Fünfmal bebte gestern in der Schweiz die Erde. In Bern, Solothurn, dreimal im Waadtland. Die Erschütterungen mit Magnituden von 0,9 bis 1,5 auf der Richterskala wurden aber kaum bemerkt. Doch das ist nicht immer so: Pro Jahr ereignen sich im langjährigen Mittel zehn Erdbeben mit (gut spürbaren) Magnituden von 3 bis 4 auf der Richterskala, etwa alle 8 bis 15 Jahre kommt es zu einem (erhebliche Schäden anrichtenden) Erdbeben mit Magnitude 5 oder mehr.

Kurzum: Es bebt oft. Starke Beben sind zwar selten, können aber überall und jederzeit auftreten. «In keinem einzigen Kanton kann man sich vor Erdbeben sicher fühlen», sagt Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes.

Just gestern Vormittag, als aus Amatrice, Accumoli und Arquata immer mehr Todesopfer gemeldet wurden, präsentierte der Bundesrat einen Bericht, in welchem er Lücken beim Erdbebenschutz ortet. So moniert die Regierung, dass das Wissen und die Organisationsstrukturen für die Bewältigung von Grossereignissen fehlen und nach wie vor kein obligatorischer Versicherungsschutz gegen Erdbeben besteht.

Tote und Verletzte bei Erdbeben in Italien

Tote und Verletzte bei Erdbeben in Italien

Ein heftiges Erdbeben hat Mittelitalien erschüttert. Dutzende Opfer werden befürchtet. Stunden danach liegen noch Verschüttete unter den Trümmern, darunter auch Kinder (Quelle:dpa).

«Die Schweiz hat grossen Nachholbedarf», sagt auch Wiemer. Zum einen müsse endlich ein landesweites und einheitliches Erdbebenrisiko-Modell geschaffen werden, damit «wir uns besser wappnen können»; zum anderen müssten die Vorbereitungen zur Schadensbewältigung intensiviert werden.

Der Bundesrat scheint die Dringlichkeit erkannt zu haben. Noch im Herbst will er das neue Programm «Erdbebenvorsorge 2017–2020» inklusive dem von Wiemer geforderten nationalen Risiko-Modell verabschieden. «Die verschiedenen Versicherer und Kantone beurteilen das Erdbebenrisiko heute unterschiedlich», begründet Hans Peter Willi, Abteilungsleiter Gefahrenprävention beim Bundesamt für Umwelt. «Es fehlt eine Systematik, weshalb die einzelnen Risiken kaum vergleichbar sind.» Das Erdbebenrisiko-Modell werde zudem helfen, im Fall eines Ereignisses eine schnelle Lagebeurteilung zu machen.

Zu reden geben wird der neuerliche Versuch des Bundesrates, landesweit eine obligatorische Erdbebenversicherung einzuführen. Obwohl das Parlament 2011 einen entsprechenden Vorstoss angenommen hatte, war dieses Ansinnen am Widerstand von sechs Kantonen gescheitert. Der Bundesrat liess die Motion abschreiben.

«Solidarität spielt nicht»

Immer wieder setzte sich die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer für eine Versicherungspflicht ein. «Doch die Solidarität spielt nicht», klagt sie. «Kantone, die weniger erdbebengefährdet sind, lassen Basel und das Wallis im Stich.» Resigniert hat auch Peter Blumer, Direktor der Gebäudeversicherung Basel-Stadt: «Bei in Ferienregionen drohenden Lawinen ziehen alle am selben Strick.» Im Hintergrund ziehe der Schweizerische Hauseigentümerverband (HEV) die Fäden, glauben Leutenegger Oberholzer und Blumer. So wolle dieser eine nationale Lösung verhindern, damit die Steuerzahler für die von Hauseigentümern erlittenen Schäden bei einem Erdbeben mitzahlen müssten.

Tatsächlich hatte der HEV in seiner Vernehmlassungsantwort zur Motion mit Bezug zur UBS-Rettung geschrieben: «Wenn der Bund 68 Milliarden Franken für die Rettung eines Finanzinstituts aufwenden könne, so sollte er auch in der Lage sein, bei einem schweren Erdbeben die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen.»