Die gefährliche Bootsfahrt übers Mittelmeer wird ihnen hoffentlich erspart: Rund 80 Flüchtlinge, mehrheitlich Frauen, warten im nordafrikanischen Niger darauf, sich in ein Flugzeug in die Schweiz setzen zu dürfen. In den letzten Wochen sind sie von der UNO aus dem Nachbarland Libyen evakuiert worden. Dort mussten die meisten von ihnen in Haftzentren ausharren, in denen Flüchtlinge landen, die es nicht weiter über das Mittelmeer geschafft haben. Von sexueller Gewalt ist die Rede, Folter, Versklavung – glaubt man den Horrorberichten von Augenzeugen, gingen die Frauen, die nun in Niger auf ihre Ausreise in die Schweiz warten, in Libyen buchstäblich durch die Hölle.

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die Ende letzten Jahres bekannt gab, 80 Flüchtlinge via sogenanntes Resettlement-Programm in die Schweiz holen zu wollen, sprechen denn auch von besonders schutzbedürftigen Menschen. Bei Resettlement geht es darum, Menschen mit einem Anspruch auf Asyl eine legale Flucht zur dauerhaften Übersiedlung zu bieten. Vergangene Woche nun erhielten die Kantone Post von Sommarugas Asylbehörde, dem Staatssekretariat für Migration (SEM), mit der Bitte um Zusagen, die Flüchtlinge unterzubringen. Die Kantone haben noch bis Mitte Februar Zeit, sich zu überlegen, ob sie beim Libyen-Resettlement-Programm teilnehmen möchten oder nicht.

Nachrichtendienst ist involviert

Was aber sind das überhaupt für Menschen, die der Bund direkt aus Nordafrika einfliegen will? «Die Flüchtlinge sind alle traumatisiert, wir haben sie ja aus libyschen Gefängnissen evakuiert. Viele von ihnen sind alleinstehende Frauen, unter ihnen sind aber auch ganze Familien», sagt Anja Klug, die UNHCR-Vertreterin für die Schweiz und Liechtenstein. Die beiden grössten Gruppen seien Eritreerinnen und Somalierinnen. «Einige haben bereits Familienangehörige oder Verwandte in der Schweiz.»

In Niger werden die gestrandeten Menschen nun in einem vom UNHCR geführten Durchgangslager befragt, ihre Asylgründe werden abgeklärt. Eine Schweizer Mission ist dazu nach Niger gereist. Auch der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ist bei den Abklärungen involviert. Das SEM erläutert das Vorgehen so: «Alle Dossiers werden nach Erhalt der Akten vom UNHCR für eine erste Überprüfung an den NDB weitergeleitet. Während der Mission werden, wenn nötig, Sicherheitsfragen gestellt, und zudem werden alle Personen erkennungsdienstlich erfasst und Fingerabdrücke abgenommen. Nach der Mission werden die kompletten Dossiers erneut dem NDB unterbreitet, und erst wenn dessen Okay kommt, werden die Einreisebewilligungen erteilt.»

Die traumatisierten Frauen werden also gleich doppelt auf Sicherheitsrisiken überprüft. Hintergrund der aufwendigen Kontrollen: Man will verhindern, dass Kriminelle, etwa Terroristen, via Asylverfahren ins Land kommen. Die genaue Überprüfung der Libyen-Flüchtlinge ist ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass irregulär eingereiste Flüchtlinge üblicherweise nicht systematisch überprüft werden. Ausser sie kommen aus einem der Länder, die der Bund als Risikoländer klassifiziert hat. Darunter ist zum Beispiel Syrien.

In drei Monaten in der Schweiz

Die Abklärungen in Niger verkomplizieren und verlängern den Aufnahmeprozess erheblich. Die Behörden gehen davon aus, dass die ersten der 80 Flüchtlinge in ungefähr drei Monaten in der Schweiz ankommen. Trotz des langwierigen Prozesses ist Anja Klug vom UNO-Flüchtlingshilfswerk vor allem froh, nimmt die Schweiz überhaupt einen Teil der Flüchtlinge auf. Es sei das gute Recht der Länder, alles für die Sicherheit zu tun, sagt sie.
Diese Flüchtlinge sind beliebt

Beim UNHCR hofft man, die Schweiz möge noch mehr Flüchtlinge direkt einfliegen. Denn in Niger warten weit mehr als 80 Flüchtlinge auf einen Platz in Europa. «Seit November haben wir 400 Menschen nach Niger evakuiert. Wir würden gerne mehrere 1000 evakuieren dieses Jahr», sagt Länderchefin Klug. Dabei konzentriert sich das UNHCR nicht allein auf Libyen. Mindestens 40'000 Flüchtlinge müssten laut UNHCR übergesiedelt werden. Sie sitzen in sämtlichen Ländern entlang der Fluchtroute quer durch den Kontinent fest, die an den Mittelmeerstränden im Norden und den kaum seetauglichen Booten zur Überfahrt nach Italien endet. Es sind insgesamt 15 afrikanische Länder, von den nordafrikanischen bis nach Kenia im Osten oder Kamerun im Westen.

Neben der Schweiz haben bereits Länder wie Frankreich zugesichert, Flüchtlinge direkt aus Nordafrika aufzunehmen. Zudem hat die UNO eine Gruppe Flüchtlinge direkt aus Libyen nach Italien evakuiert.

Klar ist: Diese Leute brauchen Betreuung, nicht nur eine Unterkunft. Überlegungen, die sich die Kantone nun machen. Jedoch zeige die Erfahrung, dass Resettlement-Flüchtlinge gerne aufgenommen würden, heisst es dort. Denn via Resettlement angekommene Flüchtlinge sind beliebt. Sie haben Anspruch auf Asyl, sind meist Frauen statt junge Männer, die im Verdacht stehen, bei Langeweile Unruhe zu stiften. Und ein Sicherheitsrisiko dürfte wegen der systematischen Überprüfung auch keines mehr bestehen.