Sie waren von Beginn weg klare Favoritin. Wie gross war die Erleichterung nach der Wahl?

Karin Keller-Sutter: Ich war schon erleichtert. Wenn man plötzlich den eigenen Namen hört, wird man sich bewusst: Es ist real, auch wenn ich die Wahl noch nicht realisiere. Plötzlich findet man sich in einem anderen Umfeld wieder:  Der Wahlgang, das Ergebnis, man legt den Eid ab, dann das Treffen mit dem Bundesrat. Ich hatte noch gar keine Zeit, das alles zu verarbeiten. Das kommt wohl erst in den nächsten Tagen.

Geht es bis zur Amtsübergabe am 1. Januar 2019 in diesem Takt weiter?

Ja. Bereits am Donnerstag um 8 Uhr beginnt das ganztägige Briefing mit der Bundeskanzlei Am Donnerstag beziehe ich ein Büro, bekomme ein neues Telefon, eine neue Mailadresse. Ich erhalte ein neues Leben. Am Freitag ist dann die Bundesratssitzung mit anschliessender Departementsverteilung. Ich bin eigentlich müde vom Wahlkampf, muss jetzt aber noch bis Ende Session durchhalten und hoffe danach Zeit zum Durchatmen zu haben.

Karin Keller-Sutter vor den Medien: «Die Favoritenrolle war nicht immer angenehm»

Karin Keller-Sutter vor den Medien: «Die Favoritenrolle war nicht immer angenehm»

Die neugewählte Bundesrätin war von Anfang an die Favoritin im Rennen. Doch das war nicht immer von Vorteil.

Unter dem Weihnachtsbaum werden Sie keine Akten lesen?

Nein, ich denke nicht (lacht). Ich habe gelernt, dass man sich auch selbst führen muss. In einem solchen Amt bedeutet das, sich abgrenzen, wenn man nicht in einer Erschöpfung enden will.

Dem Bundesrat wird vorgeworfen, zuletzt nicht sehr führungsstark gewesen zu sein. Wie wollen Sie hier eine neue Dynamik entfachen?

Mit zwei neuen Personen im Bundesrat ändern sich die Dynamik und die Zusammenarbeit automatisch. Ich werde versuchen, Debatten zu befördern. Wichtige Vorlagen muss man auch infrage stellen dürfen. Das erwarte ich auch bei meinen eigenen Dossiers. Die Sicht von jemandem aus der SP oder SVP muss einfliessen können, die Diskussion muss geführt werden. Das setzt den Willen voraus, sich mit den Dossiers der Kollegen auseinanderzusetzen.

Sie werden also aktiv Mitberichte verfassen zu Geschäften der Kollegen. Wie viel Zeit werden Sie in die Dossiers der Kollegen investieren?

Fragen Sie mich in einem Jahr. Ich weiss noch nicht einmal wie viel Zeit ich in die eigenen Dossiers investieren werden muss.

Die Ostschweiz freut sich auf ihre Bundesrätin, was bringt Ihre Wahl der Region?

Wicht ist mir, dass ich in der Ostschweiz sichtbar bin, dass die Bevölkerung mich sieht. Das war bei Kurt Furgler so und auch bei Hans-Rudolf Merz. Die Ostschweizer Regierungen und Parlamentarier bekommen mit mir einen direkten Zugang zum Bundesrat. Es wäre mir wichtig, Treffen mit Ostschweizer Parlamentariern zu institutionalisieren. Vieles spielt sich auf dieser Ebene ab: Man sieht sich, informiert sich gegenseitig und tauscht sich aus.

Sie haben in ihrer Antrittsrede von einem „dornenreichen“ Kapitel in der Geschichte der FDP Frauen gesprochen und damit den erzwungenen Rücktritt der ersten FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp angesprochen. Warum haben Sie das Thema aufgegriffen?

Weil es noch immer ein Thema ist in der Partei, auch wenn man gegen Aussen nicht darüber spricht. Die Geschichte von Frau Kopp ist präsent ‑  nicht nur bei Frauen, auch bei Männern. Tatsache ist, dass es FDP-Frauen trotz Kandidaturen nicht gelungen ist, in den Bundesrat gewählt zu werden. Mir ging es vor acht Jahren selbst so. Dass es jetzt auch einer Partei wie der FDP mit zwei Sitzen gelingt, eine Frau im Bundesrat zu haben, beruhigt die Situation.

Gehört jetzt immer ein FDP-Sitz einer Frau?

Es könnten ja auch mal zwei FDP-Frauen sein (lacht). Es ist zu früh, um dies zu sagen.  Bundesratswahlen sind immer auch eine Frage der Konstellation. Jede Wahl hat ihre Geschichte. Bei der Wahl von Schneider-Ammann 2010 wollte das Parlament unbedingt einen Unternehmer, bei der Wahl von Ignazio Cassis stand die Einbindung des Tessins im Vordergrund. Welche Erzählung eine Wahl prägt, kann man im Voraus schlecht vorhersehen.