Sergej Skripal und seine Tochter Julija waren am 4. März vergiftet auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Die Täter nutzten dabei ein Mittel, das dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok entspricht.

Nach britischen Ermittlungen steckte der russische Militärgeheimdienst GRU hinter der Tat. Die Regierung in Moskau streitet jegliche Verantwortung ab. Der Fall löste eine schwere Krise zwischen Russland und dem Westen aus, beide Seiten veranlassten die Ausweisung von Diplomaten.

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat die Proben aus Salisbury darauf zwei anerkannten Labors zur Prüfung zugestellt. Zwei weitere Labors erhielten eine Kontrollprobe. Zu den rund 20 designierten Labors der OPCW gehört auch das Labor Spiez. Es darf aufgrund einer Geheimhaltungsvereinbarung mit der OPCW jedoch nicht Stellung dazu nehmen, ob es eines der beiden Referenzlabors war, die im Fall Skripal beigezogen wurden.

Von Utrecht nach Spiez

Dennoch geriet es Mitte April 2018 in den Strudel der Affäre. In Den Haag wurden vier mutmassliche Agenten des russischen Geheimdienstes GRU festgenommen. In ihrem Gepäck zeigte sich, dass die Russen auch ein Ziel in der Schweiz im Visier hatten: Man fand Zugtickets für die Reise von Utrecht nach Basel. Die Weiterreise in der Schweiz sollte sie wohl nach Spiez führen. So finden sich auf dem Computer eines der Verhafteten Hinweise, wonach Recherchen über das Schweizer Labor getätigt wurden.

Ebenfalls im April erklärte der russische Aussenminister Sergej Lawrow, dass beim Giftanschlag auf Skripal in Salisbury nicht ein in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift der Nowitschok-Klasse, sondern offenbar der im Westen entdeckte Kampfstoff BZ zum Einsatz gekommen sei. Lawrow beschuldigte die OPCW schwer. Die Organisation habe, als sie ihren Befund zur Skripal-Untersuchung präsentierte, BZ mit keinem Wort erwähnt. Dabei erwähnte Lawrow auch das Labor Spiez. Es habe in den von der OPCW zur Verfügung gestellten Proben auch BZ entdeckt.

Lawrows Aussagen entlarvt

Die OPCW widersprach den Äusserungen Lawrows in der Folge deutlich. Das Nervengift BZ sei in Salisbury nicht zum Einsatz gekommen, in den dort gesammelten Proben sei hingegen ein Nowitschok-Gift entdeckt worden. Ein Vorläuferstoff von BZ wurde jedoch den Kontrollproben beigemischt, die die beiden herangezogenen Fachlabors erhielten.

Das entspricht der gängigen Praxis der OPCW, die jeweils drei verschiedene Proben einschickt: die «richtige», ferner eine negative Kontrollprobe, in der sich keine verbotene Substanz befindet, und eine positive Kontrollprobe, die einen anderen Kampfstoff enthält. Dieses Vorgehen dient der Qualitätssicherung; die Institute wussten auf diese Art nicht, welches die Probe aus Salisbury war.

Die Aussenminister der EU-Staaten haben vergangene Woche wegen des Giftanschlags auf Skripal Einreiseverbote und Vermögenssperren gegen die Spitze des russischen Militärgeheimdienstes GRU beschlossen. Der Chef des Geheimdienstes und sein Stellvertreter würden wegen «des Besitzes, der Beförderung und der Verwendung eines giftigen Nervengases» bei dem Anschlag im englischen Salisbury auf die Sanktionsliste gesetzt, hiess es.

Symbolisch würden Sanktionen auch gegen die beiden Agenten verhängt, die den Anschlag auf Skripal verübt haben sollen, teilten die EU-Aussenminister mit. Sie werden von Grossbritannien bereits seit längerem über Interpol gesucht.