Die Zustimmung zu Initiativen bröckelt bei jeder Abstimmung, je näher der Stichtag rückt. Es ist also normal, dass der Ja-Anteil zuerst überwiegt, dann aber das gegnerische Lager zulegen kann.

So hoch wie bei den beiden Ernährungsinitiativen war die Zustimmung jedoch noch selten: 78 Prozent der Bevölkerung geben an, sie würden die Fair-Food-Initiative der Grünen annehmen, wenn sie heute zur Abstimmung stünde. Sogar die radikalere Initiative zur Ernährungssouveränität hätte heute eine Zustimmung von 76 Prozent, wie die am Freitag publizierte Umfrage des Forschungsinstitut gfs.bern zeigt.

Die Fair-Food-Initianten freuen sich über den «guten Start», wie Co-Präsidentin Maya Graf (GP/BL) sagt. Euphorisch seien sie deswegen aber nicht.

Die Kampagne ist erst diese Woche richtig angelaufen, das Gegner-Komitee trat am Dienstag auf, erste Plakate werden am Montag geklebt. Das heisst: Viele Stimmbürger haben sich noch
gar nicht damit befasst. So überrascht es auch kaum, dass der Informationsstand laut Umfrage noch tief ist.

Zeitgeist fordert Nachhaltigkeit

Doch als Erklärung alleine reicht dies nicht, wieso fast vier von fünf Personen sich von der Fair-Food-Initiative begeistern lassen. «Wir fühlen uns bestätigt, dass die breite Bevölkerung unser Anliegen für ein grösseres Angebot an fair und umweltfreundlich hergestellten Lebensmitteln teilt», erklärt Graf die hohe Zustimmung. Lukas Golder, Co-Leiter von gfs.bern, stimmt ihr insofern zu, als dass die «Initiative mit der Forderung nach einem nachhaltigen Konsum offenbar den Zeitgeist treffe». Die Vorlage stosse auf grosse Sympathien, so Golder. Erst mit dem Start der Kampagne kämen die Schwächen zum Vorschein. Gerade die 34 Prozent, die in der Umfrage angaben, «eher dafür» zu sein, könnten dann noch umgestimmt werden, sagt er. «Der Erfahrungswert zeigt, dass eine Initiativvorlage von der ersten Umfrage bis zur Abstimmung etwa 14 Prozentpunkte an Zustimmung verliert.» Für ein Nein würde das nicht reichen.

«Verloren ist noch nichts»

Trotzdem nehmen die Gegner diese ersten Umfragewerte gelassen auf. «Mich beunruhigt das Ergebnis nicht. Das ist zu diesem Zeitpunkt normal», sagt FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger (BL), die sich im Nein-Komitee engagiert. «Wir haben die Kampagne am Dienstag lanciert. Damit beginnt die Aufklärung über weniger Auswahl und steigende Preise erst jetzt.» Obwohl in etwas mehr als einem Monat abgestimmt wird, ist Schneeberger überzeugt: «Wir haben noch genügend Zeit.» SVP-Nationalrat Christian Imark (SO) spricht von einem «Weckruf»: «Wir haben viel Arbeit vor uns.» Zumal die Absicht der Initianten verführerisch töne: «Niemand ist gegen fairen Handel.» Es sei deshalb wichtig aufzuzeigen, was die Konsequenzen der Initiativen sind. «Bereits heute kann jeder, der will, fair produziertes Essen kaufen. Wir wehren uns gegen den Zwang.» Auch Imark ist deshalb der Meinung: «Verloren ist noch nichts.»

Chancen für eine Überraschung

Kampagnen-Experte Lukas Golder erwartet, dass die Zustimmungswerte rasant abnehmen werden. «Das passiert in der Regel bei Initiativen, bei welchen ein echter Problemdruck fehlt.» Trotzdem will er nicht ausschliessen, dass es am Abstimmungssonntag zu einer oder zwei Überraschungen komme, wie er sagt. Wobei man vorausschicken muss, dass Golder davon ausgeht, dass die dritte Abstimmung über die Velowege so gut wie gewonnen ist. Anders ausgedrückt: Golder rechnet den beiden Ernährungsvorlagen gewisse Chancen zu.