Imame stehen in schiefem Licht. Und das nicht erst, seit diese Zeitung gestern publik machte, dass ein Imam in Gebenstorf wegen Verdacht auf Kontakt zu Radikalen unter Tumulten abtreten musste. Und auch nicht erst, seit in Biel ein Imam als Hassprediger entlarvt wurde. Imame, die Moscheegängern radikale Ideen eintrichtern, will niemand. Ausser die Extremisten selbst. Sie bereiten den Nährboden, aus welchen sich Terroristen und Dschihadisten rekrutieren lassen.

Rede endet in Moschee mit Massenschlägerei

Rede endet in Moschee mit Massenschlägerei (Tele M1-Beitrag vom 31.08.2017)

In Gebenstorf führte die Abschiedsrede eines radikalen Imams zu einer Prügelei. 90 Personen der islamisch-albanischen Gemeinschaft wurden kontrolliert.

Was soll man dagegen tun? Diskutiert werden nun vor allem repressive Massnahmen seitens der Behörden. Diese müssen sich kritische Fragen gefallen lassen: Weshalb schauen sie nicht genauer hin, weshalb kann wie im Fall Biel ein Langzeitarbeitsloser Sozialhilfe beziehen in einem rechtsstaatlichen System, das er in seinen Predigten verhöhnt?

Auch wenn Behörden und Muslimvertreter jeden Fall eines Hasspredigers, der ans Licht kommt, als Einzelfall taxieren, lassen sich die Probleme mit Repression und besserem Hinsehen allein kaum lösen. Hinter den Moscheen stehen üblicherweise privatrechtlich organisierte Vereine. Eine Kontrolle darüber, woher die Imame kommen und was genau sie ihrer Gemeinde sagen, ist fast unmöglich.

Erbitterter Widerstand der SVP

Ein Weg wäre es, die Imame in der Schweiz auszubilden. Alle Imame – auch die gut integrierten – haben ihre theologische Ausbildung im Ausland erhalten. Denn in der Schweiz ist die Ausbildung zum Imam nicht möglich. Das soll sich ändern, findet nun der ehemalige Rektor der Universität Basel, Antonio Loprieno. «Jetzt ist es an der Zeit, eine Imamausbildung in der Schweiz zu entwickeln», sagt er zur «Nordwestschweiz».

Die Idee einer Ausbildungsstätte für angehende Imame in der Schweiz ist zwar nicht neu, fristete aber in den letzten Jahren eine Art Dornröschenschlaf. Loprieno selbst präsidierte eine vom Bund im Jahr 2010 eingesetzte Arbeitsgruppe zum Dialog zwischen Muslimen, Wissenschaft und Gesellschaft, welcher 2015 in der Eröffnung des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) an der Universität Freiburg mündete. Nun ist Loprieno Präsident des Beirats des SZIG, in dem Funktionäre muslimischer Verbände, Forscher, Behördenmitglieder und Politiker sitzen.

Loprieno will dem Anliegen nun neuen Schwung verleihen, auch wenn er betont, seine private Meinung zu äussern. Der SZIG-Beirat habe bezüglich Imamausbildung weder einen Beschluss noch eine Meinung gefasst. Loprieno aber findet, die Frage zu einem Schweizer Ausbildungsgang für Imame stelle sich heute dringlicher als noch vor wenigen Jahren.

Damals stiess sogar das Zentrum für Islam und Gesellschaft in Freiburg auf Widerstand, obwohl explizit keine Imam-Ausbildung angeboten wird. Der Widerstand der kantonalen SVP-Sektionen gegen das Zentrum war gross. Erst als das Bundesgericht eine kantonale Volksinitiative gegen das Hochschulzentrum für ungültig erklärte, ebbte der Widerstand ab.

Eine Schweizer Ausbildung für Imame ist unter SVP-Politikern bis heute jedoch ein No-Go geblieben. Erst im Frühling verabschiedete das Parlament in Bern äusserst knapp einen Vorstoss der Zürcher EVP-Nationalrätin Maja Ingold, in dem der Bundesrat aufgefordert wurde, in einem Bericht aufzuzeigen, welchen Beitrag in der Schweiz ausgebildete Imame gegen Radikalisierungstendenzen leisten könnten.

Aus den Reihen der SVP erhielt das Anliegen keine einzige Stimme, und auch aus der FDP gab es mit einer einzigen Ja-Stimme des Solothurner Stadtpräsidenten Kurt Fluri so gut wie keinen Sukkurs.

Anders eingestellt ist diesbezüglich die Bevölkerung. So sprachen sich bei einer repräsentativen Umfrage des «SonntagsBlicks» kürzlich 55 Prozent der Befragten dafür aus, dass Imame an einer Schweizer Universität ausgebildet werden müssten. Gar 65 Prozent forderten, dass die Predigten in Schweizer Moscheen zwingend in einer Landessprache gehalten werden müssen.

Die Umfrage nahm auch Antonio Loprieno interessiert zur Kenntnis. «Noch vor zwei, drei Jahren wäre ein ganz anderes Resultat herausgekommen», ist er überzeugt.

Schlecht integrierte Imame

Von beiden Wunschzielen ist die Schweiz indes meilenweit entfernt. Viele der Imame in der Schweiz sprechen weder fliessend eine Landessprache, noch kennen sie die Lebensrealitäten ihrer Moscheegänger.

Hinkt die Politik also den Wünschen der Bevölkerung hinterher? Nicht nur. Auch die muslimische Gemeinschaft ist sich in der Frage über eine Ausbildung der Imame in der Schweiz uneins. Für viele Moscheevereine ist es kostengünstig und praktisch, aus dem Heimatland einen Imam entsendet zu bekommen.

Die Frage der Finanzierung wirkt denn wie ein Schreckgespenst, auch bei Politikern. Die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann etwa bekämpfte den Vorstoss von Maja Ingold mit dem Argument, dass Berichte viel kosten, aber nichts bringen.

Auch sind Bildungsthemen Hoheitsgebiet der Kantone, was es für den Bund schwieriger macht, eine Lösung vorzuschlagen. Teilt man Loprienos Zuversicht, so wächst aktuell jedoch die Mehrheit derer, welche die Integration von wichtigen Bezugspersonen der Muslime für zwingend halten. Was Imame für den praktizierenden Teil der Muslime zweifelsohne sind.