Im Dezember mischte sich alt Bundesrat Moritz Leuenberger in die Abstimmung über die zweite Gotthardröhre ein. Der Alpenschutzartikel verbiete es, die Verkehrskapazität am Gotthard zu erweitern, sagte er im Interview mit dem «TagesAnzeiger». «Doch die Vorlage, über die wir im Februar abstimmen, brächte eine solche Kapazitätserweiterung.» Die Befürworter könnten noch so lange behaupten, die zweite Spur werde nicht genutzt. Für den ehemaligen Verkehrsminister ist klar: «Diese Vorlage ist verfassungswidrig.»

Das «kommunikative Problem»

Abgesehen davon, dass es unüblich ist, dass Alt-Bundesräte bei Projekten ihrer Nachfolger dazwischenfunken, war Leuenberger selbst nicht immer ein vehementer Gegner der zweiten Röhre. Das zeigt zumindest ein Blick in die Ratsprotokolle. Als Antwort auf einen Vorstoss des früheren Tessiner Ständerats Dick Marty (FDP) zur Sicherheit am Gotthard sagte Leuenberger 1999: «Ein allfälliger zweiter Tunnel, gewünscht aus Sicherheitsgründen – eben nicht gewünscht als zweiter Alpendurchgang –, ist keine verwerfliche Idee.» Deshalb weise der Bundesrat diese Idee auch nicht einfach zurück.

Leuenberger erklärte damals, die Reparaturen im Gotthardtunnel würden sukzessive zunehmen. Obwohl ein «Sicherheitstunnel» als Option zur Diskussion stand, hielt er fest, dass der Bundesrat keinen zweiten Alpendurchgang plane. Seine vorsichtige Formulierung begründete er mit den Medien, die rasch den Verdacht verbreiten würden, mit einem «Sicherheitstunnel» sei eigentlich ein verfassungswidriger zweiter Tunnel geplant. Es bestehe also zumindest ein «kommunikatives Problem».

Die Sicherheit als Argument

Zehn Jahre später standen erneut zwei Vorstösse der Tessiner Ständeräte zur Diskussion. Beide verlangten sie Abklärungen zum Bau einer zweiten Röhre, um den Gotthard-Strassentunnel zu sanieren. Leuenberger wiederholte, es dürfe damit keine Kapazitätsausweitung geben. In Bezug auf die Verkehrssicherheit sagte er aber: «Es wäre durchaus möglich, aus Sicherheitsgründen einen Tunnel mit je einer Spur zu bauen.» Das würde der Sicherheit «auf jeden Fall» dienen.

Die Vorsehung des Vorgängers

Mit dem Verständnis für den Bau einer zweiten Röhre ist es vorbei. Im erwähnten Interview sagte Leuenberger, es glaube ja kein Mensch, dass das Versprechen des Bundesrats eingehalten werde, dass die Tunnels nach der Sanierung nur einspurig betrieben würden. Tatsächlich kämpft die heutige Verkehrsministerin Doris Leuthard mit dem «kommunikativen Problem», das ihr Vorgänger vor 17 Jahren vorausgesehen hatte: Dass der Bau eines Sanierungstunnels ohne Kapazitätserhöhung, also ohne Bruch mit der Verfassung, möglich sei.

Was aber hat alt Bundesrat Moritz Leuenberger zu einem Meinungswechsel bewogen? Auf Anfrage sagte er, zwischen den Aussagen von damals und heute bestehe keine Differenz und schon gar kein Meinungswechsel. «Dass zwei richtungsgetrennte Röhren sicherer sind als eine beidseitig befahrene, ist evident.» Das habe er sowohl damals als auch im Interview gesagt. Leuenberger: «Diese grössere Sicherheit rechtfertigt aber nicht, verfassungswidrig vorzugehen. Das richtige Vorgehen wäre, den Alpenschutzartikel mit einer Verfassungsänderung rückgängig zu machen.» Seine Aussagen im Ständerat seien «klar ein Votum gegen zwei Röhren» gewesen.