«Stadt der Alpen», so verlockend Thun mit dem Slogan um Besucher wirbt, so anziehend wirkt er auf ältere Menschen. In keiner anderen Schweizer Stadt ist der Anteil Rentner, gemessen an der erwerbstätigen Bevölkerung, grösser als in Thun. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik. Nur Lugano ist unter Senioren annähernd so attraktiv. Die Sonnenstube Tessin ist das «Florida der Schweiz». Entsprechend viele Rentner ziehen für ihren dritten Lebensabschnitt hin.

Die Berner kaufen in Thun ein

Weniger exotisch, dafür umso bodenständiger ist Thun. Die Überalterung ist hier besonders spürbar: Auf 100 Erwerbstätige kommen 36 über 65-Jährige. Immer weniger Jüngere, die für immer mehr Rentner AHV einzahlen – die demografische Entwicklung macht vor allem in der ländlichen Schweiz grosse Sprünge. Warum auch in Thun?

Wer durch die Stadt schlendert, der trifft tatsächlich viele zufriedene Rentner an, die gemütlich ihre Einkäufe erledigen. Wer Thun aber im Sommer besucht, glaubt sich in einem Tollhaus, wenn sich unzählige Jugendliche in Bikini und Badeshorts im Stadtzentrum tummeln um sich von einer der Stadtbrücken in die kühle Aare zu stürzen.

Am Aare-Quai treffen wir Alice und Gottfried Weber. Strammen Schritts kommen sie vom nahen Steffisburg her. Sind sie am Spazieren? «Nein, wir gehen. Spazieren kann man im Alter immer noch», sagt Alice Weber keck. Ihr genaues Alter wollen Webers nicht verraten. Nur so viel: «Schreiben Sie mit Jahrgang in den Dreissigern.» Das Paar ist ursprünglich nicht aus der Region. Webers waren in den Siebzigern aus dem Aargau hergezogen. Gottfried als Servicetechniker in der Gebäudetechnik. Ihren Dialekt haben die beiden nie abgelegt. «Trotzdem fühlten wir uns hier nie wie Fremde», sagt Gottfried. Nach der Pensionierung gab es für das Paar keinen Grund, wegzuziehen. Ihre Freunde waren da und nicht mehr im Aargau. «Hier haben wir alles: Einkaufsmöglichkeiten, den See, die Aare, was wollen wir mehr?»

Doch ziehen Menschen gezielt hierher nach ihrer Pensionierung? Webers wissen von Baselbietern, die extra nach Thun gezogen sind. Wir treffen den Thuner Gemeinderat und Sozialvorsteher Peter Siegenthaler im City-Café, wo der Café crème drei Franken kostet. Teppich, Tapeten, altmodische Einrichtung – das City-Café ist gerade wegen des altertümlichen Kaffeepreises für Senioren ein Hit.

Aus den Bevölkerungszahlen kann Siegenthaler keinen klaren Trend herauslesen, dass Menschen über 65 gezielt nach Thun ziehen. Auch keine Abwanderung der Jungen. Er erzählt: «Meine Frau, die einen Laden um die Ecke führt, hat Kunden, die extra nach Thun zum Einkaufen kommen. Auch ältere Menschen aus Bern. Sie sagen ihr, Bern sei ihnen zu gross. Sie schätzen die Übersicht, die ihnen das kleinere Thun bietet.»

Thun ist zwar die elftgrösste Stadt der Schweiz, bleibt aber mit seinen 43 000 Einwohnern überschaubar. Das Bälliz, die Insel zwischen den beiden Aareläufen, ist die Fussgänger- und Einkaufszone und zum Flanieren prädestiniert. Hier ist Geranien-Schweiz. Gepaart mit der obligaten Plastikmöbel-Aussenbestuhlung, die viele ältere Menschen zu nutzen wissen. Thun – das Freilicht-Altersheim schlechthin?

Ein neues totes Wohnquartier

Sozialdirektor Siegenthaler betont: «Wir wollen keine Stadt der Älteren werden. Wir fördern den Zuzug älterer Menschen nicht und wollen, dass alle bei uns ihren Platz haben.» Die Entwicklung aber ist unaufhaltbar. Bis zum Ende der übernächsten Legislatur 2022 rechnet die Stadt mit einer Zunahme der 65- bis 79-Jährigen um 24 Prozent. Bei den Hochbetagten, den über 80-Jährigen also, sogar um über 32 Prozent.

Viele ältere Thuner haben Geld und besitzen Häuser an bester Lage, hoch über dem See, wie Hanspeter Kämpf. Der 72-jährige ehemalige Abteilungsleiter einer grossen Thuner Baufirma bestellt gerade den Garten. Die Sonne brennt an den Südhang und die Osterglocken blühen. Kämpfs Chalet steht auf der Lauenen. Es ist der perfekte Ort zum Älterwerden – solange Menschen wie Kämpf mobil bleiben. «Die steile Strasse hier hoch ist nichts für Gehbehinderte», sagt Kämpf.

Thun hat wenig Baureserven. Trotz der Verkleinerung der Armee ist sie die Garnisonsstadt geblieben. Die Thuner Allmend, der Waffenplatz, die Kaserne – sie prägen das Stadtbild und bieten keinen Platz für Wohnungsbau. Dafür wurde das ehemalige Emmi-
Areal neben den Bahngleisen überbaut. Die neuen Wohnungen sind nicht günstig. Entsprechend zieht es auch ältere Menschen dorthin. Oder auf das ehemalige Selve-Fabrikareal. In der ehemaligen Thuner Partymeile, wo noch vor einem Jahrzehnt die Bässe wummerten, steht heute ein totes Wohnquartier ohne Läden und Geschäfte.

Ein Jugend-Club ohne Junge

Eingeklemmt zwischen den neuen Wohnquartieren, steht das Café Mokka, der Konzert-Club von Pädu Anliker. Das Stadtoriginal, die Lidschatten geschminkt, ist einer, der nie um eine Antwort verlegen ist. Die Jugend wurde in seinem Musik-Club sozialisiert, pflegt er zu sagen.

Wurde, denn die Jugend hat sich vom Club abgewandt und «hängt lieber auf dem Mühli-Platz herum oder starrt aufs Smartphone», so Anliker. Die Digitalisierung ist schuld. Für ihn ist klar, weshalb es die Alten nach Thun zieht: «Sieh dir doch mal diese atemberaubenden Berge an. Das Panorama ist einfach wahnsinnig.» Anliker betont, keiner von denen zu sein, die im Alter zum Bergfan mutieren. «Von unten sind sie okay», sagt er. Der Anblick sei nicht einmal Kitsch, «sie sind ja real!».

Die Alten sind da, die Jugend aber, die ziehe weg, so Anliker. «Thun ist gut zum Rumhängen und Kiffen. Mehr nicht, danach ziehst du weg, nach Bern. Und du merkst, dass Bern das noch grössere Kaff ist, dann nach Zürich, das auch nicht minder Provinz ist.»

Aus der «Stadt der Alpen» ist die «Stadt der Alten» geworden. Und Pädu Anliker ist mit seinem Café Mokka längst arriviert. «Etabliert!», korrigiert er. «Aber es ist schon so: Ich nähere mich wie mein Publikum dem AHV-Alter. Sogar ideell stehen mir die 65-Jährigen mittlerweile näher als die Jungen», sagt Anliker und macht sich am Klavier mit Jahrgang 1903 zu schaffen. Am Abend läuft im «Jugend»-Club Jazz. Wie das Publikum wohl aussehen wird?