz und trugen ihre Schnitzelbänke vor. Heute noch treffen sie sich regelmässig, um über alles Mögliche zu sprechen – nur nicht über Politik.

Der Vergleich mit der DDR

«Er wird immer ein politischer Mensch bleiben, mit Leib und Seele», sagt Ernst Rüdin. Ambitionen in der Politik habe er keine mehr, sagt Spiess. Dennoch wird er sich einsetzen für ein Nein zur Mindestlohninitiative, die im Mai zur Abstimmung kommt. Die Forderungen nach einer Untergrenze bei den Löhnen hält er für sozialistisch. Er warnt vor schädlichen Auswirkungen auf die freie Marktwirtschaft, Arbeitsplatzverlusten und einem Angriff auf den Mittelstand. Seine Argumente will er an Podien, in Interviews oder TV-Sendungen unters Volk bringen.

Dass Dieter Spiess mit seiner Wortwahl für Schlagzeilen sorgen kann, hat er im letzten Jahr in der SRF-Sendung «Rundschau» bewiesen. Mit der Aussage, jeder Mindestlohn – unabhängig von der Höhe – sei für ihn «DDR-Methode», erzürnte er einmal mehr die Gewerkschafter. Es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein.

* Der Redaktor der «Nordwestschweiz» absolvierte die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Dieses Porträt ist seine Diplomarbeit.