Die gute Nachricht zuerst: Schwangerschaftsabbrüche werden in der Schweiz im internationalen Vergleich weniger häufig vorgenommen. In den letzten Jahren sind sie zudem kontinuierlich zurückgegangen. 2017 sank die Zahl der Abtreibungen erstmals auf 10'000. Zehn Jahre zuvor bewegte sie sich noch zwischen 10'600 und 11'000. Dies zeigen die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Die schlechte Nachricht: 10'000 Schwangerschaftsabbrüche sind noch immer viele. Schon mehrmals forderten Politiker in der Vergangenheit deshalb, dass der Bund den Zugang zu Verhütungsmitteln verbessern solle. Jetzt kommt das Thema erneut auf die politische Agenda: Die SP-Nationalräte Yvonne Feri (AG) und Mathias Reynard (VS) haben dazu je einen Vorstoss eingereicht.

Ein niederschwelliger Zugang zu Verhütungsmitteln, so ihre Argumentation, verbessere die Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten und ungewollter Schwangerschaften – und folglich die persönliche Lebensgestaltung. Reynard will, dass unter 25-Jährige die Kosten für Kondome, Pille und andere Verhütungsmittel zurückerstattet bekommen. Auch Arztkonsultationen und Untersuche sollen für sie gratis sein.

Feri bleibt in ihrer Forderung offener: Der Bundesrat solle in einem Bericht aufzeigen, wie er den Zugang zur Verhütung für alle garantieren kann – mit besonderem Fokus auf «vulnerable Gruppen» wie Jugendliche, Flüchtlinge, Behinderte oder von Armut betroffene. «Wenn zum Beispiel Jugendliche günstiger Verhütungsmittel erhielten, käme es zu noch weniger Schwangerschaftsabbrüchen», ist die SP-Frau überzeugt. «Mit einem solchen Bericht könnten wir exakt ableiten, wo wir noch Handlungsbedarf haben.»

Bei der Verhütung wird oft gespart

Doch weshalb braucht es einen besseren Zugang, wenn es doch bereits Kondome für etwa einen Franken pro Stück im Migros, Coop oder an Selecta-Automaten zu kaufen gibt? «Kondome sind zwar günstig, andere Verhütungsmittel wie Spiralen oder Pillen sind für Frauen aber sehr kostspielig», argumentiert Yvonne Feri, die seit kurzem Stiftungsrätin der Dachorganisation Sexuelle Gesundheit Schweiz ist. «Ausserdem ist erwiesen, dass viele Leute eben dort sparen. Ebenfalls erwiesen ist, dass es für Jugendliche eine ziemliche Überwindung ist, sich bei den Eltern oder beim Frauenarzt erstmals nach Verhütungsmitteln zu erkundigen.» Wie Mathias Reynard würde sie es begrüssen, wenn Arztkonsultationen günstiger wären – und Kondome für gewisse Gruppen wie Jugendliche gänzlich kostenfrei würden. Zu Letzterem will sie demnächst einen weiteren Vorstoss einreichen.

Bund lehnte Forderung bislang ab

Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt, dass die Schweiz in diesem Bereich tatsächlich bloss mittelmässige Noten erhält. Sämtliche Staaten Westeuropas mit Ausnahme von Italien und Dänemark stehen gemäss dem «Contraception Atlas» der Europäischen Union deutlich besser da. Ein bedeutender Faktor ist, dass Verhütung vielerorts staatlich finanziert wird. Doch auch punkto Aufklärung und Information schneiden die anderen Staaten teilweise besser ab. Zum Beispiel haben viele Länder ein flächendeckenderes Beratungsangebot, als dies in der Schweiz der Fall ist. Am Schluss des Rankings steht das katholische Polen, das die strengsten Gesetze gegen Abtreibung in Europa hat. Abtreibungsgegner wollen diese aktuell sogar weiter verschärfen.

Die Chancen dafür, dass sich punkto Zugang zu Verhütungsmitteln in der Schweiz etwas bewegt, stehen allerdings nicht sehr gut. Der Grund liegt freilich nicht in der Religion, sondern im Föderalismus. So lehnt der Bundesrat den Vorstoss von Feri mit der Begründung ab, dass für die Umsetzung vorwiegend die Kantone zuständig seien. Feri sagt dazu: «Die Umsetzung der Gesundheitspolitik liegt zwar bei den Kantonen. Gerade im Bereich der Verhütung sind die Unterschiede aber enorm.» Demnach kennen manche Kantone beispielsweise Unterstützungszahlungen für Asylbewerberinnen und manche nicht. «Der Bund müsste bei diesem Thema deshalb eine Pionierrolle übernehmen und aktiv gegen solche Unterschiede vorgehen», so Feri.

Anders dürften dies viele Bürgerliche sehen. Auf Anfrage stellt sich beispielsweise SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi hinter die Haltung des Bundesrates, dass es sich hierbei klar um eine kantonale Kompetenz handle. Wann die beiden Vorstösse im Parlament behandelt werden, ist noch nicht bekannt.