In Ruanda tragen die Menschen ihre besten Kleider. Das ist jedenfalls der allgemeine Eindruck, den man bekommt. Auch in Gitarama, der Kleinstadt, wo man kaum je einen Weissen sieht, und auch auf dem Land, wo einem Kinder manchmal über den Arm streichen: Ob die Farbe wohl hält? Aber der Eindruck trügt. Auf dem Land wohnen die meisten Einheimischen in Häusern aus grob getrockneten Lehmziegeln, ohne Boden – und wenn das Dach nicht ganz dicht ist, zerfällt das Ganze bald. Um die Häuschen hat es auch Gärtchen, aber die Erträge reichen knapp aus, um den Familien eine Mahlzeit im Tag zu bieten.

Die Familien, die wir besuchen, sind nicht unbedingt Familien, wie wir sie kennen. Es sind Familien, die statt Eltern einen «chef de ménage», einen Haushaltsvorstand, haben. Die Eltern sind gestorben (oft an Aids oder anderen Krankheiten) und haben ihre Kinder zurückgelassen. Nun müssen die älteren Kinder für ihre jüngeren Geschwister sorgen. «Chefs de ménage» sind dann Mädchen oder Knaben, oft kaum 12 Jahre alt, mit Geschwistern im Kleinkinderalter. Hilfe vom Staat gibt es nicht, der Staat möchte aber auch nicht, dass Hilfsorganisationen Waisenhäuser einrichten für diese Kinder.

Hilfe ist nötig, aber wie helfen?

Das «Bureau social» in Gitarama, das die Arbeit des Hilfswerks von Margrit Fuchs vor Ort koordiniert und die Projekte umsetzt, unterstützt die Familien. Als wir eintreffen, sind die Leute vom Hilfswerk schon da. Sie haben die Säcke mit Lebensmitteln bereits abgeladen und machen sich ans Inventar. Die «chefs de ménage», meist junge Frauen, sind auch da und warten, bis sie aufgerufen werden. Alle bekommen Lebensmittel. Die Säcke sind recht schwer, später werden sie wieder aufgeladen und mit den Toyota-Pick-ups des Hilfswerks «nach Hause» geliefert.

Das ist gut organisiert und sieht auch recht effizient aus. Aber das Setting erinnert an Katastrophen- oder Flüchtlingshilfe. Nahrungsverteilung halt. Die Frage stellt sich, ob eine Verteilung alle drei, vier Monate auch nachhaltig und wirkungsvoll ist. Was geschieht mit den Lebensmitteln in den Häusern? Wo werden sie aufbewahrt? Und: Ist Nahrung das Einzige, was den Waisenfamilien fehlt?

Mehr nötig als Nahrungsmittelhilfe

Regula Gloor, die Präsidentin des Stiftungsrates, kommt bald zum Schluss, dass es bessere Möglichkeiten der Hilfe gibt. Zusammen mit Frédéric, dem Geschäftsführer der Stiftung vor Ort, stattet sie den lokalen Behörden einen Besuch ab. «Können Sie uns einen Raum zur Verfügung stellen?», wird der Gouverneur gefragt. Und das kann er.

Das gemeinsame Mittagessen

Zusammen wird nun die Idee entwickelt, dass es sinnvoller ist, für die Waisenfamilien dreimal in der Woche zentral ein Mittagessen zu kochen. Die Kinder treffen mit Gleichaltrigen zusammen, sie können auch bei der Zubereitung der Mahlzeit beteiligt werden. Bei den Mittagessen ist auch eine erwachsene Betreuungsperson anwesend, an die sich die Kinder mit ihren Problemen wenden können. Sie kann auch weiterhelfen, wenn es Schwierigkeiten gibt mit dem Schulbesuch, mit gesundheitlichen Problemen und was sonst noch alles passieren mag.

Weiterhin wird Berthilde, die junge Frau, die vom Bureau social aus das Waisenprojekt betreut, die Kinder zu Hause zu besuchen, damit sichergestellt ist, dass auch in Sachen Kleider und Haushalt das Nötige da ist. Dass die Kinder auch zur Schule gehen können, wenn sie das Eintrittsalter erreichen. Besonders wichtig ist, dass der – bescheidene – Beitrag für die staatliche Krankenkasse auch bezahlt wird.

Die reichen Onkel treten zurück

Mit dieser Idee kann das Hilfswerk auch geistige Schranken überschreiten. Die Vorstellung: «Reiche Weisse verteilen ihre Gaben.» wird relativiert. Die Waisenaktion, wenn sie so aufgezogen wird, vermittelt auch ein soziales Gefühl: «Man kümmert sich um uns.» Das ist eigentlich mehr, als man für 150Franken kaufen kann. Und doch kostet es nur so viel.