Das Medienverhalten der Eltern beeinflusst dasjenige der Kinder. Sind Handys im Gebärsaal ein Fehlstart in der Erziehung? 

Daniel Süss: Ja. Das Kind nimmt zwar noch nicht bewusst wahr, dass ein Handy im Spiel ist. Doch im Gebärsaal stört ein Handy eine einmalige Erfahrung. Es wäre wichtig, dass sich alle Beteiligten ganz darauf einlassen, den neuen Menschen willkommen zu heissen. Wenn man in der Rolle des Kameramannes oder Reporters ist, fehlt ein Teil der Aufmerksamkeit. Das beeinträchtigt die Situation.

In welchen Situationen im Alltag ist das Handy ein No-Go?

Ich bin nicht dogmatisch. Eltern müssen sich in jeder Situation überlegen, ob es sinnvoll ist, etwas zu dokumentieren oder für andere erreichbar zu sein. Sie sollen den Kindern vermitteln, dass es Momente gibt, die man nur voll wahrnehmen kann, wenn man nicht an das Handy denkt. Das Smartphone ist aber auch positiv: Man erlebt Verbundenheit mit anderen Menschen.

Viele Eltern finden Bücher toll, Games schlecht. Zu Recht? 

Medienerziehung heisst auch, dass man Medien nicht generell bewerten soll, sondern Inhalte und Nutzungsmotive mitberücksichtigt sowie Qualitätsunterschiede wahrnimmt. Es gibt Games, die Kinder in eine kreative und fantasievolle Welt führen. Das kann sehr positiv sein. Und es gibt schlechte Bücher, die den Kindern nichts bringen.

Wo müssen Eltern besser werden in Ihrer Vorbildrolle? 

Sie müssen die Mediennutzung der Kinder auch in Bereichen begleiten, zu denen sie keinen eigenen Bezug haben — Gamen ist so ein Fall. Zudem halte ich es für einen Fehler, dass die öffentliche Aufmerksamkeit immer zu den neuesten Medien geht. Derzeit macht man sich viele Gedanken über Smartphones oder Internet, vergisst dabei aber das Fernsehen. Dabei hat es für Kinder im Primarschulalter ein grösseres Gewicht. Die MIKE-Studie zeigt, dass sich viele Eltern nicht an die Altersempfehlungen bei Filmen halten, weil sie anderen Medien mehr Aufmerksamkeit widmen.

Vier von fünf Dreizehnjährigen haben ein Handy

Vier von fünf Dreizehnjährigen haben ein Handy

Das Wichtigste aus der aktuellen «MIKE»-Studie im Video.