Bern steht im Fokus – das ist für einmal nicht politisch, sondern sicherheitstechnisch gemeint. Nachdem die Polizei am Mittwochmorgen ein besetztes Haus an der Effingerstrasse geräumt hatte, kam es am Abend zu heftigen Ausschreitungen. Demonstranten gingen mit Petarden, Steinen und mit Farbe gefüllten Gläsern auf die Ordnungshüter los; verletzt wurde niemand. Der Sachschaden beläuft sich gemäss Polizeiangaben aber auf mehrere zehntausend Franken.

Solche gewalttätigen Auseinandersetzungen sind nicht zuletzt aus Image-Gründen keineswegs im Sinn der Stadtbehörden. Bern will die Problematik deshalb im Keim ersticken und verhindern, dass Häuser überhaupt besetzt werden. Vor einem guten Jahr hat die Stadt der Immobilienabteilung die sogenannte «Koordinationsstelle Zwischennutzung» angegliedert. Diese soll bei stadteigenen Liegenschaften, die leer stehen oder bei denen sich der Auszug der vorherigen Mieter abzeichnet, dafür sorgen, dass sie für eine befristete Dauer zwischengenutzt werden können – und eben nicht Hausbesetzer einziehen und Hausfriedensbruch begehen.

Zeichnet sich ein Leerbestand ab, klärt die Koordinationsstelle zuerst die Anliegen der Stadt ab. Braucht es eine vorübergehende Asylunterkunft, ein Jugendzentrum oder hat das Schulamt akut Platzmangel? «Die städtischen Bedürfnisse haben in der Regel Vorrang», sagt Bereichsleiter Marc Lergier. In einem allfälligen zweiten Schritt schalten die Behörden auf der eigenen Homepage Immobilieninserate, was auf reges Interesse stösst. «Das Angebot deckt die Nachfrage bei Weitem nicht», sagt Lergier. Dass sich auch Personen aus der Hausbesetzerszene bewerben, sei durchaus möglich. «Wir kennen diese Leute ja nicht.»

In Bern konnte so im vergangenen Jahr die alte Feuerwehrkaserne zwischenvermietet werden, Löschwasser gibt es seither dort nur noch in Form von Getränken an der hippen Bar. Knapp zehn weitere stadteigene Liegenschaften vermietet die Stadt temporär an alle möglichen Nutzer. Geld verdient sie damit freilich nicht. «Es geht um Kostendeckung, nicht um Rendite», so Lergier.

Andere Schweizer Grossstädte kennen ähnliche Konzepte, wenn auch nicht in gleich institutionalisierter Form. Die Stadtpolizei Zürich etwa prüft in Zusammenarbeit mit den Besitzern von besetzten Liegenschaften die Möglichkeit von Zwischennutzungen. Derzeit haben die Behörden Kenntnis von 19 Hausbesetzungen, wobei nur eine Liegenschaft – das viel zitierte Koch-Areal – in städtischem Besitz ist. Die Stadtpolizei hat sogar eigens ein «Merkblatt Hausbesetzungen» erarbeitet. Dort steht unter anderem, dass ein besetztes Haus nur dann geräumt wird, wenn «hinreichend klar» sei, dass die Liegenschaft «unmittelbar nach der Räumung abgebrochen oder legal genutzt wird». Damit habe man gute Erfahrungen gemacht, so die Stadtpolizei.

Basel verfolgt eine ähnliche Politik. Man schreite bei Besetzungen nur dann ein, wenn ein Strafantrag vom Eigentümer vorliege und dieser «sicherstellen kann, dass die Liegenschaft nach einer allfälligen Räumung gegen eine erneute Besetzung gesichert wird», schreibt die Kantonspolizei auf Anfrage.

Sozialer Nährboden in der Stadt

Dass sich die drei Städte bereits eingehend mit der Problematik von Hausbesetzungen auseinandergesetzt haben, erstaunt nicht – denn sie sind im Vergleich zu anderen Gemeinden übermässig davon betroffen. «Nur das grossstädtische Umfeld bietet überhaupt den sozialen Nährboden für solche Aktionen», sagt Philippe Koch, Dozent für Stadtforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Als Gründe nennt er den hohen Anteil von jungen Leuten und die dafür notwendige kritische Masse, aber auch das politische Umfeld und nicht zuletzt ein städtisches Publikum, das empfänglich ist für das oftmals attraktive Angebot an Alternativkultur in den besetzten Liegenschaften.

Für Koch greift es zu kurz, wenn man die Hausbesetzer pauschal kriminalisiere – denn damit spreche man ihnen den politischen Charakter ab. «Es geht ihnen in den seltensten Fällen darum, einfach ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie wollen andere Lebensentwürfe im Rahmen einer Hausgemeinschaft ausprobieren», sagt er. Dadurch entstünden Lebensformen, die später manchmal von einer breiten Gesellschaftsschicht akzeptiert und gar kopiert würden – zum Beispiel Grossküchen, die in Neubau-Genossenschaften eingebaut werden oder die in den Grossstädten mittlerweile beliebten «Gemüse-Abos».