Es gab Gipfeli und Kaffee aus Plastikbechern, und um 8.47 Uhr jubelte Jacqueline Badran. Die Zürcher SP-Nationalrätin freute sich über den siebenhundertsten Unterstützer des Zeitungsprojekts «Republik».

Zu diesem Zeitpunkt am Mittwochmorgen ahnte von den über hundert Menschen, die zum Startschuss ins Hotel Rothaus gekommen waren, noch kaum jemand, dass bald mehr als zehnmal so viele Leute das Online-Magazin unterstützt haben würden.

Hinter «Republik» steht ein Team um die Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt. Nie hat ein Medienprojekt durch eine Kleinspendenkampagne mehr eingenommen. Bis Redaktionsschluss haben über 8700 Personen mehr als 2,2 Millionen Franken gespendet. Investoren hatten ihren Beitrag davon abhängig gemacht, ob es gelingt, bis Ende Mai 3000 Personen zu gewinnen. Als Geldgeber bekannt sind die Millionärsbrüder Meili.

NZZ-CEO unterstützt ebenfalls

Jacqueline Badran hatte die Nachricht vom siebenhundertsten Unterstützer vom Bildschirm von Nationalrat Balthasar Glättlis Laptop abgelesen. Der Grüne erschien mit SP-Nationalrätin Min Li Marti ebenfalls zur Lancierung der «Republik» im Hotel Rothaus. Überschwängliches Lob von Politikern hat auf Journalisten in der Regel den gleichen Effekt wie Tageslicht auf Vampire. Vor allem wenn es nur aus einem politischen Lager kommt. Und nicht nur der frühmorgendliche Jubel verbindet die «Republik» mit der Linken. Hinter der Rekordkampagne steht Andrea Arezina. Die Vizepräsidentin der SP des Kantons Zürichs bodigte vor einem Jahr mit dem «dringenden Aufruf» die Durchsetzungsinitiative und leitete die Nein-Kampagne zur Unternehmenssteuerreform III.

Wie links wird das Medienprojekt «Republik», das angetreten ist, um nichts weniger als «die Demokratie gegen die Barbarei zu verteidigen»? Gründer Christof Moser, der zuvor Redaktor dieser Zeitung war, winkt ab: «Die Republik wird keine linke Zeitung. Wir sind vor allem kritisch und unabhängig und werden die Redaktion ausgewogen besetzen.» Er verweist auf Unterstützer aus anderen politischen Lagern.

Tatsächlich haben die CVP-Nationalrätin Kathy Riklin und der ehemalige FDP-Kantonsrat Ulrich E. Gut eine Videobotschaft zugunsten der «Republik» aufgenommen.

Auch der freisinnige Alt-Ständerat Felix Gutzwiller und der CEO der «Neuen Zürcher Zeitung» Veit Dengler unterstützen das Projekt mit Namen und Bild. Bei der «Wochenzeitung» hat denn auch niemand Angst, die Leser könnten bald zum neuen Magazin abwandern. «Sorgen muss sich eher der Tages-Anzeiger machen», sagt der stellvertretende Redaktionsleiter Kaspar Surber. Viele langjährige linksliberale Leser seien enttäuscht von Tamedia. Surber sieht den Erfolg von «Republik» als Statement für unabhängigen Journalismus.

Die früh euphorisierte Jacqueline Badran sagt indes auf Anfrage, es sei nebensächlich, ob die «Republik» links sei. Sie lese seit 35 Jahren die über jeden Verdacht der Linkslastigkeit erhabene «NZZ». Sie erhofft sich vom Projekt ein Signal an die traditionellen Medienhäuser, auch in den Journalismus zu investieren.