Das Ende der Swissair stellt für beide Protagonisten eine Wegmarke dar. Für Thomas Minder war es der Auslöser für die Abzocker-Initiative. Dass Mario Corti als Swissair-CEO 12,5 Millionen Franken als Vorauszahlung bekommen hatte, machte ihn rasend. Für Christoph Blocher war das Ereignis gleichbedeutend mit der Positionierung der SVP als Wirtschaftspartei. Er machte die FDP verantwortlich für die Probleme der Airline und kritisierte den Filz.

War die SVP bis dahin die Partei der Abschottung und der harten Ausländerpolitik, wollte Blocher der FDP den Rang als Wirtschaftspartei ablaufen. Dieses politische Erbe stellt Minder mit seiner Initiative auf die Probe. Zwar ist es nicht das erste Mal, dass Anspruch und Realität der SVP, eine Wirtschaftspartei zu sein, auseinanderdriften. Doch bislang war es Blocher selbst, der die Differenzen überdeckte. Bei der Abzocker-Initiative sieht es anders aus: Blocher stemmt sich dagegen, die Basis verweigert ihm zu grossen Teilen die Gefolgschaft.

Blocher betont, wie unbedeutend die Abstimmung ist. Wer ihm jedoch am Parteitag der SVP Aargau zugehört hat, kommt zu einem anderen Schluss. Der Parteistratege war zornig. Die Initiative gefährde Tausende von Arbeitsplätzen. Er stellte die Initiative gar in den Kontext zum EWR-Nein: «Dafür habe ich nicht für die Unabhängigkeit gekämpft.» Mit Blocher verliert der SVP-Wirtschaftsflügel. Zu diesem gehören Blochers Zöglinge wie die Nationalräte Gregor Rutz und Thomas Aeschi oder der Banker Thomas Matter. Minder läuft den Zukunftshoffnungen der SVP den Rang ab, obschon er nicht einmal der Partei angehört. In der Frage der Abzockerei vertraut die Basis Minder. Der KMUler gilt als Anwalt der kleinen Leute.

In der Öffentlichkeit schiesst Minder scharf: «Politik ist kein Märchenland, sie agiert unterschwellig und verlogen. Sie lebt von der Eigenprofilierung der Politiker.» Paradebeispiel dafür sei Christoph Blocher, schrieb er in einem Inserat. Der Ständerat distanziert sich so vom politischen Betrieb, er diskreditiert das Parlament in blocherscher Manier. Überhaupt: Minder gleicht Blocher. Hemdsärmlig, unzimperlich, stur. Er, der sich als Antipolitiker gibt, ist ein politisches Talent. Deshalb weiss er, wann er den Modus wechseln muss. Die persönlichen Attacken gegen Blocher, die ihm in den Medien maximale Aufmerksamkeit bringen, lässt er aussen vor, wenn er ihm direkt gegenübersteht. In Boniswil rückte er die Gemeinsamkeiten mit Blocher in den Vordergrund. Minder agiert opportun. Er spielt auf der politischen Klaviatur so virtuos wie sein Vorbild Blocher.

Dazu gehört, dass er Blochers «Wortbruch», den er als normalen politischen Vorgang taxiert, empört ausschlachtet. Die «Wankelmütigkeit», die er Blocher unterstellt, ergreift ihn aber von Zeit zu Zeit selbst. Seinen Entscheid für eine Ständeratskandidatur war ein Hin und Her. Oder um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Minder warnt davor, die Aktionäre über das Vergütungsreglement abstimmen zu lassen. Genau darauf hatten sich Minder und Blocher in ihrer Einigungslösung verständigt. Heute streitet er dies ab. Stattdessen bezeichnet Minder Politiker als «Windfahnen» und nimmt sich dabei aus. Er kultiviert ein Image, dass ebenso wenig der Wahrheit entspricht, wie dasjenige Blochers, als Mann der einfachen Leute.

Eine Abstimmung über die Abzocker-Initiative wollte Blocher mit allen Mitteln verhindern. Er wusste genau, dass ihm der Spagat zwischen Wirtschaftsliberalismus und Populismus in dieser Frage nicht gelingen wird. Der Trybol-Chef blieb von Blochers Bemühungen unbeeindruckt. Minder habe begriffen, dass der Gegenvorschlag besser sei. Doch er wollte nicht zurückziehen, weil ihm sonst die Leute die «Bude eingerannt hätten», erzählt Blocher am Donnerstag. Minder widersprach ihm nicht. «Es gehört in der Politik dazu, Entscheide zu fällen, welche die anderen nicht sofort verstehen. Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr und seien Sie mutig», rief Blocher seiner Partei zu. Doch mutig findet die SVP-Basis den Kontrahenten, der gegen die Wirtschaftseliten kämpft. Wie es Blocher einst beim EWR tat.